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2.7.2002 | Von:
Julian Nida-Rümelin

Globalisierung und kulturelle Differenz

Eine zivilgesellschaftliche Perspektive

II. Abschnitt

Bevor ich auf die zivilgesellschaftliche Konzeption eingehe, möchte ich einen - wenn auch stark verkürzten Blick - auf theoretische Alternativen werfen. In der politischen Theorie gibt es einen prominenten Ansatz, mit Differenz umzugehen, sei es eine Differenz der Interessen, eine der Kultur oder eine der Lebensform - diese Unterscheidungen markieren lediglich Punkte in einem Spektrum mit fließenden Übergängen. Die Antwort, die Thomas Hobbes auf die Frage des Umgangs mit Differenz gegeben hat (und die bis heute die Diskussion prägt), ist im Kern die, dass es Aufgabe des Staates ist, eine Eskalation der Differenzen zu Gewalt zu verhindern. Der Souverän löst diese Aufgabe, indem er denjenigen, die bestimmte Regeln brechen und dadurch die Stabilität des gesellschaftlichen Gefüges gefährden, mit Sanktionen droht. Der Hobbes'sche Leviathan verfügt dabei über unbegrenzte Sanktionsmöglichkeiten, er ist nicht an moralische Grenzen gebunden.

Ich beschränke mich auf zwei kritische Anmerkungen zu diesem Ansatz. Zum einen läuft die Drohung mit Sanktionen in einem fanatisierten Umfeld ins Leere. Akteure, die bereit sind, ihr eigenes Leben der Erreichung bestimmter ideologischer Ziele zu opfern, sind durch die Hobbes'sche Strategie der Befriedung nicht zu bezwingen. Zum anderen ist offenkundig, dass wir auf der globalen Ebene nur relativ schwache Institutionen haben, die Fanatismus und Gewalt nur begrenzt eindämmen können, trotz zum Teil sehr komplexer Sicherheitssysteme.

Eine entgegengesetzte Variante politischen Denkens setzt darauf, dass es eine Gemeinschaft der Bürgerinnen und Bürger gibt, die durch konvergierende Wertorientierungen zusammengehalten wird. Ein Gemeinwille eint dieser - maßgeblich von Rousseau geprägten - Denkweise zufolge die citoyens. Die Grundidee besteht darin, dass die Differenzen der Privatpersonen im Bürgerstatus eingeebnet werden. Staatliche Sanktionen kommen hinzu, aber sie stützen letztlich nur einen tieferen normativen Konsens. Problematisch ist dieser Ansatz nicht zuletzt deswegen, weil er, ganz im Sinne konventioneller Konzeptionen der Nationalstaatsbildung, auf kulturelle Angleichung und Homogenität zielt. Angesichts der gegenwärtigen weltpolitischen Konstellation lässt ihn dieses Merkmal wenig attraktiv erscheinen. Weder im internationalen Maßstab noch im Inneren einer multikulturellen Gesellschaft gibt es den umfassenden Gemeinwillen, von dem die Konzeption ausgeht. Die Vision einer globalen Kultur, die auf der Vereinheitlichung von Weltanschauungen, regionalen kulturellen Prägungen und Lebensformen fußen würde, scheint ebenso wenig wünschenswert wie realisierbar.

In Abgrenzung zu den skizzierten Ansätzen plädiere ich für eine zivilgesellschaftliche Perspektive. Ich verstehe darunter eine Konzeption, die den von Hobbes als Zustand potenzieller permanenter Gewalt beschriebenen Naturzustand durch ein stabiles und von einem normativen Konsens getragenes Kooperationsgefüge überwindet. Zur Stabilisierung dieses Gefüges bedarf es staatlicher und suprastaatlicher Institutionen. Friedenssicherung im Sinne eines status civilis, in dem Konflikte unterhalb der Schwelle der Gewaltanwendung moderiert werden, resultiert jedoch nicht aus der Etablierung einer zentralen Herrschaftsgewalt, sondern basiert auf wechselseitig akzeptierten Regeln des Konfliktaustrags, auf der Anerkennung staatlicher und rechtlicher Kompetenzen, und auf der Rücksichtnahme auf kulturelle Differenzen. Dem staatlichen Gewaltmonopol kommt dabei die Rolle einer Ultima Ratio zu. Es ist nicht durch die Konzentration von Gewaltmitteln konstitutiert, sondern durch eine hinreichende Konformität des Verhaltens der Bürgerinnen und Bürger mit einer im Ganzen legitimen Struktur demokratischer Institutionen.

Der dem zivilgesellschaftlichen Kooperationsgefüge zugrunde liegende normative Konsens ist ein minimaler in dem Sinne, dass sich - bei aller Diversität - aus den moralischen Überzeugungen der Individuen ein gemeinsamer Kern rekonstruieren lässt. John Rawls hat in diesem Zusammenhang den Begriff overlapping consensus geprägt. Der gemeinsame Kern umfasst basale, aber allgemein gültige normative Prinzipien und Regeln. Ein so verstandener normativer Minimalkonsens beruht auf einem Ethos der Toleranz und des Respekts - Respekt für die Integrität und Autonomie anderer Personen, für ihre existenziellen Bindungen, für ihre Lebensform. Dieses Ethos trägt die abstrakten universellen Prinzipien. Die Menschenrechte als zentrales Paradigma und andere Prinzipien, die hinzutreten, bauen auf ihm auf.

Dieser Ansatz steht in der vertragstheoretischen Tradition der politischen Ethik. Man kann die konsensuale Einigung auf einen normativen Kernbestand als Fairnessvertrag - d. h. als Verfahren der Wahl von Regeln und Prinzipien unter fairen Bedingungen - interpretieren. Der Aspekt der Fairness findet insofern Berücksichtigung, als alle Beteiligten von Differenzen der Interessen und der kulturellen Prägung abstrahieren. Das Modell eines fiktiven Fairnessvertrages bekommt normative Relevanz allerdings erst dann, wenn es die moralische Motivation realer Akteure unter realen Bedingungen idealtypisch rekonstruiert: Jede einzelne Person weiß um die Konflikte zwischen ihren subjektiven Zielen und den Zielen anderer, sie weiß auch um weltanschauliche und moralische Differenzen. Sie sieht sich jedoch zugleich als Teil eines gesellschaftlichen Kooperationsgefüges. Sie wünscht sich ein Leben, das über alle Differenzen hinweg durch vertrauenswürdige Zusammenarbeit, wechselseitig erwünschte gemeinsame Projekte, durch Anerkennung der Eigenheiten und Zurückhaltung bei Konflikten geprägt ist. Sie wünscht sich daher, dass Konflikte nur in den Grenzen ausgetragen werden, die vereinbar sind mit der Aufrechterhaltung bzw. der Entwicklung fairer gesellschaftlicher Kooperation. In der Beurteilung der Regeln ist sie gezwungen, vom eigenen subjektiven Standpunkt, von der je eigenen Lebensform zu abstrahieren. Kooperation verlangt nach diesem Verständnis nicht die Einebnung von Differenzen, sondern nur die Einschränkung von Handlungsoptionen durch akzeptierte Regeln.