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15.7.2002 | Von:
Edeltraud Roller

Erosion des sozialstaatlichen Konsenses und die Entstehung einer neuen Konfliktlinie in Deutschland?

IV. Wohlfahrtsstaatsmodelle

Im Folgenden werden die über den institutionellen Kern des Sozialstaats hinausgehenden Präferenzen für verschiedene wohlfahrtsstaatliche Modelle betrachtet. Dafür stehen uns Befragungen aus den achtziger und neunziger Jahren (1985, 1996) zur Verfügung, d. h., direkte Aussagen zur aktuellen Situation können nicht gemacht werden.

In Tabelle 2 ist für jede Bevölkerungsgruppe der Anteil der Befragten ausgewiesen, der das jeweilige Wohlfahrtsstaatsmodell präferiert. In den alten Bundesländern ist nicht nur die Mehrheit aller Bürger für ein sozialdemokratisches Modell, sondern auch innerhalb der untersuchten Bevölkerungsgruppen spricht sich jeweils die Mehrheit für dieses Modell aus. Ebenso nimmt zwischen 1985 und 1996 in allen Gruppen der Anteil der Befragten zu, der ein christdemokratisches Wohlfahrtsstaatsmodell befürwortet (Ausnahme: Arbeitslose). Wenn Unterschiede zwischen den einzelnen Gruppen vorliegen, dann konzentrieren sich diese in erster Linie auf das sozialistische Modell. Der Konflikt ist also einseitig und bezieht sich vornehmlich auf einen noch umfassenderen Wohlfahrtsstaat als den, der gegenwärtig existiert.

Zu beiden Erhebungszeitpunkten sind die Unterschiede zwischen den Bevölkerungsgruppen im Hinblick auf das präferierte Wohlfahrtsstaatsmodell gering. Wie erwartet, befürworten die Nutznießer des Sozialstaats tendenziell ein umfassenderes Modell. Lediglich bei den Altersgruppen liegt nicht der erwartete Zusammenhang vor (nämlich dass die Präferenz für einen umfassenderen Wohlfahrtsstaat mit zunehmendem Alter steigt). Stattdessen lässt sich ein U-förmiger Zusammenhang beobachten. Der sozialistische Wohlfahrtsstaat wird überdurchschnittlich stark nicht nur von den Angehörigen der ältesten Kohorte (der Generationengruppe über 65 Jahre), sondern auch von den Angehörigen der jüngsten Kohorte (18 - 24 Jahre) präferiert. Wir vermuten, dass es sich bei der starken Befürwortung eines umfassenden Wohlfahrtsstaats bei den jüngeren Alterskohorten um einen Lebenszykluseffekt handelt, der insbesondere 1985 durch die stark postmaterialistische Orientierung der jüngeren Alterskohorten verstärkt wurde. Insgesamt sind in Westdeutschland die Differenzen zwischen den Bevölkerungsgruppen nur schwach ausgeprägt, und über die Zeit zeichnet sich keine Zunahme der Differenzen ab. In einem Fall, zwischen den Erwerbstätigen und Leistungsempfängern, kommt es sogar zu einer Abnahme der Gruppenunterschiede, weil die Rentner und Pensionäre im Jahr 1996 nicht mehr eine überdurchschnittliche Präferenz für das sozialistische Modell aufweisen.

In den neuen Bundesländern spricht sich in allen Bevölkerungsgruppen die Mehrheit für ein sozialistisches Modell aus. Sofern überhaupt Differenzen zwischen den Bevölkerungsgruppen vorliegen, beziehen sie sich auch hier nur auf dieses Modell. Zum einen existieren die prognostizierten Unterschiede zwischen den Erwerbstätigen und den Leistungsempfängern. Zum anderen liegen, wenn auch in geringerem Ausmaß, die prognostizierten Unterschiede zwischen den Alterskohorten vor. Die Alterskohorten ab 55 Jahren präferieren in stärkerem Maß den sozialistischen Wohlfahrtsstaat als die 18- bis 34-Jährigen. Darin dürfte sich aber weniger der prognostizierte "Krieg der Generationen" als vielmehr ein Konflikt zwischen Erwerbstätigen und Erwerbslosen abzeichnen. Die 55- bis 64-Jährigen, die nach dem massiven Arbeitsplatzabbau in Ostdeutschland ihren Arbeitsplatz verloren haben, besitzen wegen ihres Alters geringere Arbeitsmarktchancen und sind deshalb überproportional von Sozialleistungen abhängig. In beiden Fällen handelt es sich wohl um einen spezifischen postkommunistischen Konflikt zwischen Gewinnern und Verlierern der Systemtransformation, der letztlich in dem durch den Zusammenbruch der sozialistischen Ökonomie verursachten hohen Arbeitsplatzverlust begründet liegt. Insgesamt sind die Differenzen in Bezug auf das Wohlfahrtsstaatsmodell in Ostdeutschland jedoch ebenfalls nur schwach ausgeprägt.