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6.4.2018 | Von:
Joseph Croitoru

Ausgrabungen als Politikum. Biblische Archäologie und das Davidsstadt-Projekt

Davidsstadt-Projekt

Wissenschaftler wie Herzog und vor allem Finkelstein, die die Bibel nur mit Einschränkungen als verlässliche historische Quelle betrachten, gerieten unter Beschuss, am heftigsten vonseiten der rechtsgerichteten Nationalreligiösen. Und genau sie sind es, die im Verbund mit Ultraorthodoxen seit gut zwei Jahrzehnten versuchen, unter der Klagemauer und auf dem Areal der im Gebiet des palästinensischen Dorfes Silwan gelegenen sogenannten Davidsstadt südwestlich der Altstadtmauer Fakten im Sinne der zionistischen Bibelarchäologie zu schaffen.

Hier tut sich besonders die 1986 gegründete israelische Stiftung Elad hervor, die Siedlerkreisen nahesteht und die Grabungsstätte in Silwan seit 1997 verwaltet. Elad steht im Hebräischen für el Ir David ("Zur Davidsstadt"). Die Organisation, die das Grabungsprojekt konsequent zu einer touristischen Stätte ausgebaut hat, verfolgt zudem das Ziel, die jüdische Präsenz in Ost-Jerusalem zu verstärken. Zunächst finanziert durch Spendengelder, erhielt sie mit der Zeit auch Zuschüsse vom israelischen Staat, der den gesamten Bezirk zu einem nationalen Archäologiepark erklärt und der Stiftung 2002 offiziell die Zuständigkeit für die Anlage übertragen hat. Kritiker des Projekts klagten wiederholt dagegen – zuletzt 2012 vor dem Obersten Gericht –, konnten aber letztlich nichts ausrichten. So lässt Elad seit Jahren in einer rechtlichen Grauzone weiter graben. Die Grabungsarbeiten gefährden immer wieder die Bausubstanz der Häuser der palästinensischen Anwohner, die man mit umstrittenen Methoden zum Verkauf ihrer Grundstücke und Häuser zu bewegen versucht.[2]

Die touristengerechte Vermittlung bibelfixierter Geschichtsinhalte ist in der Davidsstadt-Anlage Programm. Nicht zufällig zog sie anfangs vor allem Besucher aus nationalreligiösen und Siedlerkreisen an sowie israelische Soldaten, die das Militär im Rahmen von Erziehungskursen seit Jahren dorthin schickt. Das dort eingerichtete Besucherzentrum widmet sich hauptsächlich der biblischen und nachbiblischen jüdischen Geschichte. So ist der Rundgang, der durch verschiedene Fundstätten führt, derart gestaltet, dass die palästinensische Umgebung, in der die Grabungsstätte liegt, weitgehend ausgeblendet ist. Der Elad-Stiftung wird deshalb schon länger vorgeworfen, das ursprünglich als offener archäologischer Park konzipierte Projekt in eine jüdische Siedlung verwandelt zu haben, wo nichts anderes betrieben werde als Besatzungspolitik und Geschichtsklitterung.[3] Solche Kritik hat bislang kaum etwas bewirkt. Allem Anschein nach führte sie aber dazu, dass im Sommer 2005 der Internetauftritt der Anlage überarbeitet wurde. Der Name der Stiftung tauchte von nun an nur noch im Impressum auf; 2007 verschwand er ganz. Bei dieser Gelegenheit wurde die Grabungsstätte auch in "Davidsstadt – das antike Jerusalem" umbenannt.

Deutungsarbeit für die Masse

Das Davidsstadt-Projekt, das seit 2013 großzügig mit staatlichen Geldern gefördert wird, ist mit den Jahren immer weiter gewachsen. Zusätzlich richtet die Elad-Stiftung seit 2000 die jährliche Tagung "Forschungen zur Davidsstadt" in Ost-Jerusalem aus, die inzwischen zu einem medienwirksamen Event geworden ist – ganz nach dem Vorbild der einstigen Zusammenkünfte der Jewish Palestine Exploration Society, die schon vor der Staatsgründung wichtige Treffpunkte für Archäologie und Politik waren. Organisiert werden die Tagungen von dem eigens dafür geschaffenen Megalim-Institut (City of David Institute for Jerusalem Studies). Megalim ist zum einen ein hebräisches Akronym für "Das Hohe Institut für Jerusalem-Studien", was der Einrichtung einen akademisch-wissenschaftlichen Anstrich verleihen soll, zum anderen bedeutet Megalim auf Hebräisch "Wir entdecken" – gemeint ist damit die Erkundung in der Bibel erwähnter Orte mit Hilfe der Archäologie.

Das Institut ist nicht nur darum bemüht, die eigene Deutung der Funde aus der Davidsstadt zu verbreiten – etwa durch die Schulung von Multiplikatoren wie Touristenführern –, sondern es scheint auch bestrebt zu sein, sich beim breiten Publikum als tonangebende Autorität in Sachen Archäologie in Jerusalem zu etablieren. Hierfür wird immer wieder der Kontakt in israelische Regierungskreise und ins akademische Establishment gesucht. So befanden sich bei den vergangenen Fachtagungen unter den Rednern sowohl Politiker als auch prominente israelische Archäologen, die das Davidsstadt-Projekt ursprünglich bewusst gemieden hatten. Sogar Israel Finkelstein folgte 2011 der Einladung, einen Vortrag zu halten – allerdings nur, wie sich dann herausstellte, um die Thesen der mit Elad assoziierten Archäologen zu widerlegen.[4] Diese nämlich versuchen, wo immer möglich, Funde aus der Davidsstadt mit der biblischen Erzählung oder auch mit Flavius Josephus’ historischen Berichten über die jüdische Rebellion gegen die römische Präsenz in Jerusalem in Verbindung zu bringen. So verknüpfte etwa die Jerusalemer Archäologin Eilat Mazar – die Enkelin von Benjamin Mazar – den 2005 auf dem Areal der Davidsstadt von ihr freigelegten "Großen Steinbau" mit dem biblischen Narrativ und erklärte ihn kurzerhand zum Palast König Davids.

Auch wenn Finkelstein 2011 in seinem Vortrag überzeugend darlegte, dass die archäologischen Befunde Eilat Mazars These in keiner Weise bestätigen, so suggeriert doch das Bild auf dem Einband ihrer Publikation zu der Ausgrabung, die im Onlineshop der Anlage erhältlich ist, etwas anderes: Dort ist – romantisch verklärt – eine biblisch gekleidete männliche Gestalt abgebildet, die vom Balkon eines mächtigen Palastes auf die hügelige Landschaft um das alte Jerusalem blickt. Auch der Titel des Buches lässt keinen Zweifel offen, um wen es sich hier handeln soll – er lautet: "König Davids Palast".[5] Diese Lesart vermittelt seit 2017 auch ein Video auf der Internetseite des Megalim-Instituts.[6]

Diese Art der Präsentation kommt beim breiten israelischen Publikum, das sich für die Nuancen der anhaltenden Fachdebatten zwischen nationalistischen Bibelarchäologen und ihren Widersachern kaum interessiert, gut an. Elad hat intensiv am Ausbau des Veranstaltungsangebots in und um die Davidsstadt, das längst auch familiengerechte Aktivitäten umfasst, gearbeitet. So wird systematisch versucht, Israelis aller Gesellschafts- und Altersschichten zum Besuch und zur Teilnahme an einschlägigen Einführungskursen zu animieren, zudem gibt es eine Kooperation mit dem israelischen Erziehungsministerium, das Schulen dazu anhält, Klassenfahrten nach Jerusalem zu veranstalten, bei denen ein Besuch des Davidsstadt-Parks auf dem Programm steht. Diese Strategie scheint aufzugehen, denn die Besucherzahlen, die nach den Angaben von Elad 2017 die Marke von einer halben Million überschritten haben, steigen kontinuierlich – auch dank der an das Ausland gerichteten Werbung.

Fußnoten

2.
Vgl. Ir Amim, Shady Dealings in Silwan, Mai 2009, http://www.ir-amim.org.il/sites/default/files/Silwanreporteng.pdf«.
3.
Vgl. Tal Sagi, Davidsstadt: Wenn sich Archäologie und Politik vermischen, 29.2.2008, http://www.ynet.co.il/articles/0,7340,L-3512376,00.html« (Hebräisch).
4.
Für eine Aufzeichnung des Vortrags siehe http://www.youtube.com/watch?v=3VfqZ8N9wqA« (Hebräisch).
5.
Siehe https://store.cityofdavid.org.il/products/king-davids-palace«.
6.
Siehe das Video "King David’s Palace" auf http://www.megalim.org.il« bzw. http://www.youtube.com/watch?v=KI5dZJsW-Dk«.
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Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Joseph Croitoru für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

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