APUZ Dossier Bild

12.11.2002 | Von:
Karsten Rudolf

Politische Bildung: (k)ein Thema für die Bevölkerung? Was wollen die Bürger?

Ergebnisse und Schlussfolgerungen einer repräsentativen Bevölkerungsbefragung

III. Potenzial durch mehr Bürgerorientierung

Mit dem "Berichtssystem politische Bildung 2002" ist zunächst ein Plädoyer für eine Bürgerorientierung in der außerschulischen politischen Bildung verbunden. Diese Bürgerorientierung weist über die bisherige Teilnehmer- und Kundenorientierung hinaus, hin zu einer konsequenten Orientierung an den inhaltlichen und formellen Interessen der Bürger. Sie umfasst ausdrücklich auch die Bürger, die bisher keine Nutzer oder engeren Zielgruppen politischer Bildungsarbeit einzelner Träger sind. Die empirischen Ergebnisse untermauern diese Forderung und liefern konkrete Ansatzpunkte. So ist politische Bildung durchaus ein Thema für die Bevölkerung: Es gibt einen nachweisbar großen Bedarf an politischer Bildung, der sich durch ein großes Interesse an Angeboten zu verschiedenen, konkreten Bildungsinhalten sowie unterschiedlichen Formaten ausdrückt. Das kann politische Bildungsverantwortliche selbstbewusst gegenüber der Erwachsenenbildung insgesamt und gegenüber Zuwendungsgebern stimmen. Die heutige Reichweite von maximal fünf Prozent kann deutlich ausgebaut werden. Kurzfristig ist das im konkreten Potenzialbereich [4] um weitere rund fünf Prozentpunkte, also auf bis zu insgesamt zehn Prozent möglich. Diese Personengruppe, zu der die bisherige Stammkundschaft politischer Bildung, aber auch weitere aufgeschlossene Personen zu zählen sind, könnte durch geringe Marketinganstrengungen und mit der heutigen Trägerstruktur erschlossen werden.

Durch aufwendigere Anstrengungen kann dieses Potenzial aber noch erweitert werden. So wurde in der Studie darüber hinaus ein "möglicher Potenzialbereich" ermittelt, der (weitere) 38,5 Prozent umfasst. Zu diesem Potenzial zählen all die Befragten, die "wahrscheinlich" Angebote nutzen würden. Es wird möglich sein, aus dieser Gruppe einen mit quantitativen Methoden nicht genau bestimmbaren Prozentsatz zu erreichen, andere werden wegen bekannter Ursachen - zum Beispiel der nicht auszuschließenden Fehlerquelle der "sozialen Erwünschtheit" - Angebote trotz entsprechender Meinungsäußerung nicht nutzen. Um weitere Bevölkerungskreise zu erschließen, sollte die Bildungsplanung also sehr genau darauf achten, welche Gruppen hierzu gehören und was diese Personen erwarten. Abhängig ist das Gelingen wesentlich von der jeweiligen Ausrichtung und Zielgruppenorientierung politischer Bildungsarbeit. Man sollte sich aber darüber im Klaren sein, dass dies ein Weg ist, der durch viele Determinanten [5] bestimmt wird und weniger kurzfristig, sondern eher mittelfristig zum Ziel führt. Hierzu ist eine stärker arbeitsteilige und kooperative Vorgehensweise der Bildungsträger notwendig.

Wie noch verdeutlicht wird, sind jedoch vor allem tiefe Eingriffe in die Bildungsträgerstruktur und die Arbeitsweise politischer Bildner notwendig. Insgesamt erkennt man, dass das Potenzial außerschulischer politischer Bildung deutlich größer ist, als es bisher realisiert oder überhaupt vermutet wurde. Das bestätigt die eingangs angestellte Annahme, dass die bisherige Bildungsarbeit nicht ausreichend auf die Erwartungen der Menschen eingeht, damit an ihren Bedürfnissen vorbei handelt und so einen großen Teil der Bevölkerung außer Acht lässt.

Fußnoten

4.
Dazu zählen die Personen, die zur Frage der Nutzungswahrscheinlichkeit angaben, "sehr wahrscheinlich" ein zuvor von ihnen ausgewähltes Angebot nutzen zu wollen.
5.
Aus Sicht des Bürgers der richtige Inhalt, das richtige Bildungsformat, der entsprechende Bildungsträger, gute Werbung etc.