Modell des Weimarer Theaterplatzes am 21. August 1919 nach der Vereidigung des Reichspräsidenten Friedrich Ebert in der Ausstellung „Demokratie aus Weimar. Die Nationalversammlung 1919“ im Weimarer Stadtmuseum.

27.4.2018 | Von:
Andreas Rödder

Gustav Stresemann und die Perspektive der Anderen

Zweite deutsche Kapitulation

Anfang der 1920er Jahre, zugespitzt im Jahr 1922, gewannen die Pariser Verantwortlichen vielmehr den Eindruck, dass sich das Deutsche Reich seinen Verpflichtungen entzog. Die Reichsregierung erklärte, sie könne auf Jahre hin keine Reparationen zahlen.[9] Vor diesem Hintergrund entschied der französische Ministerpräsident und Außenminister Raymond Poincaré, auf eigene Faust zu handeln. Deutsche Lieferrückstände für Reparationsleistungen dienten als Rechtfertigung, um am 11. Januar 1923 mit französischen und belgischen Truppen das Ruhrgebiet, die Herzkammer der deutschen Schwerindustrie, zu besetzen.

Der Krieg flammte wieder auf, diesmal auf deutschem Territorium. Die deutsche Seite reagierte mit dem sogenannten passiven Widerstand, die französische mit harten Gegenmaßnahmen. Über Monate herrschte ein erbittertes Patt, doch Deutschland saß am kürzeren Hebel. Am 12. August 1923 musste Reichskanzler Wilhelm Cuno zurücktreten, der einem Kabinett von parteilosen Experten vorgestanden hatte. Tags darauf wurde Gustav Stresemann zu seinem Nachfolger ernannt – für ein politisches Himmelfahrtskommando. Da die französische Regierung jegliche Verhandlungen verweigerte, solange der passive Widerstand andauerte, blieb Stresemann nichts anderes übrig, als am 26. September 1923 dessen Abbruch und damit die zweite deutsche Kapitulation vor Frankreich innerhalb von fünf Jahren zu erklären.

Poincaré sah sich kurz vor dem Ziel – und machte einen folgenreichen Fehler: Als die Reichsregierung am 24. Oktober 1923 bei der alliierten Reparationskommission den Antrag stellte, die deutsche Zahlungsfähigkeit zu überprüfen, stellte Poincaré sich eine große internationale Konferenz über alle ungelösten Probleme vor, auf der Frankreich aus der Position des Stärkeren heraus seine Vorstellungen durchsetzen könne. Deutschland hatte aber mit der Einstellung des passiven Widerstands nach britischer und US-amerikanischer Auffassung seine Bringschuld erbracht, während die französische Unnachgiebigkeit einen Umschwung der Sympathien zu deutschen Gunsten herbeiführte:[10] Der Dawes-Plan, der 1924 aus dem Antrag der Reichsregierung hervorging, war der erste internationale Versuch, den Versailler Vertrag so zu gestalten, dass er für Deutschland tragbar wurde. Eine amerikanische Anleihe schob einen wirtschaftlichen Aufschwung an; wenn es so etwas wie die "goldenen Zwanziger" gab, dann in den Jahren nach 1924. Jedenfalls hatte Deutschland Mitte der 1920er Jahre seine politische Position in Europa substanziell verbessert.

Mit den Verträgen von Locarno, die auf Initiative Gustav Stresemanns als mittlerweile Außenminister ausgehandelt wurden, garantierten sich Deutschland und Frankreich (und Belgien) im Oktober 1925 gegenseitig den Status quo am Rhein. In der Sache änderte Locarno nichts und schrieb vielmehr Bestimmungen von Versailles sogar noch einmal freiwillig fest. Dafür verzichtete Frankreich aber auf die Möglichkeit militärischer Strafaktionen wie die der Ruhrbesetzung von 1923. Als vertrauensbildende Maßnahme war Locarno vor allem eine Investition in soft power, deren Ertrag in Form von weiteren Revisionen erwartet wurde. Als Deutschland 1926 in den Völkerbund aufgenommen wurde, gehörte es zu den drei großen europäischen Mächten. Im selben Jahr erhielt Stresemann gemeinsam mit seinem französischen Amtskollegen Aristide Briand den Friedensnobelpreis – jener Gustav Stresemann, der im Ersten Weltkrieg als Anhänger eines extremen Annexionsfriedens aufgetreten war. So drängt sich die Frage auf: Wie stand es um das Verhältnis von Revisionismus und Verständigung?

Fußnoten

9.
Hermann J. Rupieper, The Cuno Government and Reparations 1922–1923, Den Haag 1979, S. 24.
10.
Vgl. Thomas Witteck, Auf ewig Feind? Das Deutschlandbild in den britischen Massenmedien nach dem Ersten Weltkrieg, München 2005, S. 272f.
Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Andreas Rödder für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

Sie dürfen den Text unter Nennung der Lizenz CC BY-NC-ND 3.0 DE und des/der Autors/-in teilen.
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.