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Um gegen die Diskriminierung von Schwarzen in den USA zu demonstrieren, knien Spieler des Footballteams der Woodrow Wilson High School in Camden während der Nationalhymne

16.3.2018 | Von:
Christian Werthschulte

Space is the Place. Kursorischer Trip durch den Afrofuturismus

Mythen und Maschinenwesen

In Detroit arbeiteten in den 1990er Jahren die Technoproduzenten Gerald Donald und James Stinson im Umfeld des Technokollektivs Underground Resistance an ihrer eigenen Version afroamerikanischer Mythen. Als Drexciya produzierten sie reduzierte, klare Electro-Tracks, die mehr mit der sterilen Maschinen-Ästhetik der Düsseldorfer Band Kraftwerk als mit den Collagen von Hip-Hop gemeinsam haben. Im Mythos Drexciyas wurden Tausende schwangere Sklavinnen während der Sklavenverschleppung über die middle passage – der Sklavenhandelsroute zwischen Afrika und Amerika – als Ballast über Bord geworfen. Weil die Nachkommen der Sklavinnen aber im Meer geboren wurden, lernten sie, mit flüssigem Sauerstoff zu überleben und unter Wasser zu atmen. Dort gründeten sie eine Zivilisation: Drexciya.

Donald und Stinson bedienten sich nicht nur bei Platons Atlantis-Mythos, den sie für die afrodiasporische Erfahrung umschrieben, sondern auch bei der afrikanischen Mythologie. Die Drexciyaner sind von der afrikanischen Wassergöttin Mami Wata inspiriert, die als "Mutter des Wassers" in der ägyptischen Mythologie die moralischen, sozialen und ökologischen Grundsätze der Gesellschaft festlegt. Mami Wata wird häufig als Frau mit langen Haaren dargestellt, deren Körper von Schlangen umflossen ist.[8]

2001 findet Mami Wata Eingang in den Mainstream: Im Video zu "We Need a Resolution" präsentierte sich die R’n’B-Sängerin Aaliyah als von Schlangen umgebene Mami Wata. Die visuelle Referenz wird von den Beats des Produzenten Timbaland unterstützt. Timbaland arbeitet auch mit der Rapperin und Produzentin Missy Elliott zusammen. Missy Elliot bezieht sich in ihrem visuellen Image immer wieder auf afrofuturistische Künstlerinnen – etwa auf die Discosängerin Grace Jones, die in den 1980er Jahren bewusst gegen weibliche Zuschreibungen gearbeitet hat, indem sie sich zur roboterhaften Perfektionistin stilisierte. Im Gegensatz zu Aaliyah greift Missy Elliott jedoch nicht afrikanische Mythologien auf, sondern inszeniert sich im Video zu "Sock it 2 Me" (1997) als Cyborg-Superheldin im Stil des Videospiels "Mega Man".

Jenseits von Missy Elliott und Aaliyah blieb Afrofuturismus in den frühen Nullerjahren aber ein Nischenthema. Die Debatte um Afrofuturismus wurde vorwiegend auf dem Afrofuturismus-Listserv geführt, das von der Soziologin Alondra Nelson gegründet wurde. Diese Online-Community blieb jedoch von der größeren Öffentlichkeit unbeachtet. Dies änderte sich spätestens mit der R’n’B-Sängerin und Schauspielerin Janelle Monáe.

Afrofuturismus im Mainstream

2008 veröffentlichte Janelle Monáe das Video zu ihrer Grammy-nominierten Single "Many Moons". Sie präsentiert sich darin als "Cindi Mayweather" – Prototyp der Androiden-Reihe "Alpha Platinum 9000". Die Kulisse ist sowohl von Fritz Langs Film "Metropolis" (1927) als auch vom Interieur des Studio 54 inspiriert. Monáe muss auf einem Podium ihre Gesangs- und Tanzqualitäten zur Schau stellen, um das Publikum zum Kauf eines Exemplars der "Alpha Platinum 9000"-Reihe zu animieren – die Science-Fiction-Variante einer Sklavenauktion.

"Mittlerweile ist es viel stärker anerkannt, dass es eine Zukunft gibt, in der schwarze Menschen – in welcher Form auch immer – existieren werden", sagt Cornelius Harris, Labelmanager des Detroiter Technokollektivs Underground Resistance. "Das ist schon ein großer Schritt vorwärts, denn vorher haben wir dort nicht existiert." Selbst Star Wars, das größte Filmfranchise der Welt, hat seit "Episode VII – Das Erwachen der Macht" (2015), eine schwarze Hauptfigur: den ehemaligen Stormtrooper Finn, gespielt von John Boyega.

Aktuelle Ableger zweier anderer Franchises der amerikanischen Unterhaltungsindustrie verdeutlichen, dass Afrofuturismus endgültig im Mainstream angekommen ist: In "Star Trek: Discovery" ist die Hauptfigur Michael Burnham, eine schwarze Offizierin, die bei den Vulkaniern aufgewachsen ist und die nun auf dem Raumschiff Discovery ihren Dienst tut. "Star Trek: Discovery" vertritt nicht mehr den offensiven Utopismus der Originalserie sowie des Nachfolgers "Star Trek: Die nächste Generation", sondern zieht Parallelen zu gegenwärtigen politischen Fragen. Zwar stellt Michael Burnham aufgrund ihres Namens und ihrer Herkunft essenzialistische Vorstellungen von Geschlecht und Ethnizität infrage, gleichzeitig werden diese durch die Figurenkonstellation der Serie wieder affirmiert. Burnham ist vom Hass auf die Klingonen getrieben, die in der Serie die Erzfeinde der Discovery sind.[9] Die Figur des Aliens, des Anderen ist bei "Star Trek: Discovery" also keine Metapher für afroamerikanische Subjekte, sondern wird im Kontrast zu diesen konstruiert.

Die zweite prominente Neuauflage ist die des Marvel-Comics "Black Panther". Geschrieben wurden die Comics von Ta-Nehisi Coates. Coates, der durch sein Buch "Zwischen mir und der Welt" (2015) zu einem wichtigen Autoren über Rassismus in den USA wurde, erzählt in den Comics die Geschichte von T’Challa, dem König von Wakanda. Das afrikanische Land Wakanda ist eines der wohlhabendsten der Welt, weil es den Rohstoff Vibranium entdeckt hat. In Coates’ Version wird es von einem Krieg mit den Nachbarstaaten sowie einer Rebellion im Inneren bedroht, woraufhin sich König T’Challa fragen muss, mit welchen Mitteln er die Einheit seines Königreichs bewahren will.

Wie in "Star Trek: Discovery" ist die Zukunft in "Black Panther" durch Realpolitik gekennzeichnet: "In Black Panther geht es nicht zuerst um Ethnizität, denn die Frage nach Ethnizität ist zuerst eine Frage nach der Macht", sagt Ta-Nehisi Coates über seinen Comic. "Es geht darum, wie sich Menschen um die Macht gruppieren, wie sie ausbeuten, wie sie die Macht benutzen. Das steht im Mittelpunkt des Comicbuchs."[10] "Black Panther" zeichnet also eine Zukunft, in der sich Macht jenseits der Kategorien von Ethnizität abspielt. Afrikanische Mythologie wird in Coates‘ Wakanda selten aufgegriffen, es dominieren die Ideen des europäischen Liberalismus. Coates verhalf der Figur Black Panther, die erstmals 1966 in einem Marvel-Comic aufgetreten ist, über das Comicpublikum hinaus zu Glaubwürdigkeit. Davon profitiert auch der Film "Black Panther", der im Februar 2018 in die Kinos kam und in afroamerikanischen Communities begeistert gefeiert wird.

Fußnoten

8.
Vgl. Womack (Anm. 2), S. 86f.
9.
Die Klingonen sind in "Star Trek: Discovery" als "das Andere" der pluralistisch-liberalen Sternenflotte konstruiert. Manche Beobachter erkennen in den Klingonen Anspielungen auf islamischen Fundamentalismus, andere auf den Ethnopluralismus der Alt-Right und Neuen Rechten.
10.
Zit. nach Dennis Young, Deadspin Interview: Ta-Nehisi Coates, 11.1.2018, http://www.deadspin.com/deadspin-interview-ta-nehisi-coates-1821996749«.
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