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20.9.2002 | Von:
Olaf Georg Klein

Warum Ost- und Westdeutsche aneinander vorbeireden ...

IV. Abschnitt

Es gibt drei Gründe, warum die Ost-West-Kommunikation oft als so schwierig empfunden wird:

Erstens werden das Ausmaß der Unterschiede und die damit einhergehenden Differenzen in den beiden Kommunikationskulturen nicht wahrgenommen. [4]

Zweitens wird in der Ost-West-Kommunikation nicht auf eine gegenseitige Annäherung der beiden Kommunikationskulturen, sondern - bewusst oder unbewusst - auf die einseitige Anpassung der Ostdeutschen gesetzt. So wurde anfangs erwartet, dass sich die Unterschiede in der Kommunikationskultur durch einseitige Anpassung schnell abschleifen würden. Aber genau das ist nicht eingetreten.

Drittens schließlich wird die Kommunikation in Deutschland oft schwierig, weil es in Ost wie West keine ausgeprägte Kultur gibt, Differenzen positiv zu bewerten und kreativ mit ihnen umzugehen. Wer sich Unterschieden neugieriger und erwartungsvoller nähert, könnte auftretende Kommunikationsprobleme nicht nur als Infragestellung und Verunsicherung, sondern auch als unerwartete Bereicherung erfahren.

Es sollte also ein Bewusstsein entstehen, dass es in Ost- und Westdeutschland unterschiedliche Kommunikationskulturen gibt. Bei Gesprächen zwischen Ost- und Westdeutschen müssten daher die Prinzipien der interkulturellen Kommunikation angewendet werden. Bei verbalen, emotionalen oder körperlichen Irritationen sollte man nicht dem Gegenüber (oder sich selbst) die Schuld geben, sondern das Problem da verorten, wo es am wahrscheinlichsten seine Ursache hat: in den unterschiedlichen Kommunikationskulturen. Wenn beide Seiten mit Verständigungsproblemen rechnen, münden Kommunikationsprobleme nicht zwangsläufig in Frustrationen. Es gilt die Regel: Je größer die Erwartungshaltung in Bezug auf eine Übereinstimmung ist, desto frustrierender sind die Erfahrungen, die man macht, und umso schwerer ist der "Kommunikationsschock".

Mit einem "positiven Vorurteil" ausgerüstet, ist es leichter, auftretende Irritationen bewusst zu registrieren. Der nächste Schritt wäre: die Empfindungen auszusprechen, die das Gegenüber bei einem ausgelöst hat, indem nachgefragt wird, was er oder sie gemeint hat (statt spontan emotional zu reagieren). Außerdem die eigenen Hintergründe oder auch den Kontext mitzukommunizieren, wenn man registriert, dass der oder die andere eine nonverbale oder verbale Reaktion zeigt, die in krassem Gegensatz zu dem steht, was man eigentlich intendiert hat.

Leider ist der "blinde Fleck", an dem die eigene Kommunikation in einer ganz speziellen Situation scheitert, oft schwer zu erkennen. Das gilt vor allem, wenn jemand allein in der für ihn fremden Kommunikationskultur lebt und arbeitet. Aber auch bei Ost-West-Paaren münden Kommunikationsprobleme innerhalb der Beziehung oft in persönliche Schuldzuweisungen. Nicht zuletzt gilt das auch für angespannte Gruppensituationen. In solchen Fällen ist es gut, sich einen externen Berater zu suchen, der als Ansprechpartner, Übersetzer oder Trainer zur Verfügung steht.

Abschließend sei angemerkt, dass die gezielte Beobachtung und Verbesserung der eigenen kommunikativen Fähigkeiten - über die Ost-West-Kommunikation hinaus - wichtiger wird: In einer Zeit, in der Europa zusammenwächst, in der große Einwanderungsbewegungen vorherzusehen sind, kommt der interkulturellen Kommunikation immer größere Bedeutung zu. Zukünftig wird wesentlich mehr von dem, was dem Einzelnen innerhalb seiner Kommunikationskultur als "selbstverständlich" erscheint, mitkommuniziert und "ausgehandelt" werden müssen. Denn für den Gesprächspartner, der in einer ganz anderen kommunikativen Welt lebt, gibt es andere "Selbstverständlichkeiten" - wie in Ost und West.

Fußnoten

4.
Wie falsch die Annahme ist, dass sich problemlos verständigen kann, wer eine (beinahe gleiche) Sprache spricht, kann man gut bei Engländern und Amerikanern beobachten. Auch bei diesen sind es nicht die Vokabeln, sondern die jeweiligen Kontexte, sind es die große Anzahl "ungeschriebener Gesetze", die auf beiden Seiten als selbstverständlich angesehen werden, welche zu Kommunikationsschocks bei der Begegnung führen.