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11.6.2002 | Von:
Helmut K. Anheier
Stefan Toepler

Bürgerschaftliches Engagement in Europa

Überblick und gesellschaftspolitische Einordnung

Bürgerschaftliches Engagement ist heute wichtiger denn je. Gerade in Deutschland hat es sich in den letzten Jahren zu einem gesellschaftpolitisch wichtigen Thema entwickelt.

Einleitung

Bürgerschaftliches Engagement und freiwilliger Einsatz für gemeinnützige Zwecke sind nicht nur in Deutschland in den letzten Jahren zu einem gesellschaftspolitisch bedeutsamen Thema geworden. Auch in anderen Ländern nimmt es politisch einen weitaus höheren Stellenwert ein als dies noch vor wenigen Jahren der Fall war, sei es in anderen EU Mitgliedsstaaten, den USA oder in den Transformationsgesellschaften Mittel- und Osteuropas. Symbolischen Ausdruck findet dieses gewachsene Interesse im gerade zu Ende gegangenen und von den Vereinten Nationen für 2001 ausgerufenen "Jahr des Ehrenamtes", und im "Internationalen Tag des Ehrenamtes", welcher nun jährlich am 5. Dezember gefeiert werden soll. Auch die Europäische Union, die Weltbank und die OECD unterstreichen verstärkt die Bedeutung von bürgerschaftlichem Engagement und die Rolle von gemeinützigen Organisationen. [1]

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  • Was steht hinter dieser Entwicklung und welche Unterschiede und Gemeinsamkeiten zeichnen sich im europäischen Rahmen ab? Oder, um es auf den Punkt zu bringen, welcher politischen Intension ist an Ehrenamtlichkeit, seiner Wiederbelebung und Neubestimmung, gelegen, und was soll bürgerschaftliches Engagement letztlich bewirken? Soll der Beitrag des einzelnen für das Gemeinwohl auf freiwilliger und gleichsam sozial schonender Basis erhöht werden, gerade mit Blick auf leere öffentliche Kassen und angespannte Sozialbudgets? Oder geht es um den Einsatz von sozialem Kapital der Neo-Tocqueville'schen Formel, wonach bürgerschaftliches Engagement und Teilhabe an der Öffentlichkeit die Grundlage eines funktionierenden demokratischen Gemeinwesens ist? Oder soll sogar beides erreicht werden?


    Stellen wir einen Befund voran, der helfen soll, das Interesse an Ehrenamtlichkeit im weiteren gesellschaftspolitischen Kontext zu sehen. Zahlreiche Untersuchungen in Europa und auch in den USA haben gezeigt, dass Religiosität, politisches Engagement und aktives Interesse am Sport die wichtigsten Erklärungsfaktoren für Ehrenamtlichkeit darstellen. Kirche und Partei waren neben dem Sportverein die Institutionen schlechthin, in denen bürgerschaftliches Engagement weitgehend erlernt und auch ausgeübt wurde. In den letzten Jahrzehnten haben diese Institutionen diese Funktion teilweise verloren, und es hat eine Erosion der sozialen Milieus stattgefunden - nicht nur Deutschland, sondern auch in den meisten europäischen Ländern, die auf lokaler Ebene in der Vergangenheit stark von den verfassten Kirchen, den etablierten politischen Parteien und deren Vereinslandschaft geprägt waren.

    Denken wir in diesem Zusammenhang an die Kirchenaustritte, die in ihrem Ausmaß zu einer quasi paneuropäischen Epedemie herangewachsen sind. Im Deutschland der neunziger Jahre waren es durchschnittlich 150 000 pro Jahr bei der Katholischen Kirche, und fast doppelt so viel bei den Protestantischen Kirchen. Zusammen entspricht dies etwa der Einwohnerzahl einer mittleren Großstadt, die den öffentlich-verfassten Kirchen in Deutschland jedes Jahr verloren geht. Gerade 5 % der evangelischen Kirchenmitglieder und 19 % der Katholiken nehmen wöchentlich am Gottesdienst teil. Der beachtliche Rückzug der Kirche in Europa ist gepaart mit einer Professionaliserung des gesamten Dienstleistungsbereichs, der sich um die Kirche angesiedelt hat, was der fortschreitenden Säkularisierung europäischer Gesellschaften weiter Vorschub leistet. Schweden hat die lutherische Staatskirche abgeschafft und damit auch die Kirchensteuer, und die Position der anglikanischen Kirche in England war noch nie so gefährdet wie heute - nicht so sehr im politischen Sinne als kulturell, nämlich in der zunehmenden Irrelevanz der Church of England für das alltägliche Leben. In Frankreich finden sich ähnliche Tendenzen, die auf einen vehementen Säkularisierungschub hinweisen.

    Aber es sind nicht nur die traditionellen Kirchen Europas, denen die Mitglieder weglaufen. Auch die Mitgliederzahlen der Großverbände, der Parteien und Gewerkschaften gehen in den meisten europäischen Ländern seit Jahren zurück. Gleichzeitig erhöht sich die Zahl der Vereine und die Zahl der Mitgliedschaften überhaupt, und die Vereinsdichte hat sich seit 1960 in Deutschland und Frankreich mehr als verdreifacht; in Österreich finden wir ähnliche Zahlen. Das heißt, die Bürger Europas werden häufiger Mitglieder und in mehr Vereinen als dies in der Vergangenheit der Fall war, aber seltener in den Großvereinen und Gemeinschaften, die in ihrer jetzigen Verfassung meist aus dem industriellen Zeitalter stammen. Die Vereinslandschaft wandelt sich, und die Bedeutung der großen sozialen Aggregate geht zurück - seien es die politischen Parteien, die Gewerkschaften oder die öffentlich-rechtlich verfassten Kirchen. Selbst Automobilclubs wie der ADAC oder der britische AA scheinen an Wachstumsgrenzen gestoßen zu sein.

    Es ist diese institutionelle Lücke, aus der das politische Interesse an einer Neubestimmung des Ehrenamts erwächst. Aber es gibt noch einen tiefer liegenderen Grund für die wachsende Bedeutung des bürgerschaftlichen Engagements: die sich verändernde Rolle des Staates. Obwohl sich der europäische Sozialstaat in einer anderen historischen Tradition sieht, rütteln auch hier die politischen Entwürfe des Neoliberalismus weiterhin an den Grundfesten des Staates und der Gesellschaft. Dies geschieht nicht so sehr im engeren Sinne der Steuerpolitik, sondern viel weitgehender: Es handelt sich um die Frage der Verantwortlichkeiten oder neu zu verhandelnden Zuständigkeiten zwischen Staat und Bürger. Selbst dort, wo sozialdemokratische Regierungen an der Macht sind, legen diese kaum noch umfassende Reformprogramme vor, die den Ambitionen der siebziger Jahre auch nur annähernd gerecht würden. Dem Staat fehlt es an Perspektiven für die zukünftige Gestaltung der Gesellschaft, in der er eine prägende Rolle spielen kann oder soll.

    Dies ist letztlich die grundlegende Einsicht, die sich aus der politischen Gegenrichtung zum Neokonservatismus herauslesen lässt. Politisch wird der mündige Bürger proklamiert, der sich vor den (kleiner werdenden) Staat stellen und neue sowie alte Freiheiten und Verantwortlichkeiten im Sinne des klassischen liberalen Republikanismus einfordern soll. Der Dritte Weg Tony Blairs und die Neue Mitte Gerhard Schröders stellen letztlich sozialdemokratische Varianten dieses grundlegenden Wandels im Konsens moderner Gesellschaften dar.

    Verbunden mit eher wirtschaftspolitschen Vorstellungen der Privatisierung hat sich daraus eine fast paneuropäische Bewegung entwickelt, die mehr oder weniger systematisch staatliche und quasistaatliche Bereiche privatisiert oder sie zumindest unter Legimationsdruck stellt: Das reicht von den freien Wohlfahrtsverbänden in Deutschland, über die britischen Universitäten, das Kammerwesen in Österreich, das Sparkassenwesen in Italien bis zum Sozialversicherungswesen überhaupt. Der politische Konsens der späten Industriegesellschaft ist unter Druck geraten, und institutionelle Strukturen brechen auf -Strukturen, die einen selbstbewussteren, individualistischen Bürger brauchen, der sich - so der politische Wunsch - engagiert und um das Gemeinwohl kümmert. Die viel beschworene Zivilgesellschaft - oder zivile Bürgergesellschaft in den Worten Gerhard Schröders - bedeutet letztlich eben weniger staatliche Fürsorge und mehr Eigenverantwortung und Selbstbeteiligung.

    Inwieweit enspricht diese politische Vorstellung der Realität? Leider hat der Wissensstand über das Ausmaß, die Struktur und unterliegende Motivationen freiwilligen Engagements - gerade in länderübergreifender Betrachtungsweise - nicht mit dem wachsenden politischen Interesse mitgehalten. Im folgenden gehen wir der internationalen Vergleichbarkeit halber aber nur auf Studien ein, die in ihrer Methodologie explizit vergleichend angelegt waren. Das betrifft insbesondere drei Untersuchungen: das European Value Survey, die Eurovol-Studie und das Johns Hopkins Comparative Nonprofit Sector Project. Trotz aller Beschränkungen hinsichtlich der Datenlage lassen sich drei wesentliche Befunde festhalten:

    - Ehrenamtlichkeit, obwohl weit verbreitet und ohne größere Einbrüche im Zeitvergleich, stagniert in Europa und Wachstumsschübe lassen sich sicherlich nicht erwarten. Es scheint eine Umstrukturierung der Ehrenamtlichkeit stattgefunden zu haben, aber kein Wachstum als solches. Könnte es sein, dass das politische Interesse an der Ehrenamtlichkeit der Wirklichkeit voraus eilt?

    - Die Motivstränge für Ehrenamtlichkeit zeigen eine deutliche Verschiebung von religiös-moralischen Vorstellungen weg, hin zu instrumentellen, individualistischen Motivationslagen. Dies ist in der Tat von der Politik richtig erkannt worden, es stellt sich aber die Frage, wo die Grenze zwischen Eigen- und Gemeinnutz in Zukunft gezogen werden könnte; und

    - Bürgerschaftliches Engagements in Europa ist weiterhin stark von nationalen Gegebenheiten und Strukuren geprägt, insbesondere von der jeweiligen Einbettung und Rolle des Dritten Sektors. Welche Rolle kann bürgerschaftliches Engagement für die Zukunft Europas spielen?

    Fußnoten

    1.
    Vgl. Commission of the European Communities, Promoting the Role of Voluntary Organisations in Europe, Luxemburg 1997.