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16.8.2002 | Von:
Christiane Thorn

Nachhaltigkeit hat (k)ein Geschlecht

Perspektiven einer gendersensiblen zukunftsfähigen Entwicklung

IV. Perspektiven einer gendersensiblen zukunftsfähigen Entwicklung

1. Mainstreaming im Vorfeld des Johannesburg-Gipfels



Vor dem Hintergrund dieser Erfahrungen setzt WEDO während der WSSD in einer ersten Etappe auf Reformen und Mitmacht. Diese Strategie beinhaltete vor allem die Übernahme einer aktiven Rolle innerhalb der 1993 gegründeten Frauen AG (Women's Caucus) der Kommission für Nachhaltige Entwicklung (CSD). [43] Der Women's Caucus tritt für das systematische Gender Mainstreaming aller Vereinbarungen im Bereich nachhaltiger Entwicklung ein. Er ist mit eigenen Positionspapieren, Side-Events und steter Lobby-Arbeit auf den jährlichen CSD-Tagungen präsent und versucht, seine Expertise systematisch in den Prozess und in die Entschließungstexte einzubringen. Als Pipeline dieser Mainstreaming-Prozesse dienen wesentlich die so genannten "Multi-Stakeholder Dialogs" innerhalb der CSD. NGOs ermöglicht dieses innovative Partizipationsinstrument den Dialog mit Regierungsdeligationen und Mitgliedern der Hauptgruppen (major groups) und gezielten Einfluss auf Entschließungstexte. Für Frauenorganisationen, die auf Mitmacht setzen, kommt den Dialogen eine Schlüsselfunktion zu. Als Hauptaufgaben und -aktivitäten im Vorfeld des Johannesburg-Gipfels hat die Frauen-Arbeitsgemeinschaft der CSD die koordinierte Entwicklung einer Neuauflage der Frauenaktionsagenda identifiziert. Sie wird im Rahmen eines konsultativen Prozesses auf der Grundlage von Seminaren, Umfragen und Frauenforen kooperativ erstellt. [44] WEDO koordiniert diesen Prozess. Die aktualisierte Fassung der Frauenagenda soll sowohl im Gipfel- als auch im Nachfolgeprozess als Lobbying-Plattform eingesetzt werden.

2. Prioritäten einer A-Gender für die Nachhaltigkeit



Zentrale Forderungen des Women's Caucus, [46] der gemeinsam formulierten Women's Action Agenda for a Healthy Planet 2002 (WAA 2002) [47] sowie von DAWN [48] für das Gender Mainstreaming in Johannesburg sind:

- Good Governance und Geschlechterdemokratisierung sollen Entscheidungs- und Gestaltungsmacht, Partizipation und Rechtssicherheit für alle Menschen, unabhängig von ihrem Geschlecht, gewähren. Dies setze Gender balance innerhalb aller Entscheidungsgremien im Bereich nachhaltiger Entwicklung voraus.

- Ein Abbau der Spannungen zwischen freier Marktideologie und nachhaltigen Produktions- und Konsumzielen soll durch die Berücksichtigung sozialer und ökologischer Kosten ökonomischen Wachstums in volkswirtschaftlichen Analysen (ehrliche Preise), Armutsbekämpfung und eine ökologische Wende in den Produktions- und Konsummustern westlicher Industrieländer erreicht werden.

- Neoliberale Globalisierung: Der Verlust der Kontrollmacht von Staaten und sozialen Gruppen über die Produktion und Verteilung von Ressourcen soll aufgehalten werden. Gerade öffentliche Güter wie Wasser dürfen nicht privatisiert werden. Gendersensible Global-Governance-Prozesse gelte es zu unterstützen.

DAWN kritisiert die "hyper-liberalen" und "hyper-maskulinen" Strukturen ökonomischer Globalisierung. Fragen nach den sozialen und ökologischen Kosten globalen Wirtschaftswachstums stünden in Johannesburg nicht mehr auf der Agenda. Sustainable livelihood bildet mit seiner Orientierung an sicheren Lebensgrundlagen i. S. des Vorsorgeprinzips ein Gegenkonzept zu global-universellen Entwicklungs- und Wirtschaftskonzepten.

- Frieden, Gewaltfreiheit und Gerechtigkeit sind fundamentale Voraussetzungen von Nachhaltigkeit. Ökonomische, soziale und machtpolitische Ursachen von Gewalt und militärischen Konflikten sollen systematisch in die Friedens- und Konfliktforschung einbezogen werden.

- Ein geschlechtergerechter Zugang zu und Kontrolle über natürliche und gesellschaftliche Ressourcen soll durch Empowermentprozesse und die normative Verankerung von Rechten in nationalen Verfassungen realisiert werden.

- Gewährung reproduktiver und sexueller Rechte sowie Gesundheit im Rahmen einer intakten Umwelt sollen garantiert werden. Hierzu werden Monitoringstrategien und Politiken zum Schutz besonders der verletzlichsten Gruppen in Gesellschaften vorgeschlagen.

- Genderbezogene Analysen (gender impact analysis) sollen zum integralen Bestandteil aller Entscheidungen und Gesetze werden.

- Der Schutz der Biodiversität soll auf allen Politikebenen vorangetrieben werden, z. B. durch eine nachhaltige Landnutzung, die zum Erhalt des lokalen Wissens, kultureller und biologischer Vielfalt beiträgt und in ländlichen Gebieten nachhaltige Lebensbedingungen (sustainable living) ermöglicht.

- Nahrungssicherheit beinhaltet Souveränität über die Entscheidung, welche Nahrung produziert, konsumiert und importiert werden soll. Die genetische Modifikation von Nahrungsmitteln und Patente auf Leben werden abgelehnt.

- Ein geschlechtergerechter Zugang zu Bildung, Kommunikation und Informationstechnologien soll gewährleistet werden.

Mit diesen Prioritäten werden nicht nur reaktiv Themen für das Mainstreaming der Regierungsagenda benannt, sondern eigene Problemfelder definiert. [49] Insbesondere ökonomische Globalisierung, Debatten um Global Governance und die Regulierungskonzepte sozial-ökologischer Problemlagen sind bislang männlich dominiert. Diesen hegemonialen Diskurssträngen stellt die Frauenaktionsagenda genderorientierte Positionen gegenüber. Zugleich verbleibt sie grundsätzlich in verhandlungsfähigen Ansätzen, um in Johannesburg einen globalen Konsens mit einer möglichst durchgehenden Genderorientierung zu erreichen, damit sich die Regierungs-Agenda schrittweise zu einer A-Gender für Nachhaltigkeit entwickelt.

3. Perspektiven für eine gendersensible Nachhaltigkeit



Nachhaltige Entwicklung gleicht in ihrer Polyvalenz eher einer beliebig füllbaren Leerformel, einem Containerbegriff [50] oder Gummiwort. [51] Diese konstitutive Offenheit lässt sich auch positiv interpretieren. Nachhaltigkeit erscheint dann als ein "historisch offenes gesellschaftliches Entwicklungs- und Transformationskonzept ..., das sich nicht auf evolutionäre Trends oder langfristige Kontinuitätsannahmen stützen kann, sondern allein auf die Handlungsmöglichkeiten und -ziele gesellschaftlicher Akteure und Akteursgruppen" [52] . AkteurInnen unterschiedlichster Provenienz können somit Nachhaltigkeit, orientiert an ihren jeweiligen Interessenlagen, Menschen-, Natur-, Gesellschafts-, Politik- und Weltverständnissen, immer wieder neu ausbuchstabieren. Damit eröffnet nachhaltige Entwicklung ein kontrovers strukturiertes, hoch komplexes Diskurs- und Handlungsfeld, [53] in dem sich in Bezug auf die Ausstattung mit Deutungs- und Handlungsmacht ein äußerst heterogenes AkteurInnenfeld abbildet. Welche Problemperspektiven und Lösungsansätze sich bei der Orientierung an einer prozeduralen Leitbildvariante [54] letztendlich durchsetzen, entscheiden die mit entsprechender Deutungsmacht ausgestatteten AkteurInnen- und Diskurskoalitionen. Die Analyse von Interessenkonflikten und Machtasymmetrien ist daher unabdingbare Voraussetzung für gezielte politische Machtbildungsprozesse (empowerment) jeweils benachteiligter AkteurInnen. Nur unter den Bedingungen einer Gleichheit des Sprechens, Gehörtwerdens und Entscheidens in (Ver)handlungsprozessen nachhaltiger Entwicklung könnte es potenziell zu einem gleichberechtigten Wettbewerb der Ideen kommen. Hierzu reicht ein Gender Mainstreaming zur Transformation krisenhafter sozial-ökologischer Problemlagen nicht aus.

DAWN legte vor dem Hintergrund dieser Erfahrungen einen feministischen Ansatz von Global Governance [55] auf der 4. Weltfrauenkonferenz in Peking vor. Ihr Transformationsprojekt zielt auf die sukzessive "Restrukturierung des Marktes", "Reform des Staates" und "Machtbildung in der Zivilgesellschaft" [56] . Diese Vision einer grundlegenden Transformation i. S. eines Abbaus (geschlechts)hiear-chischer Strukturen in Politik, Ökonomie, Ökologie und Gesellschaft auf allen Politikebenen ist Voraussetzung für die Herausbildung einer geschlechtergerechten Nachhaltigkeit.

Der weite Weg dorthin führt über eine Doppelstrategie:

- Einerseits ist die Überwindung geschlechtsblinder Diskurse und Politiken über einen systemkonformen Integrationsansatz erforderlich. Das Ziel ist die gendersensible Reformierung hegemonialer Konzepte einer schwachen Nachhaltigkeit.

- Ebenso notwendig ist die Formulierung herrschaftskritischer und weiter reichender Alternativkonzepte. Sie verfolgen das visionäre Fernziel der anti(geschlechts)hierarchischen Transformation einer starken zukunftsfähigen Entwicklung.  

Internetverweise der Autorin:

http://www.johannesburgsummit.org = offizielle UN-Seite

http://www.weltgipfel2002.de = gemeinsame Seite von BMU & BMZ

http://www.earthsummit2002.org = Multistakeholder-Forum (Women' Caucus)

http://www.worldsummit2002.de = Seite der HBS

http://www.iisd.ca/wssd/portal.html = Portal des International Institute for Sustainable Development

http://www.dawn.org = DAWN

http://www.wedo.org = WEDO

Fußnoten

43.
Die CSD begleitet die Umsetzung der Agenda 21. Formal ist sie eine Fachkommission des Wirtschafts- und Sozialrates der Vereinten Nationen (ECOSOC), dieser untersteht der Generalversammlung. Die CSD ist institutionell schwach, kann keine Konventionen oder völkerrechtlich verbindliche Entscheidungen verabschieden und ist beim Monitoring auf die jährlichen nationalen Regierungsberichte angewiesen, die nur teilweise durch alternative NGO-Reports flankiert werden.
44.
Vgl. Thais Corral, Women's Agenda for a Healthy Planet. Zehn Jahre tatkräftiges Engagement, in: Politische Ökologie, 19 (Juni 2001) 70, S. XVIII - XIX, hier S. XIX.
46.
Vgl. Women's Caucus (Hrsg.), Women as Major Group, Document of the WC for the UNECE Ministerial Meeting for the World Summit on Sustainable Development, Genf, 24. September 2001.
47.
Women's Action Agenda for a Healthy Planet 2002, Preliminary Draft, 23. Oktober 2001.
48.
Vgl. E. Charkiewicz (Anm. 43).
49.
Die theoretische Fundierung der Analysen und Forderungen bleibt jedoch diffus. Es wird nicht näher dargelegt, auf welchen Gender- und Naturkonzepten sie basieren.
50.
Vgl. Andreas Missbach, Das Klima zwischen Nord und Süd. Eine regulationstheoretische Untersuchung des Nord-Süd-Konflikts in der Klimapolitik der Vereinten Nationen, Münster 1999.
51.
Vgl. Karin Wullenweber, Wortfang. Was die Sprache über Nachhaltigkeit verrät, in: Politische Ökologie, 17 (2000) 63/64, S. 23 - 24.
52.
Peter Wehling, Sustainable Development - eine Provokation für die Soziologie?, in: Karl-Werner Brand (Hrsg.), Nachhaltige Entwicklung. Eine Herausforderung an die Soziologie, Leverkusen 1997, S. 35-50, S. 35.
53.
Vgl. Karl-Werner Brand u. a., Bedingungen einer Politik für Nachhaltige Entwicklung, in: Sozial-ökologische Forschung. Ergebnisse der Sondierungsprojekte aus dem BMBF-Förderschwerpunkt, München 2002, S. 91 - 110, S. 92.
54.
Vgl. ders., Vision ohne Herzblut. Über die begrenzte Resonanzfähigkeit des Leitbilds Nachhaltigkeit, in: Politische Ökologie, 17 (2000) 63/64, S. 19-20, S. 20.
55.
Vgl. Christa Wichterich, Die globalisierte Frau. Berichte aus der Zukunft der Ungleichheit, Reinbeck b. Hamburg 1998, S. 239 f. (www.dawn.org.fj).
56.
Dies., S. 240.