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10.6.2002 | Von:
Matin Baraki

Islamismus und Großmachtpolitik in Afghanistan

I. Islamische Bewegungen in Afghanistan bis 1978

Um die "Talibanisierung" Afghanistans besser einordnen zu können, ist es sinnvoll, auf die Geschichte des Islamismus seit Anfang der sechziger Jahre in Afghanistan einzugehen. Die Gründung islamistischer Gruppen in Afghanistan stand im Zusammenhang mit der Einleitung innenpolitischer Reformen, als deren Folge am 1. Oktober 1964 die absolutistische in eine konstitutionelle Monarchie umgewandelt wurde. Obwohl das von beiden Häusern des Parlaments verabschiedete Parteiengesetz von König Saher Schah nie in Kraft gesetzt wurde, [4] gründeten die seit Anfang der fünfziger Jahre in der Illegalität tätigen politischen Kräfte Parteien. Teile dieser Gruppierungen stellten die Monarchie prinzipiell infrage. Um dieser Entwicklung wirksam zu begegnen, wurden, teils vom Königshaus gefördert, die ersten islamistischen Splittergruppen gebildet, deren Aktionsradius sich jedoch lediglich auf die universitäre Ebene beschränkte. Zur gleichen Zeit und als Gegenpol zu linksorientierten Gruppen, wie der prosowjetischen "Demokratischen Volkspartei Afghanistan" (DVPA) und der maoistischen "Ewigen Flamme", trat 1965 die Gruppierung "Islamische Jugend" an die Öffentlichkeit. Ihre Politik und ihre Aktionen waren von äußerstem Konservatismus und extremer Frauenfeindlichkeit geprägt. So attackierten ihre Mitglieder z. B. "unverschleierte Frauenantlitze und unbedeckte Mädchenbeine mit Säure" [5] .

Während des Parlamentswahlkampfes 1965 ermordeten die Islamisten Mitglieder der DVPA. [6] Während einer Parlamentsdebatte im Oktober 1965 riefen Abgeordnete der Islamisten, darunter Nabi Mohammadi [7] aus der Provinz Logar, zur Ermordung der Abgeordneten der DVPA auf. Noch während der Sitzung wurden Babrak Karmal und Anahita Ratebsad im Plenarsaal attackiert und schwer verletzt.

Infolge der Politisierung der innerafghanischen Verhältnisse schloß sich die führende Geistlichkeit des Landes, die in den Provinzen gleichzeitig zu den einflussreichen Großgrundbesitzern gehörte, den Islamisten an. Im Sommer 1970 wurde unter der Führung von Großmullah Faisanulhaq Faisan nach einer großen Demonstration in der Kabuler Zentral-Moschee eine mehrwöchige Kundgebung durchgeführt. Sowohl die Demonstration als auch die Kundgebung waren zunächst gegen die Linken gerichtet. Als mehrere Redner die Regierung zu kritisieren begannen, wurde die Kundgebung mitten in der Nacht von der Polizei aufgelöst. Diese Aktion der Islamisten kann als erste Politisierungsmaßnahme mit weit ausstrahlender Wirkung bezeichnet werden. Nach der Ausrufung der Republik am 17. Juli 1973 wurden bald Pläne zur Unterwanderung der Armee durch die Islamisten ausgearbeitet, um mittels eines Militärputsches einen islamischen Staat zu errichten. [8] Als diese Pläne publik wurden, ließ Präsident Mohammad Daud 1975 den Drahtzieher Maulawi Faisan verhaften und hinrichten. Das hinderte jedoch die Islamisten nicht, ihre politisch-propagandistische Arbeit vor allem unter den Angehörigen der Armee und des Geheimdienstes zu intensivieren. [9] Als 1978 der Planungsminister Ali Ahmad Choram und kurz danach Mir Akbar Chaibar, Führungsmitglied der DVPA und Leiter der im Untergrund tätigen Gewerkschaften, auf offener Straße erschossen wurden, bezeichnete Gulbudin Hekmatjar diese Mordtaten als "Errungenschaft" [10] seiner Gruppe.

Nach der Ausrufung der Republik Afghanistan und der Hinrichtung Faisans wurde die Lage für die Islamisten prekär. Ihre Führung verließ das Land, ihre Zentrale wurde nach Peschawar verlagert. Dort wurden sie von den pakistanischen Islamisten, vor allem der "Jamiat Ulema Islam" unterstützt. Ihre geheimen Operationen, die einen Aufstand in Afghanistan herbeiführen sollten, wurden mit tatkräftiger Hilfe des pakistanischen Geheimdienstes durchgeführt. Als diese Aktivitäten erfolglos blieben, griffen die Islamisten Polizeigarnisonen an oder terrorisierten Repräsentanten des Daud-Regimes wie im Falle Chorams. Nach dem April-Aufstand 1978 durch in der UdSSR ausgebildete Offiziere und dem Sturz des Daud-Regimes stießen weitere, später als Modjahedin bekannt gewordene Gruppierungen zu den bereits von Pakistan aus operierenden Islamisten.

Fußnoten

4.
Vgl. M. Baraki, Die Beziehungen zwischen Afghanistan und der Bundesrepublik Deutschland 1945 - 1978, Frankfurt/M. 1996, S. 111.
5.
Afghanistan ist ein Vulkan, in: Der Spiegel, 18/1992, S. 173.
6.
Der Verfasser war Augenzeuge eines Überfalls der Islamisten auf die Maoisten auf dem Kabuler Universitätscampus; Saidal wurde, wie seine Freunde angaben, von Gulbudin Hekmatjar ermordet.
7.
Mohammadi war Führer der "Bewegung der Islamischen Revolution", einer der sieben Modjahedingruppen, die von Pakistan aus gegen die Regierung in Afghanistan kämpften.
8.
Vgl. O. Roy (Anm. 3), S. 114.
9.
Als geheime Kontaktpersonen für die Militärs waren Habibul Rahman und ab 1975 Hekmatjar zuständig.
10.
M. Baraki (Anm. 4), S. 548.