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12.11.2002 | Von:
Karsten Rudolf

Politische Bildung: (k)ein Thema für die Bevölkerung? Was wollen die Bürger?

Ergebnisse und Schlussfolgerungen einer repräsentativen Bevölkerungsbefragung

In Wissenschaft und Praxis vor allem der außerschulischen politischen Bildung wird viel darüber debattiert, wie politische Bildung sein sollte. Was ist das Richtige für die jeweilige zu erreichende Zielgruppe?

I. Sich auf die Lebensverhältnisse der Menschen einstellen

Sind politische Bildung, Orientierungshilfen und Informationen zu gesellschaftlichen Zusammenhängen eigentlich nur eine Holschuld der Bürgerinnen und Bürger in einer Demokratie? Sind sie nur einem kleinen Teil der Bevölkerung vorbehalten, der sich stark politisch interessiert, engagiert und dazu bereit ist, die Angebote eines Bildungsträgers, der in der Regel nicht in der Nähe seines Wohn- und Arbeitsplatzes wirkt, zu nutzen? Wenn dieser Bürger besonders gut ausgebildet und kompetent im Umgang mit den (Neuen) Medien ist, kann er sich natürlich auch etwas flexibler, zeit- und ortsunabhängig online informieren oder auf das reichhaltige Buchsortiment der Zentralen für politische Bildung zurückgreifen. Was aber ist mit dem weitaus größeren Teil der Gesellschaft, der vielfältigen anderen Aktivitäten nachgeht und der nicht bereit ist - so wünschenswert das auch wäre -, viel Zeit dafür aufzuwenden, sich über die in den Medien vermittelten Informationen hinaus politisch weiterzubilden? Politik spielt im Leben vieler Menschen - nicht erst seit der Entwicklung der Erlebnis-, Medien- und Überflussgesellschaft - eben nur eine untergeordnete Rolle, für die man nicht bereit oder in der Lage ist, annähernd so viel Zeit zu investieren wie die Informationselite. Aus der 14. Shell-Jugendstudie ist bekannt, was ihre Vorläuferstudien bereits andeuteten: Auch die nachwachsende Generation zeigt sich zwar der Demokratie verpflichtet, ist leistungsbereit und bringt sich (auch gesellschaftlich und politisch) ein, sieht Politik aber nicht als etwas Verpflichtendes und Notwendiges, sondern eher als etwas Nebensächliches an.


Die moderne Demokratie geht einher mit einer ganzen Reihe von strukturellen Veränderungen und Weiterentwicklungen, die auch eine veränderte Bürgerrolle erfordern: Gemeinschaftliches Handeln in der Bürgergesellschaft, mit mehr Eigenverantwortung und Selbstorganisation, veränderten Engagements, mehr Möglichkeiten zur Mitbestimmung, aber auch mehr unübersichtlichen Verhältnissen, sind dafür nur einige Dimensionen bzw. Determinanten. Hinzu kommen die Veränderungen der Arbeitsgesellschaft mit dem damit verbundenen Flexibilisierungs- und Qualifikationsdruck sowie die - um eine erziehungswissenschaftliche Dimension zu nennen - Anforderung des selbstgesteuerten und lebenslangen Lernens. All das sind Aspekte, die politische Bildung einerseits notwendiger denn je machen, um den Menschen die zur Bewältigung ihrer Bürgerrolle erforderlichen Angebote zu unterbreiten. Es ist aber andererseits auch eine völlig andere Bildungsarbeit gefordert: eine Bildungsarbeit, die sich intensiver auf die Lebensverhältnisse der Menschen einstellt. Das bedeutet vor allem, nicht mehr nur darauf zu warten, dass sich Menschen, die hochmotiviert sind, in den Veranstaltungen einfinden.

Hier hat sich in der Vergangenheit einiges bewegt; politische Erwachsenenbildung, die auf die freiwillige Nutzung ihrer Angebote angewiesen ist, sucht immer wieder nach neuen "Feldwegen", um weitere Zielgruppen zu erschließen. Hier sei beispielsweise an die Bemühungen der Integration von politischer Bildung und kultureller oder (wieder einmal) beruflicher Bildung erinnert, aber auch an neue Angebotsformen wie erlebnisorientierte Lern-Events, Gesellschaftsspiele oder Internetangebote. Allerdings ist es selbst mit diesen Bemühungen nicht gelungen, wirklich neue Wege zu gehen, die helfen, die geringe Reichweite auszubauen. So stagniert organisierte außerschulische politische Bildung seit eh und je bei ein bis maximal fünf Prozent jährlich erreichten Bürgern. Folglich kann man mit großer Wahrscheinlichkeit von der Validität der These ausgehen, dass die bisherige politische Bildungsarbeit an den Erwartungen und Lebensverhältnissen der Bürger vorbeigeht, wenn die Menschen überhaupt von deren Existenz wissen. [1] Oder ist politische Bildung vielleicht gar kein Thema für die Bürger, sind sie einfach desinteressiert? So oder so stellt sich die Frage, was denn die Bürger eigentlich wollen.

II. Die Untersuchung

Um das herauszufinden, wurde im September sowie im Zeitraum von November bis Dezember 2001 mit dem Meinungsforschungsinstitut Emnid eine dreiteilige repräsentative Bevölkerungsbefragung mit über 5 000 Interviews durchgeführt. Die Grundgesamtheit der Umfragen bildete die deutschsprachige Wohnbevölkerung ab 14 Jahren, aus der drei Zufallsstichproben für 1 005 computergestützte Telefon- und zweimal 2 000 Interviews nach dem sog. Random-Route-Verfahren gezogen wurden. Das zum "Berichtssystem politische Bildung 2002" zusammengefasste und aufbereitete Datenmaterial liefert erstmals Erkenntnisse zu

1. dem Bedarf der Bevölkerung an konkreten politischen Bildungsinhalten und -formen;

2. dem Potenzial außerschulischer politischer Bildung in Deutschland;

3. den Motiven zur Nutzung politischer Bildungsangebote und

4. den Erwartungen der Bürger an Bildungsangebote und -träger.

Bei den Untersuchungen wurde nicht nur der Bedarf bzw. das Interesse an bestimmten Angeboten abgefragt, sondern auch die tatsächliche Nutzungsbereitschaft ermittelt. So ist es möglich, nicht nur zu bestimmen, was die Bürger wollen, sondern weitgehend auch (nach der sozialwissenschaftlichen "Theorie des geplanten Verhaltens" von Ajzen und Fishbein) das Verhalten bzw. die Nutzungswahrscheinlichkeit, bezogen auf konkrete Bildungsangebote, vorauszusagen. Ferner ist eine nähere Analyse dessen möglich, was unterschiedliche Nutzertypen antworteten. [2] Das Ziel des hier behandelten Empiriebausteins war es, erstmals den Gesamtmarkt politischer Erwachsenenbildung unter besonderer Berücksichtigung der Bürgerseite zu beleuchten - und das losgelöst vom Segment des bisher Erreichten und von bestimmten Inhalten, Bildungsformaten bzw. gar trägerspezifischen Sichtweisen. Mit den Ergebnissen ist eine zur Verwendung in Wissenschaft und Praxis taugliche Datenbasis entstanden, mit deren Hilfe nachgefragte und mit dem demokratietheoretischen Anspruch politischer Bildung in Einklang stehende Bildungsangebote konzipiert werden können.

Eine solche Datenbasis kann beispielsweise helfen, Aussagen darüber zu treffen, welche Gruppen in welchen Regionen sich für welche politischen und gesellschaftlichen Themen interessieren und welche Bildungsform [3] sie dazu bei welchem Träger nutzen würden. So entsteht ein aussagekräftiges Gesamtbild, das nach den Interessen unterschiedlicher Nutzergruppen weiter analysiert werden kann. Mit dem Datenmaterial wird eine konsequent nachfrageorientierte Bildungsplanung möglich, die nicht - wie es bisher noch oft gängige Praxis ist - vom fertigen Angebot her denkt oder eine missionarische Vorstellung von einem bestimmten inhaltlichen Angebot verfolgt. Es stehen somit nicht Vermarktungsgesichtspunkte, sondern die tatsächlichen Interessen derer im Vordergrund, für die man schließlich Bildungsarbeit betreiben sollte.

III. Potenzial durch mehr Bürgerorientierung

Mit dem "Berichtssystem politische Bildung 2002" ist zunächst ein Plädoyer für eine Bürgerorientierung in der außerschulischen politischen Bildung verbunden. Diese Bürgerorientierung weist über die bisherige Teilnehmer- und Kundenorientierung hinaus, hin zu einer konsequenten Orientierung an den inhaltlichen und formellen Interessen der Bürger. Sie umfasst ausdrücklich auch die Bürger, die bisher keine Nutzer oder engeren Zielgruppen politischer Bildungsarbeit einzelner Träger sind. Die empirischen Ergebnisse untermauern diese Forderung und liefern konkrete Ansatzpunkte. So ist politische Bildung durchaus ein Thema für die Bevölkerung: Es gibt einen nachweisbar großen Bedarf an politischer Bildung, der sich durch ein großes Interesse an Angeboten zu verschiedenen, konkreten Bildungsinhalten sowie unterschiedlichen Formaten ausdrückt. Das kann politische Bildungsverantwortliche selbstbewusst gegenüber der Erwachsenenbildung insgesamt und gegenüber Zuwendungsgebern stimmen. Die heutige Reichweite von maximal fünf Prozent kann deutlich ausgebaut werden. Kurzfristig ist das im konkreten Potenzialbereich [4] um weitere rund fünf Prozentpunkte, also auf bis zu insgesamt zehn Prozent möglich. Diese Personengruppe, zu der die bisherige Stammkundschaft politischer Bildung, aber auch weitere aufgeschlossene Personen zu zählen sind, könnte durch geringe Marketinganstrengungen und mit der heutigen Trägerstruktur erschlossen werden.

Durch aufwendigere Anstrengungen kann dieses Potenzial aber noch erweitert werden. So wurde in der Studie darüber hinaus ein "möglicher Potenzialbereich" ermittelt, der (weitere) 38,5 Prozent umfasst. Zu diesem Potenzial zählen all die Befragten, die "wahrscheinlich" Angebote nutzen würden. Es wird möglich sein, aus dieser Gruppe einen mit quantitativen Methoden nicht genau bestimmbaren Prozentsatz zu erreichen, andere werden wegen bekannter Ursachen - zum Beispiel der nicht auszuschließenden Fehlerquelle der "sozialen Erwünschtheit" - Angebote trotz entsprechender Meinungsäußerung nicht nutzen. Um weitere Bevölkerungskreise zu erschließen, sollte die Bildungsplanung also sehr genau darauf achten, welche Gruppen hierzu gehören und was diese Personen erwarten. Abhängig ist das Gelingen wesentlich von der jeweiligen Ausrichtung und Zielgruppenorientierung politischer Bildungsarbeit. Man sollte sich aber darüber im Klaren sein, dass dies ein Weg ist, der durch viele Determinanten [5] bestimmt wird und weniger kurzfristig, sondern eher mittelfristig zum Ziel führt. Hierzu ist eine stärker arbeitsteilige und kooperative Vorgehensweise der Bildungsträger notwendig.

Wie noch verdeutlicht wird, sind jedoch vor allem tiefe Eingriffe in die Bildungsträgerstruktur und die Arbeitsweise politischer Bildner notwendig. Insgesamt erkennt man, dass das Potenzial außerschulischer politischer Bildung deutlich größer ist, als es bisher realisiert oder überhaupt vermutet wurde. Das bestätigt die eingangs angestellte Annahme, dass die bisherige Bildungsarbeit nicht ausreichend auf die Erwartungen der Menschen eingeht, damit an ihren Bedürfnissen vorbei handelt und so einen großen Teil der Bevölkerung außer Acht lässt.

IV. Was wollen die Bürger?

Die Ergebnisse aus dem Berichtssystem können hier nur zusammenfassend geschildert werden. Auf Einzelergebnisse zu den 26 zur Auswahl stehenden Themen(feldern) und weiteren 22 inhaltlichen Aspekten oder den 22 Bildungsformaten, den Erwartungen und Motiven, der Attraktivität der Bildungsträger oder gar auf detaillierte Ausführungen zum Antwortverhalten einzelner Gruppen muss aus Platzgründen verzichtet werden. Hierzu sei auf den veröffentlichten Gesamtbericht verwiesen. [6] Gleiches gilt für erste Interpretations- und Handlungsvorschläge. Hier erfolgt daher eine Fokussierung auf einige wichtige Aspekte und Konsequenzen für das Gesamtfach.

Zunächst ein kurzer Blick auf die bevorzugten Inhalte: Abgesehen von Angeboten in politischen Ausnahmesituationen - wie etwa die zum 11. September - sind es (in dieser Reihenfolge) besonders (1) politische Bildungsangebote zur Gesundheits- und Sozialpolitik, (2) Inhalte mit kommunalem Bezug, (3) Hintergrundinformationen zu wichtigen medienvermittelten Nachrichten, (4) Unterstützungsangebote in Wahlkampfzeiten, (5) Informationen zum Schutz vor und zum Erkennen von Manipulationen sowie (6) Tipps zum besseren Umgang mit Behörden und Institutionen, die auf ein großes Interesse in der Bevölkerung stoßen.

Die Befunde zu den Inhalten - aber vor allem zu den Nutzungsmotiven -, den Erwartungen an Angebote und Träger sowie die Häufigkeitsverteilung zur Auswahl bestimmter Bildungsformate entsprechen der eingangs skizzierten Situation und den Lebensverhältnissen der Bürger. Ein Angebot zur politischen Bildung muss aus Sicht der Bürger vor allem aktuelle und konkrete Themen behandeln, es muss leicht zu finden sein, darf nur wenig kosten und es muss überparteilich sein. Das sind die vier Auswahlkriterien, denen jedes politische Bildungsangebot unbedingt gerecht werden sollte. Mit 65 bis 80 Prozent erhalten diese Kriterien die höchste Priorität. Die Vielfalt und Breite der im Angebot behandelten Themen sowie die Zeiteffizienz sind ebenfalls Auswahlkriterien, die in der Bildungsplanung beachtet werden sollten. Diese zwei Kriterien werden von jedem zweiten Befragten als bedeutend ("sehr wichtig" oder "wichtig") genannt, sind aber weniger Bürgern "sehr wichtig" als die zuerst genannten Kriterien.

Wollen Bildungsträger eine ausreichende Nachfrage für einzelne Angebote erfahren und die Reichweite ihrer politischen Bildungsarbeit erweitern, muss die Bildungsplanung zudem verstärkt kompakte Informationsangebote aufbauen. So ist eindeutig festzustellen, dass größere Teile der Bevölkerung mit Inhalten politischer Bildung, für die sie sich interessieren, nur auf diese Weise erreichbar sind. Die Befunde zeigen aber auch, dass die Befragten dabei sehr genau nach den Inhalten differenzierten. So wurden bei Aspekten, die eventuell als abstrakter, erklärungsbedürftiger, lernintensiver oder einfach wichtiger angesehen wurden, stärker als bei anderen Themenfeldern tiefer gehende Bildungsangebote gewünscht. Dazu zählen offensichtlich "Werte- und Moralverständnis in der Gesellschaft" oder die "Funktionsweise von Wirtschaftsprozessen". Wer sich für komplexere Zusammenhänge interessiert, ist auch eher bereit, ein lern- und zeitintensiveres Bildungsformat zu nutzen.

Betrachtet man die Auswahl der Bildungsformate näher, so erhält man ein ähnliches Bild: Die Analyse zu konkreten Bildungsformaten zeigt, dass viele der Angebotsformen, die Werte über 20 Prozent erreichen und auf den ersten sieben der insgesamt 22 Plätze rangieren, diesen kompakten Informationscharakter aufweisen. Dazu zählen Broschüren, Informationsstände, Bürgertelefone und Ausstellungen. Auf den nachfolgenden Rangplätzen tauchen weitere Angebotsformen auf, die ebenfalls diese Kriterien erfüllen. Sie sind allerdings durch ihre besondere Eigenart nur auf kleine Kreise zugeschnitten bzw. sprechen nur eine Minderheit an. Das betrifft beispielsweise Informationsangebote im Internet und Gesellschaftsspiele. Tiefer gehende Bildungsangebote, die auf eine stärkere Einbindung des Einzelnen, eine Dialogkultur oder eine (zeit)intensivere Lerntätigkeit aufbauen - wie Bücher, Seminare, Rollenspiele etc. -, finden sich im "Mittelfeld" oder im unteren Drittel der Skala. Es gibt aber auch Bildungsformate, die von der beschriebenen Regel abweichen. Dazu zählen der klassische Vortrag, der immerhin auf Platz zwei liegt, sowie kleine Gesprächskreise mit Experten (auf Platz fünf) und Podiumsdiskussionen (auf Platz sechs). Der Bildungsurlaub, das Buch, das Tagesseminar, Internetangebote und Filme befinden sich im "Mittelfeld" der bevorzugten Bildungsformate. Immerhin zehn von 22 Bildungsformaten erreichen dagegen nur Werte unter 10 Prozent. Hier findet man fast alle alternativen bzw. neueren Bildungsformate wie Gesellschaftsspiele und Angebote, die kulturelle und politische Bildung miteinander verbinden; außerdem sehr zeitintensive Lernangebote wie Mehrtagesseminare, Rollenspiele und Studienreisen, die im Gegensatz zum Bildungsurlaub ohne eine Freistellung vom Dienst stattfinden.

Diejenigen, die zum konkreten Potenzial politischer Bildung zählen bzw. sie schon oft nutzen, erreicht man auch durch tiefer gehende Bildungsangebote. Der überwiegende interessierte, aber noch distanzierte Teil der Bevölkerung ist jedoch eher über kompakte Informationsangebote zu erreichen. Generell ist in allen Segmenten der beschriebene Trend auszumachen: Wenn man sich politisch weiterbilden will, dann in einem sehr begrenzten Zeitfenster und oft auch selbst gesteuert "im Vorbeigehen". Nun mag es vielleicht verwundern, dass zum Beispiel der Vortrag oder eine Ausstellung obere Plätze belegen - widerspricht doch die eigene Erfahrung oft diesem Befund. Hier sollte man sich fragen, ob bei den nicht so gut angenommenen Vorträgen oder Ausstellungen der Inhalt bzw. das Thema richtig gewählt war, ob eine ausreichende Werbung stattfand oder eventuell die Rahmenbedingungen ungünstig waren. Denn auch das Verständnis davon, wie eine Ausstellung konzipiert sein sollte, kann ein unterschiedliches sein: Der Bildner wird versuchen, möglichst viel und Vertiefendes zu vermitteln und gestaltet eine Ausstellung dementsprechend detailliert. Der Bürger verbindet - darauf deuten die Gesamtergebnisse hin - (nicht nur) mit diesen Bildungsformaten eine Chance, in kompakt aufgearbeiteter und ansprechender Form für ihn relevante Informationen mitgeteilt zu bekommen und das am besten an Orten, an denen er sich ohnehin aufhält und Zeit dazu hat.

Durchweg kommt die angedeutete zeitliche Belastung bzw. Prioritätensetzung zum Ausdruck, die politische Weiterbildung eben nur als einen (nachgeordneten) Aspekt in der Aktivitätenliste des Einzelnen sieht. Dem muss die Bildungsplanung Rechnung tragen. Erste Anzeichen in dieser Richtung sind erkennbar. Allerdings muss die Angebotspalette politischer Bildungsträger auf diese Bedürfnisse noch stärker eingehen und sich von den gängigen klassischen Bildungsformaten - also Seminaren, Studienreisen oder dem Bildungsurlaub - verabschieden; nicht völlig, aber doch größtenteils, mit Blick auf bestimmte Zielgruppen auch ganz.

Will man mehr Menschen erreichen und ihre Auseinandersetzung mit politischen Fragen und Lerninhalten fördern, muss man zu einer intervallartigen Bildungsarbeit finden, die in kurzen Abständen und zu verschiedenen nachgefragten Themen Angebote macht, die kurz sind und angenommen werden. Diese Bildungsarbeit in "Häppchen" mag den traditionellen politischen Bildner abschrecken, erfüllt sie auf den ersten Blick doch nicht den Anspruch eines intensiven Lernprozesses politischer Bildung, bei dem man sich beispielsweise in eine Bildungsstätte zurückzieht und sich tagelang eingehend mit sich, der Politik und gesellschaftlichen Themen beschäftigt. Die Erfahrung aber nimmt zu, dass die meisten Menschen dazu nicht bereit sind und - betrachtet man die Konstanz der (geringen) Reichweite politischer Bildung - es wahrscheinlich auch nie waren. Man erreicht sie folglich nur auf ganz anderen Wegen.

V. Zur Struktur politischer Bildung

Eine mögliche Handlungskonsequenz ist eine größere Nähe des politischen Bildners zum Bürger und die damit verbundene Möglichkeit zur häufigeren sowie schnelleren "Intervallbildungsarbeit", die - kombiniert mit den vorgestellten Befunden zu den Erwartungen der Menschen an politische Bildungsangebote - zu einer neuen Arbeit und einem neuen Verständnis führt: Der Aufbruch politischer Bildung zu den Menschen und der politische Bildner als Ansprechpartner in Sachen Demokratie vor Ort. Dies ist sinnbildlich zu verstehen und bedeutet, dass politische Bildungsarbeit als ein ständiger Prozess mit den Bürgern als Bildungspartnern an ihrem Lebensmittelpunkt stattfindet und ein Bildungsanbieter in diesem Umfeld ständig präsent sein muss (nicht nur punktuell in einem Gebiet von der Größe eines Bundeslandes). Das Ganze darf zudem nicht nur gelegentlich geschehen, sondern muss zum Merkmal der Bildungspraxis werden. Hier können dann - mit dem Ziel, möglichst viele Bürger einer Region zu erreichen - als einzelne Mosaiksteinchen auch die vielen Bildungsformate eine Funktion erfüllen, die für sich genommen nur geringe Nachfragewerte erzielen. Es gilt, dem Bürger durch eine ständige Präsenz und auch mal nicht so tief gehende Angebote zu zeigen, dass politische Bildung existiert, für ihn da ist und etwas Interessantes zu bieten hat. So führt auch eine Reihe von "Häppchen" zu einer in sich umfangreichen und variantenreichen Bildungsarbeit, mit der besonders die Bildungsfernen zu erreichen sind. Ein Beispiel hierfür wäre der Infostand: Hier kann man Fragen direkt beantworten und Dinge erklären; politische Bildung kommt also zu den Bürgern. Besonders vor dem Hintergrund von Diskussionen um selbst gesteuertes, informelles Lernen und bei der Bildungsberatung ist all dies stärker zu berücksichtigen. Natürlich gibt es durchaus vereinzelte Marktplatzaktionen, beispielsweise von Zentralen für politische Bildung. Ein gängiges Mittel, das systematisch, nachhaltig und flächendeckend eingesetzt wird, ist es allerdings nicht. Zu wichtigen gesellschaftlichen und politischen Fragen findet man keinen politischen Bildner "auf der Straße", der auf die Menschen zugeht und versucht, ihre Fragen zu beantworten oder zumindest erste Anstöße zu bieten. Dieses Feld wird den Medien und den Parteien überlassen, die es unzureichend ausfüllen (siehe spätere Ausführungen zur Dienstleistungsfunktion).

Zu den Bildungsträgern selbst und ihrem Wirkungsfeld ist festzuhalten, dass Bekanntheit, Überparteilichkeit, aber auch Regionalität bzw. örtliche Nähe eine wesentliche Rolle spielen. Aus diesen Kriterien, die von den Befragten herausgehoben wurden, ergibt sich auch die deutliche Rangfolge der ebenfalls von ihnen ausgewählten Trägerbereiche: An erster Stelle steht die "öffentlich-kommunale Trägerschaft" mit den Volkshochschulen (38,8 Prozent), gefolgt von sonstigen "überparteilichen und unabhängigen Einrichtungen" (24,5 Prozent). Mit deutlichem Abstand folgen dann der "staatliche Trägerbereich" mit den Zentralen für politische Bildung (8,8 Prozent) und der "interessengebundene Trägerbereich" (rund 7 Prozent). Der interessengebundene Bereich kann weiter aufgeteilt werden in Einrichtungen der Parteien (6,8 Prozent), der Kirchen (4,5 Prozent), der Arbeitgeber (3,7 Prozent) sowie der Gewerkschaften (3,3 Prozent). Auch wenn bestimmte Bildungsträger Marktvorteile besitzen und dies in der Bildungsplanung sowie bei der Gestaltung (außerschulischer) politischer Bildung als Fach zu berücksichtigen ist, muss ebenso klar sein, dass eine größere Reichweite außerschulischer politischer Bildung nur in der Summe aller Bildungsträger und mit gemeinsamen Anstrengungen zu erreichen ist.

So sollte außerschulische politische Bildung - auch förderpolitisch akzeptiert - in eine Breitenbildung auf der einen und eine Elitenbildung auf der anderen Seite aufgeteilt werden. Die Breitenbildung müssten dann die interessenungebundenen Träger leisten, da sich die breite Masse nur durch sie und ihre überparteiliche Arbeit erreichen lässt. Besonders in diesem Bereich sind die oben und im Folgenden beschriebenen Änderungen in den Arbeitsweisen zu vollziehen. Auch müssen diese Bil-dungsträger (hier besonders die Volkshochschulen) den Mut zur politischen Bildung wieder finden, die sie aus weiten Teilen des Programms gestrichen haben, und dabei die Überparteilichkeit konsequent durchhalten. Die Elitenbildung fällt (auch heute schon faktisch) den interessengebundenen Trägern zu, die in eng umgrenzten Milieus arbeiten. Dies sollte anerkannt und nicht durch eine förderungspolitisch bedingte, künstliche Verpflichtung zur Offenheit dieser Einrichtung gegenüber jedermann blockiert werden. Zudem sollte es generell nur noch sehr wenige Internatsbetriebe geben. Die wenigen verbleibenden Einrichtungen mit Übernachtungsmöglichkeit sollten arbeitsteilig von den anderen Bildungsträgern entsprechende aufgeschlossene Klientel zugeführt bekommen. Die Masse der Bildungsträger sollte sich (zumindest im Bereich der Breitenbildung) auf eine regionale Bildungsarbeit mit kompakten Formaten am Lebensmittelpunkt der Menschen konzentrieren.

Diese Veränderungen werden viele Bildungseinrichtungen sicherlich vor große Herausforderungen stellen, da sie das Selbstverständnis berühren und - vor allem im interessenungebundenen Trägerbereich - mit dem heutigen Stand auch infrastrukturell nicht leicht zu realisieren sein werden. Dies und das Verteidigen von Besitzständen könnte dazu führen, dass die Forderungen in Gänze als utopisch abgelehnt werden. Allein schon eine mutige Auseinandersetzung mit ihnen kann aber die Randständigkeit politischer Erwachsenenbildung nachhaltig erschüttern - der große Teil der bisher nicht erreichten Menschen bliebe so nicht weiter ausgeklammert und nicht mehr mit seinen Fragen alleine. Außerdem würden Mittel durch die Umfunktionierung der internatsbasierten Bildungsarbeit und die oben angesprochene förderpolitische Neugewichtung frei. Die Bildungseinrichtungen auf ihrem Weg zu begleiten und die angedeuteten strukturellen Veränderungen herbeizuführen sind wesentliche Zukunftsaufgaben auch der Zentralen für politische Bildung, die eine wichtige Klammerfunktion zwischen dem Bereich der Breiten- und der Elitenbildung übernehmen sollten. Aber auch die Weiterbildungsgesetzgebung muss entsprechende Spielräume und neue Abrechnungsmodelle erst noch schaffen.

Ein zwar kostenintensives, aber im Hinblick auf mehr Einvernehmen und Arbeitsteilung leicht zu realisierendes Vorhaben könnte der Aufbau einer gemeinsamen Kursdatenbank sein, über die politische Bildungsangebote aller Träger und aller Regionen erfasst sind. Dies würde der von den Bürgern geforderten Transparenz und besseren Auffindbarkeit der Angebote Rechnung tragen. Interessenten und auch Weiterbildungsberatungsstellen könnten hier leicht recherchieren. Dabei sind allerdings auch Wege zu finden, wie eine solche Datenbank nicht nur online für medienkompetente Anwender zur Verfügung gestellt werden könnte. Ein weiterer Vorteil läge darin, dass der Anbietermarkt übersichtlicher wird und politische Bildung so ein "Gesicht" erhielte. Kognitive Pretests bei den Umfragen zum Berichtssystem ergaben nämlich, dass kaum jemand von sich aus einen Träger politischer Bildung nennen konnte. Wenn, dann wurde die Schule oder sehr vereinzelt die Bundeszentrale für politische Bildung genannt. Mit Hilfe einer solchen Datenbank würde gewährleistet, dass die Bürger auch wüssten, wo es Ansprechpartner für bestimmte Fragen gibt. Dass es diese gibt, sollte in einer begleitenden Werbekampagne verdeutlicht werden.

VI. Politische Bildung als Dienstleistungsfunktion

Eine Umorientierung politischer Bildungsarbeit in allen angesprochenen Punkten könnte zu einer "qualifizierten bürgerschaftlichen Wende" in der außerschulischen politischen Bildung führen, die gekennzeichnet ist durch ein neues Verständnis des Bürgers als Bildungspartner. Ein wesentlicher Kern dieses Aufbruchs wäre neben der regionalen Nähe des politischen Bildners zum Bürger und dem Einsatz multipler sowie kompakter Bildungsformate die Herausbildung einer besonderen Dienstleistungsfunktion. Politische Bildung darf nicht weiter bedeutungslos und abstrakt für die Menschen sein. Dies führte bisher zu einer marginalisierten Nachfrage, ja zur völligen Infragestellung außerschulischer politischer Bildungsarbeit. Die Frage nach der Nützlichkeit politischer Bildung wird zwar seit langem von Politikdidaktikern gestellt, aber in der Praxis nicht konsequent genug umgesetzt. Wie könnte eine solche Dienstleistungsfunktion aussehen, was lässt sich dazu aus den Befunden zum Berichtssystem sagen? Zwei Beispiele:

- 43,2 Prozent der Bevölkerung wünschen sich in Wahlkampfzeiten Unterstützung durch eine unabhängige Beratungsstelle, die zum Beispiel gebündelt alle Standpunkte der Parteien auf den Punkt bringt. Diesen Personen wurde eine Wunschliste mit acht Themen vorgelegt, zu denen sie einen Bedarf äußerten (Mehrfachnennungen waren möglich), der je nach Thema von 23,9 Prozent bis 79,5 Prozent reichte.

- Jeder Zweite steht häufig oder manchmal vor der Situation, mehr Hintergrundinformationen zu den in den Medien vermittelten Nachrichten zu benötigen. 72,6 Prozent von ihnen (das entspricht 37,8 Prozent der Bevölkerung) würden es begrüßen, wenn sie sich schnell an eine überparteiliche und unabhängige Beratungsstelle wenden könnten, wo man ihnen entweder ihre Fragen direkt beantwortet oder sie auf Bildungsangebote in ihrer Gegend aufmerksam macht.

7,7 Prozent sind "sehr wahrscheinlich" und 26,4 Prozent "wahrscheinlich" zur Nutzung solcher Dienstleistungsangebote politischer Bildung bereit, die ihnen Orientierungshilfen bieten. Dadurch wird zweierlei deutlich: Zum einen liegt die Nutzungswahrscheinlichkeit eines solchen Dienstleistungsaspekts bereits erheblich höher als die Reichweite der bisherigen politischen Bildungsarbeit mit ihrer breiten Themenvielfalt. Zum anderen wird deutlich, dass es sich bei einer solchen Dienstleistungsfunktion nicht um das übliche Angebotsrepertoire politischer Bildung handelt, sondern dass es weit darüber hinaus weist. Dienstleistung umfasst dabei ein breites Spektrum - es müssen nämlich verschiedene Gruppen (Bürger oder Behörden und Institutionen) mit unterschiedlichen Leistungen bedacht werden. Sie steht im Gegensatz zur (langfristig angelegten und tief gehenden) Bildung unter einem konkreten Nutzenaspekt, der auch "nur" Information, Bildungsberatung oder die Erklärung eines bestimmten Begriffs auf Anfrage umfassen kann.

Dass politische Bildner den Bürgern beispielsweise im wichtigen Handlungsfeld Wahlkampf keine ausreichende Dienstleistung bieten und damit einem Bedarf in der Bevölkerung nicht nachkommen, wurde durch eine gesonderte Untersuchung des Kommunalwahlkampfes 2001 in Hessen und des Landtagswahlkampfes in Baden-Württemberg nachgewiesen. [7] Eine Dienstleistungsfunktion wäre nicht nur bei der Einführung eines neuen Kommunalwahlrechts dringend notwendig, wie es in Hessen der Fall war, oder bestände - wie im Südweststaat - nicht nur in einer synoptischen und über die Medienberichterstattung hinausweisenden Orientierungshilfe. Eine erläuternde Unterstützung und Beratung wäre zum Beispiel auch bei Volksabstimmungen mittels Vorträgen, aber vor allem durch Zeitungsrubriken, vertiefende Informationsblätter und Informationsstände möglich. So wurde bei drei Volksabstimmungen in Hessen, die parallel zur Bundestagswahl 2002 stattfanden, die Informationspolitik der Landesregierung, der Parteien und der Medien zu Recht als unzureichend kritisiert. Dies hätte durch politische Bildner aufgefangen werden können und müssen. Generell muss die Dienstleistungsfunktion dazu führen, dass politische Bildung von den Bürgern als nützliche Hilfestellung angesehen wird.

VII. Die Bedeutung der Aktualität

Wie bereits erwähnt, ist die Aktualität der Themen bei der Auswahl eines politischen Bildungsangebotes das mit Abstand wichtigste Kriterium. Dies lässt sich auch anhand der Nachfrageentwicklung in den zeitlich versetzt stattfindenden Untersuchungen zum Berichtssystem nachweisen. Die erste Befragung fand am Wochenende unmittelbar nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 statt. Hier wurde in einer telefonischen Befragung der Bedarf an Informations- und Bildungsangeboten in einer solchen Lage ermittelt. Abgefragt wurden nur Inhalte und Formate, die in kurzer Zeit von Bildungsträgern hätten realisiert werden können. Insbesondere waren das konkrete Tipps und dialogorientierte Veranstaltungen, in denen man sich mit Menschen austauschen konnte. So ist festzustellen, dass Krisensituationen bzw. wichtige aktuelle Lageentwicklungen, die die Menschen bewegen, und der Bedarf an politischer Bildung in einem engen Zusammenhang stehen. In diesen Zeiten erreicht das Interesse bzw. der Bedarf an Angeboten politischer Bildung Spitzenwerte, und es können Menschen angesprochen werden, die sonst nicht zum potenziellen Nutzerkreis zählen. Es kann davon ausgegangen werden, dass dieser Befund, der sich auf den 11. September bezieht, auch auf andere aktuelle und hoch politisierte Ausnahmesituationen zutrifft. Ein anderes Beispiel für eine solche Situation aus der Vergangenheit wäre die BSE-Krise. Warum traten politische Bildner hier nicht mit Veranstaltungen auf den Markt, um die Fragen der Menschen zu beantworten und dadurch auch weitere Hintergründe zu beleuchten? Eine regionale Podiumsdiskussion eines Metzgermeisters mit Wissenschaftlern, Politikern und Verbraucherschützern stieß zumindest auf eine sehr große Resonanz. Auch die Sensibilisierung der Menschen durch die Jahrhundertflut in Ostdeutschland hätte, will man den Menschen Hilfestellungen zu ihren Fragen bieten, intensiv aufgegriffen werden können und müssen. Fragen des Umweltschutzes, der Lebensplanung und der Flussbefestigungen spielten nicht nur in den betroffenen Gebieten Ostdeutschlands, Bayerns und Niedersachsens eine Rolle und bewegten die Menschen. Wann, wenn nicht in solchen Situationen, sollte das Interesse an Politik und damit auch an politischer Bildung steigen und die Notwendigkeit ihrer Existenz allen Beteiligten einsichtig werden?

Je nach Entwicklung des politischen Ereignisses und Normalisierung des Alltags kann dieser Bedarf aber auch schnell wieder sinken. Hinsichtlich des Ereignisses des 11. September war dies nach zwei Monaten der Fall. Der Vergleich mit den Ergebnissen der nachfolgenden Umfragen im November und Dezember des gleichen Jahres sowie ein Blick auf die Entwicklung der Auflagen vor allem der politischen Magazine haben dies gezeigt. So äußerten kurz nach den Ereignissen beispielsweise (abgefragt wurden insgesamt zwölf Inhalte und Formate) 70 Prozent der Bevölkerung ein Interesse an "Analysen zu den langfristigen politischen und wirtschaftlichen Folgen, die diese weltweiten Ereignisse haben werden". Kleine Gesprächskreise in seiner Gegend, in denen man mit anderen Menschen zusammenkommt und über die Ereignisse reden kann, wollte immerhin jeder zweite Befragte. Ebenso viele wünschten Veranstaltungen, in denen man mit in Deutschland lebenden Menschen islamischen Glaubens zusammenkommt und mit ihnen über die Ereignisse reden kann. 62 Prozent der Bevölkerung wollten "Tipps dazu, wie ich mich in einer solchen Zeit politisch engagieren kann, um zum Beispiel einen Krieg zu verhindern oder den Opfern meine Solidarität zu zeigen". In "Normalzeiten" sind es dagegen nur sieben Prozent, die wissen wollen, wie sie sich gemeinnützig engagieren können. Für internationale Zusammenhänge (auch wenn diese mit dem 11. September in Verbindung gebracht werden) oder Fragen der Völkerverständigung interessieren sich dann "nur" noch jeweils 20 Prozent der Bevölkerung.

Die meisten Angebote politischer Bildner setzten aber erst Ende Oktober oder gar erst im neuen Semester Anfang 2002 an. Wollen politische Bildner Menschen ansprechen, die sie außerhalb solcher ereignisreichen Zeiten nicht erreichen, ihnen einen ersten Kontakt mit den Angeboten politischer Bildung ermöglichen und ihrer Verpflichtung zur Aufklärung nachkommen, müssen sie also schneller reagieren (können). Das Fach darf sich nicht von immer wieder vorkommenden internationalen oder nationalen Ereignissen überraschen lassen, um dann der weitergezogenen Welle "nachzupaddeln". Dessen müssen sich Bildungsträger bewusst werden und entsprechend reagieren, sonst misslingt es nicht nur, die Reichweite der eigenen Angebote zu erhöhen, es werden sogar wertvolle Ressourcen verschwendet und politische Bildung versagt, wenn es darum geht, den Menschen von ihnen gewünschte Hilfestellungen zu bieten. Das Kriterium "Aktualität" bietet einen hervorragenden Ansatzpunkt für die Dienstleistungsfunktion. Vor allem verdeutlicht es die Notwendigkeit zur flexibleren und schnelleren Angebotsplanung, aber auch den notwendigen Wandel bezüglich der Struktur, der Arbeitsweise und der Mittelvergabe. Hier gilt es, in der Angebots- und Mittelplanung entsprechende Ressourcen bereitzuhalten und eine Art "Task force" von mehreren Trägern oder bei den Zentralen für politische Bildung aufzubauen, um so flexibler und in kürzerer Frist reagieren zu können. Diese Servicestelle darf nicht versuchen, als besserer Journalist noch mehr und schnellere Informationen zur Verfügung zu stellen. Das würde politische Bildner überfordern und ihren Auftrag verfehlen lassen. Viel wichtiger wären spezifizierte Tipps und Hilfestellungen (Referentenlisten, Listen mit Fördergebern, Aktionsmodelle, Musterfolien und -texte etc.) für Bildungsträger und eine Koordination ihrer Aktivitäten. Bei den Angeboten, die sich dann direkt an die Bürger richten, ist darauf zu achten, dass sie einen Mehrwert gegenüber den Medien bieten und nicht nur auf das Internet als Vermittlungsform setzen.

VIII. Schlussbetrachtung

Angesichts zahlreicher "hausgemachter" Probleme erscheint es typisch für einzelne politische Bildner, wenn sie sich ungerechtfertigt von außen unter Druck gesetzt fühlen und etwa das Klagelied der "neoliberalen Durchkapitalisierung der Gesellschaft" [8] anstimmen. Infolge einer bisher eher mageren Bilanz ist es nicht verwunderlich, dass (außerschulische) politische Bildung - trotz aller Sonntagsreden der Politiker - zunehmend in die Kritik gerät, ihre Institutionen und Arbeitstechniken von Rechnungshöfen und Zuwendungsgebern in Frage gestellt werden. Es wird schwierig, Argumentationen dagegen zu finden, wenn außerschulische politische Bildung nach wie vor auf eine nur geringe Reichweite verweisen kann, keine umfangreiche und systematische Wirkungsforschung betreibt und nicht mehr Wege außerhalb eines rein subventionierten Systems sucht. Denn politische Bildungsarbeit muss nicht immer nur Kosten verursachen. Ein hauptamtlich beschäftigter Referent kann durchaus versuchen, Bürger zum Bildungspartner und ehrenamtlichen politischen Bildner zu machen. Konkret wären das Menschen, die sich für die Demokratie engagieren, sich mit Politik befassen wollen - nur eben nicht in einer interessengebundenen Organisation mit dem Ziel der unmittelbaren politischen Auseinandersetzung. So könnten sich im Rahmen von Demokratiewerkstätten interessierte Bürger selbst mit politischen Themen beschäftigen und Angebote für Menschen ihres Umfelds organisieren. Der hauptamtliche politische Bildner stößt diese Prozesse an und begleitet diese regionalen und selbst organisierten "Zellen politischer Bildung" mit ihren neuen Multiplikatoren; so entsteht zudem politisches Engagement. Durch Kooperationen und intelligente, effiziente Organisation von Aktionen lassen sich ferner Kosten einsparen bzw. werden gar nicht erst erzeugt. [9] Diese Aspekte sind weitere Merkmale einer neuen und strukturell veränderten Bildungsarbeit, die zur "qualifizierten bürgerschaftlichen Wende" beiträgt.

Als Kern dieser Wende muss sich ein Wandel von der Angebots- zur Nachfrageorientierung vollziehen, die diese Bezeichnung auch verdient und nicht nur eine in Teilen vollzogene Beachtung einiger Wünsche der Bürger bei Gestaltungsfragen oder innerhalb eines vorgegebenen Themenfeldes darstellt. Bildungsplanung also einmal ganz anders: geleitet vom tatsächlichen und regelmäßig zu ermittelnden Interesse des Bürgers und nicht von Vermutungen oder vom missionarischen Eifer des politischen Bildners.
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Fußnoten

1.
Detaillierte Ausführungen zur Situation politischer Erwachsenenbildung finden sich in Karsten Rudolf, Politische Bildung und Markt - Marktforschung für die außerschulische politische Bildung: Chancen, Grenzen und Strategien (Band 1), Büdingen 2003. Der Band wird ab Mitte 2003 kostenlos unter http://www.berichtpolitischebildung.de abzurufen sein.
2.
Das Forschungsprojekt ist Teil der Dissertationsarbeit des Autors, das von Prof. Dr. Wolfgang Sander (Institut für Didaktik der Universität Gießen) sowie von Prof. Dr. Henning Haase (Fachbereich Psychologie Universität Frankfurt) betreut und durch ein Bündnis aus Bildungsträgern (Büdinger Kreis e. V., Deutscher Volkshochschul-Verband e. V., Hessische Landeszentrale für politische Bildung) und Wirtschaftsunternehmen (Dresdner Bank AG, TNS Emnid) unterstützt wird.
3.
Seminar, Vortrag, Studienreisen, Internetangebote etc.
4.
Dazu zählen die Personen, die zur Frage der Nutzungswahrscheinlichkeit angaben, "sehr wahrscheinlich" ein zuvor von ihnen ausgewähltes Angebot nutzen zu wollen.
5.
Aus Sicht des Bürgers der richtige Inhalt, das richtige Bildungsformat, der entsprechende Bildungsträger, gute Werbung etc.
6.
Vgl. Karsten Rudolf, Bericht politische Bildung 2002. Was wollen die Bürger? Eine Marktanalyse zur außerschulischen politischen Bildung in Deutschland (Politische Bildung und Markt, Band 2), Büdingen 2002.
7.
Vgl. u. a. Karsten Rudolf/Alexander Wicker, Politische Bildung und Wahlkampf: Der Bürger im Visier der Kampag"nenmacher, in: Thomas Berg (Hrsg.), Moderner Wahlkampf - Blick hinter die Kulissen, Opladen 2002, S. 25-48.
8.
Klaus-Peter Hufer, Vom Bildungsziel zum Kostende"ckungsgrad - politische Bildung auf dem "Weiterbildungsmarkt", in: kursiv - Journal für politische Bildung, 1 (1998), S. 29.
9.
Vgl. Karsten Rudolf/Melanie Zeller, Wie entsteht politisches Engagement? Das Nidderau-Projekt - eine empirische Wirkungsstudie zur politischen Bildung, Schwalbach/Ts. 2001, S. 143-149. Für Beispiele solcher Demokratiewerkstätten aus dem Bereich der politischen Jugendbildung, die aber auch in die Erwachsenenbildung hineinwirken und übertragbar sind, vgl. Karsten Rudolf/Steffen Albach/Melanie Zeller, Eine Demokratiewerkstatt als ergänzendes Angebot zur politischen Bildung, in: Praxis Schule 5-10, 3 (2001), S. 20-23.