Verschiedene Buttons, die während des Women´s March in Washington im Januar 2018 verkauft wurden

20.4.2018 | Von:
Ilse Lenz

Von der Sorgearbeit bis #MeToo. Aktuelle feministische Themen und Debatten in Deutschland

Feminismen – wer, was, wie?

Es gibt also nicht einen Feminismus, sondern viele. Trotzdem lassen sich verschiedene Ansätze bündeln, die jeweils von einem ähnlichen Verständnis von Geschlecht und Gesellschaft ausgehen. Dabei frage ich zum einen, welches Verständnis von Geschlecht sie haben: Sprechen sie hauptsächlich von Frauen und Männern oder eher von Sexualitäten und Körpern? Zum anderen beziehe ich mich auf ihr Gesellschaftsbild: Gehen sie von einer modernen Demokratie, von einem globalisierten Kapitalismus oder einer postkolonialen Ungleichheit aus? Meist handelt es sich allerdings nicht um ein Entweder-Oder, sondern um unterschiedliche Betonungen und Schwerpunkte. So kann man grundsätzlich zwischen strukturellen, institutionellen, diskursiven und queeren Feminismen unterscheiden.

Die strukturellen Feminismen fokussieren geschlechtliche Ungleichheiten und Machtverhältnisse. Sie haben die Care-Debatte um die Versorgungsarbeit aufgeworfen und die Ungleichheiten nach Geschlecht, Klasse, Migration und Begehren beim Versorgen und Versorgtwerden herausgearbeitet. Ebenso diskutieren sie die sichtbaren und unsichtbaren Sperren beim Aufstieg von Frauen in Führungspositionen. Systematisch untersuchen sie das Verhältnis von Geschlechterungleichheit zum sich verändernden Kapitalismus. So betrachten sie die geschlechtliche Prekarisierung und Flexibilisierung der Lohnarbeit ebenso wie die hegemoniale Männlichkeit in Management und Politik. Ihr Geschlechterbild beruht auf Gleichheit von Frauen und Männern und ist mit der Anerkennung von sexueller Vielfalt verbunden. Ihr Gesellschaftsbild richtet sich auf die gesellschaftlichen Strukturen, in denen Geschlechter- und weitere Ungleichheiten geschaffen und festgegossen werden, in denen sie aber auch veränderbar sind. Dies sind heute der globale, flexibilisierte Kapitalismus sowie die Nationalstaaten und die globalen Institutionen. In ihnen wirken zugleich Geschlechterungleichheit wie auch Gleichheits- und Demokratisierungsbewegungen.

Die strukturellen Feminismen beziehen die Wechselwirkungen zwischen Geschlechterungleichheit und der nach Klasse, Migration, "Rasse" und Sexualität, wie sie in der Intersektionalitätsdebatte[4] herausgearbeitet wurden, ein. Sie begreifen sie jedoch nicht vorrangig als Identitäten,[5] sondern als miteinander verbundene Abwertungen und Ausgrenzungen wie sie etwa alleinerziehende Arbeitermütter oder Einwanderinnen in der prekären Hausarbeit erfahren. Die strukturellen Feminismen zeigen starke Strukturanalysen, aber weniger ausgearbeitete Geschlechterkonzepte. Ihre Kernfragen sind Ungleichheit und Ungerechtigkeit, und sie suchen nach Wegen zu und Visionen von Freiheit, Autonomie und Gleichheit.[6]

Die institutionellen Feminismen orientieren sich eher auf pragmatische Reformen und Strukturveränderungen. Sie vertreten meist Geschlechtergleichheit in ihrem Genderbild,[7] während der vorige Differenzfeminismus, der vor allem auf die Frauen als Subjekt der Veränderung setzte, zurückgegangen ist. Weiterhin unterscheiden sie sich nach ihren gesellschaftspolitischen Positionen. Die sozialen Feminismen richten sich gegen Ungleichheiten und Gewalt, auch in intersektionaler Sicht, in Beruf und Beziehungen. Der konservative Feminismus, der herkömmlich eher "Familienfrauen" vertrat, setzt sich nun für Gleichheit auch in Management und Politik ein. Berufsgruppen wie die "Medienfrauen" engagieren sich teils erfolgreich für größere Teilhabe von Frauen auch durch Quotierung.

Diskursive Feminismen fokussieren demgegenüber darauf, wie Bilder von Geschlecht kulturell geschaffen und verbreitet werden. Beispiele sind die Sexualisierung von Mädchen oder die Konstruktion des migrantischen Mannes als Täter. Zugleich fragen sie, welche Ausgrenzungen und Gewalt diese Bilder transportieren und legitimieren. International spricht man von der Dritten Welle des Feminismus. Sie zeichnet sich dadurch aus, dass sie Diskurse und Medien fokussiert, bewusst mit Männern zusammenarbeiten will und sich intersektional versteht, also auf den queeren, den migrantischen und den Schwarzen Feminismus setzt.[8] In Deutschland entfaltet der sogenannte Netzfeminismus diese diskursive und intersektionale Kritik, unter anderem mit #Aufschrei und #Ausnahmslos.[9]

Die queeren Feminismen thematisieren sexuelle und körperliche Vielfalt und fordern deren Anerkennung. Als Kürzel für die geteilten Anliegen dient die Formel LGBTTI, entlang des Bogens von Lesben, Schwulen, Bisexuellen, Transsexuellen, Transgender und Inter*Personen, die von der hegemonialen Heteronormativität abgewertet und ausgeschlossen werden. Darunter wird eine vorbewusste normative Privilegierung von Heterosexualität (nicht von heterosexuellem Verhalten) verstanden, die Machteffekte von Normalisierungen, von Einschlüssen und Ausschlüssen produziert. Wer als nicht "normal" identifiziert wird, ist danach "anders" und "draußen".

Sowohl die diskursiven als auch die queeren Feminismen entfalten eine starke Genderkritik und -differenzierung, aber ihre Gesellschaftsanalyse ist wenig ausgearbeitet. So bleiben die sozialen Verhältnisse oft unscharf, die diese neuen Differenzierungen mitschaffen und stützen, wie etwa der Kapitalismus, der Nationalstaat oder globale Normen. Sie befinden sich zudem in einer schwierigen Schieflage von postidentitärer Identität, hat diese sich doch über die Kritik an dualistischen Identitätsansätzen entfaltet, die eine einheitliche "weibliche" oder auch "lesbische" Identität annahmen und die Unterschiede und Vielfalt von Frauen oder Lesben ausblendeten. Doch nun werden ebenfalls Gruppen unter postidentitären Bezeichnungen wie "LGBTTI" zusammengeführt, die oft im Sinne von Identitätspolitik wirken. Die Kernfragen beider feministischer Richtungen sind Ausschlüsse durch Normalisierungen und Andersmachen der Differenzen, und sie fordern Anerkennung der Vielfalt von Geschlechtern, Körpern, Sexualitäten und individuellen Lebensentwürfen.

Zwischen den strukturellen und den diskursiven Feminismen stehen antirassistische, Schwarze und postkoloniale Feminismen, die Diskurse und Strukturen zusammenführen. [10] Sie beziehen sich auf intersektionale und globale Ungleichheiten. Teils verwenden sie ebenfalls identitäre oder postidentitäre Gruppenansätze wie Person of Colour oder postkoloniale Queers. Über Antirassismus und globale Geschlechtergerechtigkeit wird zwischen allen feministischen Flügeln heftig diskutiert und gestritten.

Nach diesem Überblick gehe ich nun auf einige wesentliche Themen und Debatten ein, die die Beiträge der verschiedenen Strömungen und die Kontroversen zwischen ihnen sichtbar machen.

Fußnoten

4.
Vgl. u.a. Katrin Meyer, Theorien der Intersektionalität zur Einführung, Hamburg 2017.
5.
Zur Identitätsproblematik in der feministischen Kritischen Theorie vgl. Gudrun-Axeli Knapp, Im Widerstreit. Feministische Theorie in Bewegung, Wiesbaden 2012. Auf einen materialistischen identitätsbezogenen Feminismus zielt Koschka Linkerhand (Hrsg.), Feministisch Streiten, Berlin 2018.
6.
Vgl. u.a. Lenz (Anm. 2).
7.
Eine Methode ist das Gender Mainstreaming, das ausgehend von zwei Geschlechtern, also Frauen und Männern, ihre gleiche Berücksichtigung in Organisationen und deren Maßnahmen fordert. Es handelt sich also um ein Reformkonzept des Geschlechtsdualismus, mit dem u.a. auch Männer stärker in Gleichstellungsmaßnahmen einbezogen werden sollen. Die Mobilisierung von antifeministischen Kreisen dagegen erscheint wenig informiert.
8.
Vgl. Elizabeth Evans, The Politics of Third Wave Feminisms, Basingstoke 2015.
9.
Vgl. u.a. Sonja Eismann, Ene, meine Missy, Frankfurt/M. 2017; Margarete Stokowski, Untenrum frei, Reinbek 2016; Anne Wizorek, Weil ein #Aufschrei nicht reicht. Für einen Feminismus von heute, Frankfurt/M. 2014.
10.
Vgl. u.a. Maria do Mar Castro Varela/Nikita Dhawan, Postkoloniale Theorien, Bielefeld 2015.
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