Um gegen die Diskriminierung von Schwarzen in den USA zu demonstrieren, knien Spieler des Footballteams der Woodrow Wilson High School in Camden während der Nationalhymne

16.3.2018 | Von:
Christopher Vials

White Supremacy. Geschichte und Politik des Weißseins in den USA

Vom Klan zur Southern Strategy

Es dürfte nicht überraschen, dass die institutionelle Bevorzugung Weißer immer wieder zum Aufkommen politischer Bewegungen geführt hat, die danach streben, dieses Privileg zu bewahren. Dies geschah vor allem in Phasen, in denen die Begünstigten ihre Privilegien bedroht sahen. So hatten rassistische Institutionen stets die aktive Intervention von Rassisten nötig, um weiter Bestand zu haben. Im 20. Jahrhundert gehörten zu den einflussreichsten dieser Bewegungen der Ku-Klux-Klan (1920er Jahre), die Christian Front von Charles Coughlin (1930er Jahre) sowie die American Independent Party von George Wallace (späte 1960er und frühen 1970er Jahre). Diese Bewegungen wiesen eindeutig faschistische und autoritäre Merkmale auf.[15] Der Schwerpunkt soll hier auf den Klan und George Wallace und seine Bewegung gelegt werden, weil diese beiden Gruppen weitreichenden Einfluss auf US-Institutionen hatten.

Der Ku-Klux-Klan wurde 1865 von ehemaligen Konföderierten im Süden der USA gegründet, jedoch während der reconstruction – jener Phase, in der die aus den USA ausgetretenen Südstaaten wieder in die Union eingegliedert wurden – von den Besatzungstruppen des Nordens zurückgedrängt. Nach seiner Neugründung 1915 entfaltete er schließlich seine größte Wirkung: In den 1920er Jahren dehnte der Klan seinen Einflussbereich über den Süden hinaus aus und wurde zur Mainstream-Organisation. Seine Mitglieder waren weitestgehend weiße, der Mittelschicht angehörende und in Kleinstädten ansässige Protestanten, und ihre Hauptangriffsziele waren nicht Schwarze, sondern Neuzuwanderer aus Ost- und Südeuropa, Asiaten und Juden. Der Einfluss des Klans war so groß, dass Politiker aus den Staaten des Mittleren Westens und den Südstaaten davor zurückschreckten, sich kritisch über ihn zu äußern; es gelang dem Klan sogar, seine Mitglieder in den US-Senat und das Repräsentantenhaus wählen zu lassen. Ihr Hauptziel bestand darin, die Macht von Neuzuwanderern zu begrenzen, insbesondere mittels Einwanderungsbeschränkungen.[16] Darin waren sie erfolgreich: Ohne ihre Einflussnahme wäre die Verabschiedung des Johnson-Reed Act von 1924 kaum vorstellbar gewesen.

Während der Klan auf dem Höhepunkt seines Einflusses versuchte, die Privilegien der Weißen zu bewahren, indem er Weißsein enger definierte und auf Protestanten westeuropäischer Herkunft beschränkte, hatte es die einflussreichste Bewegung der white supremacy des späten zwanzigsten Jahrhunderts auf Afroamerikaner und die Bürgerrechtsbewegung abgesehen: Zu Beginn der 1960er Jahre setzte sich der Demokrat George Wallace als Gouverneur des US-Bundesstaats Alabama an die Spitze einer landesweiten Anti-Bürgerrechtsbewegung. Später als Kandidat einer kurzlebigen Partei namens American Independent Party stellte er sich 1968 und 1972 für das Amt des US-Präsidenten zur Wahl.

Die Niederlage von Wallace 1968 und sein gescheiterter Wahlkampf 1972 hätten ihn zu einer Fußnote der Geschichte werden lassen, wäre da nicht seine Langzeitwirkung auf die US-amerikanische Politik. Da Nixon zu Recht befürchtete, Wallace könne ihm zu viele konservative Wähler abwerben, machte er sich 1968 in seinem Wahlkampf Wallaces Botschaft zu eigen und ging in seiner southern strategy auf die rassenbezogenen Ängste weißer Wähler ein.

In seiner Funktion als Gouverneur von Alabama hatte Wallace bereits einer rassistischen Politik den Weg bereitet, die zwar einerseits brachial daherkam, es jedoch andererseits vermied, Rassenzugehörigkeiten explizit anzusprechen und sich stattdessen auf Themen fokussierte, die vermeintlich frei von Rassenvorurteilen waren, beispielsweise Kriminalität, Sozialhilfe und die Rechte der Bundesstaaten. Nixons Berater erkannten, dass Wallace sich das bei weißen Wählern Ende der 1960er Jahre weitverbreitete Gefühl zunutze machte, die Forderungen der Bürgerrechtler seien "zu weit gegangen". Nixons Berater John Ehrlichman beschrieb die von Wallace inspirierte Strategie des Wahlkampfteams: Der Trick bestehe darin, Positionen zu Kriminalität, sozialem Wohnungsbau und Bildung so zu präsentieren, dass ein potenzieller Wähler "sich selbst gegenüber nicht eingestehen muss, sich von einer rassistischen Einstellung angesprochen zu fühlen".[17]

Nach 1968 übernahm die Republikanische Partei Wallaces Agenda als regulären Bestandteil ihrer Politik. Wallaces verschlüsselte rassistische Einstellung wurde später in Ronald Reagans Kampf gegen Drogen erkennbar. In den 1990er Jahren tauchte sie dann abermals im Narrativ des Kongressführers Newt Gingrich auf, demzufolge von Sozialhilfe abhängige Menschen (zu verstehen als Schwarze) die Ursache für übermäßig hohe Steuern waren. Institutionell manifestierte sie sich in einem Politikwandel in Bezug auf nichtweiße Vertreter der Arbeiterklasse – von der Unterstützung durch Sozialleistungen hin zu einer neuen Strategie der "Beherrschung" der Ghettos durch Massenverhaftungen. Nachdem die southern strategy in den 1980er Jahren mit der weiteren Verlagerung auf "Recht und Ordnung" maßgeblich zur nationalen Politik wurde, haben die Vereinigten Staaten heute eine der weltweit höchsten Inhaftierungsraten. Ehemalige Verbrecher – überproportional Schwarze und Latinos – dürfen sich in zahlreichen Staaten nicht an Wahlen beteiligen und sehen sich mit staatlich sanktionierter Diskriminierung auf dem Arbeitsmarkt konfrontiert.[18]

Mögen gegenwärtig auch einige Republikaner eine Abneigung gegenüber Trump empfinden, so entspringt sein politischer Aufstieg doch direkt der von ihrer Partei entwickelten southern strategy samt ihren institutionellen Wirkungen, die sich über Jahrzehnte hinweg entfaltet haben.

Zeichen der Solidarität

Da sie ein Produkt des modernen Kapitalismus ist, bleibt die white supremacy tief in der westlichen Welt verwurzelt. Sie bleibt für den amerikanischen Kapitalismus nützlich, da sie große Teile der Mittelschicht und der Arbeiterschaft dazu bringt, einen Kurs zu unterstützen, von dem in erster Linie Eliten profitieren. Weißsein ist allerdings auch kein immer stabil bleibendes politisches Gefüge in den Vereinigten Staaten. Es wurde zu verschiedenen Zeiten mithilfe von multiethnischer Mobilisierung erfolgreich herausgefordert: im Rahmen des Abolitionismus vor dem Sezessionskrieg, zu Zeiten der Popular Front (Volksfront) in den 1930er und 1940er Jahren und während der Bürgerrechtsbewegung und den radikalen Bewegungen der späten 1960er Jahre.

In jedem dieser Fälle trachteten nicht nur marginalisierte Gruppen danach, sich Rechte zu sichern, sondern es geriet ein ganzes System wirtschaftlicher Ungleichheit in Gefahr, weil die Allianz zwischen weißer Elite und Nicht-Elite zusammenbrach. So verbündeten sich beispielsweise in den 1930er und 1940er Jahren die "Weißen auf Probe" im Rahmen von Kampagnen mit dem Slogan "Black and White Unite and Fight" mit Schwarzen. Derlei Initiativen brachten "Weiße auf Probe" dazu, ihre politische Zugehörigkeit zu den Reichen zu kappen. Indem ein neuer Zusammenhalt mit denjenigen entstand, die auf der sozialen Leiter unter ihnen eingruppiert waren, konnten sie Arbeitsmarktreformen durchsetzen, die, in unterschiedlichem Ausmaß, der gesamten Arbeiterschaft zugutekamen.[19]

Derlei Zeichen der Solidarität treten heute erneut auf, wenn sich junge Weiße statt mit Trump als Vertreter der white supremacy mit Kandidaten wie Bernie Sanders identifizieren. Mag das Weißsein als Privileg in den USA auch tief verwurzelt sein, so ist seine Zukunft als politische Identität doch alles andere als gewiss.

Übersetzung aus dem Englischen: Peter Beyer, Bonn.

Fußnoten

15.
Christopher Vials, Haunted by Hitler. Liberals, the Left, and the Fight against Fascism in the United States, Amherst 2014; Rory McVeigh, The Rise of the Ku Klux Klan: Right-Wing Movements and National Politics, Minneapolis 2009, S. 62.
16.
Vgl. Rory McVeigh, The Rise of the Ku Klux Klan. Right-Wing Movements and National Politics, Minneapolis 2009.
17.
Zit. nach Dan Carter, From George Wallace to Newt Gingrich. Race in the Conservative Counterrevolution. 1963–1994, Baton Rouge 1996, S. 3.
18.
Vgl. Michelle Alexander, The New Jim Crow. Mass Incarceration in the Age of Colorblindness, New York 2010, S. 9, S. 43f.
19.
Vgl. Lizbeth Cohen, A Consumers’ Republic. The Politics of Mass Consumption on Postwar America, New York 2003, S. 69ff.; Nelson Lichtenstein, Class Politics and the State During World War II, in: International Labor and Working-Class History 58/2000, S. 261–274, hier S. 264.
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