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22.5.2002 | Von:
Rainer Gries
Silke Satjukow

Von Menschen und Übermenschen

Der "Alltag" und das "Außeralltägliche" der "sozialistischen Helden"

III. Sozialistische Helden als Medien des Volkes

Bisher war die Rede davon, wie die Heldenpropaganda der fünfziger Jahre, wie die Einpflanzung der eigenen Ideen in die Helden, wie ihre "Fleischwerdung" zur Grundlage einer langfristigen Legitimierung der Staats- und Parteioberen wurde. Weit überzeugender als nur abstrakte Inhalte wirkten Personen wie Adolf Hennecke, Juri Gagarin und Walentina Tereschkowa auf die Bevölkerung. Ihr positives moralisches Image sowie ihr ausgewiesenes Expertentum machten sie, zumindest in bestimmten Bereichen, zu Meinungsträgern. So bewährte sich Adolf Hennecke nicht nur als anerkannte Moralinstanz, wovon unzählige Briefe von Jung und Alt zeugen, in denen er um Rat und Hilfe gebeten wird. Noch im fortgeschrittenen Alter bestand er darauf, diese Schreiben persönlich zu beantworten. Darüber hinaus meldete er sich auch zu aktuellen wie allgemeinen Problemen der Zeit zu Wort. Er tourte mit Vorträgen durchs Land, und wann immer ein großes Ereignis ins Haus stand, nahm er Stellung - ob nun in politischen Diskussionen oder bei Professor Flimmrich, dem beliebten Kinderprogramm.

Die Bevölkerung, die sich an die Helden wandte, beziehungsweise sie ignorierte, auf jeden Fall aber mit ihnen umging, stellte keinesfalls eine homogene Größe dar, welche die von den Machthabern vermittelten Botschaften einheitlich aufnahm. Nach Henneckes Tat bejubeln ihn die einen, schreiben vielversige Gedichte, komponieren Lieder und malen Bilder - die anderen verhöhnen ihn, drohen ihm mit Gewalt und schlagen ihm die Scheiben ein. Die Bevölkerung zeigte sich immer in der Lage, den propagierten Botschaften - je nach Standort - sehr eigensinnig Bedeutung zuzuweisen. Wie die jeweiligen Bevölkerungsschichten über propagierte Helden wie Adolf Hennecke, den Radprofi Täve Schur oder den ersten Menschen im Weltall, Juri Gagarin, dachten, hing von zahlreichen Faktoren ab. Zwar konnten die Machthabenden per autoritärer Setzung Helden propagieren, doch konnten sie nicht verordnen, diese Figuren auch zu verehren, ja zum Teil, wie die Quellen es immer wieder bestätigen, sie sogar zu lieben. Zu fragen wäre also: Wie erfolgte die individuelle Auswahl inmitten eines wohlfeil gebotenen Heldenpantheons? Warum wurden die einen gefeiert, während die anderen nie an positiver Bedeutung gewannen?