Ein D-Mark Geldstück aus dem Jahr 1965

29.6.2018 | Von:
Ulrike Herrmann

Hüterin der D-Mark. Über die Bundesbank und ihre Unabhängigkeit - Essay

Ende von Bretton Woods

Erhards Sturz markierte eine Zeitenwende, denn gleichzeitig ging der Nachkriegsboom langsam zu Ende. Zudem begann das Weltwährungssystem von Bretton Woods zu wackeln. Ab 1965 engagierten sich die USA massiv im Vietnamkrieg, und um die Kosten zu decken, erhöhte die US-Regierung ihre Schulden – sie "druckte" also Dollars.

Die D-Mark wurde zunehmend zur Fluchtwährung, denn Investoren und Spekulanten wetteten darauf, dass das Währungsregime von Bretton Woods kollabieren und der Dollar dramatisch abwerten würde. Also wollten sie ihr Geld in Sicherheit bringen – und tauschten ihre Dollars in D-Mark um. Die deutsche Währung wertete daher permanent auf, was wiederum die Bundesbank zwang, Dollar zu erwerben, um den Kurs der D-Mark nach unten zu drücken.

Der 1. März 1973 sollte die Welt der Währungen für immer verändern: "Plötzlich brach eine neue Spekulationswelle gegenüber dem Dollar aus", erinnert sich Emminger. "Die Bundesbank musste an diesem einen Tag fast acht Milliarden D-Mark Notenbankgeld neu ausgeben. Das war fast so viel wie die damalige Zunahme an Zentralbankgeld für ein ganzes Jahr! Da zogen wir die Notbremse."[13]

Die Bundesbank trat in den Streik und weigerte sich, noch weitere Dollars aufzukaufen. Dieser Schritt war unvermeidlich, denn allein konnte sich die Bundesbank nicht auf Dauer gegen die Finanzmärkte stemmen. Allerdings verstieß die Bundesbank gegen einen völkerrechtlichen Vertrag, indem sie Bretton Woods aufkündigte. Das konnte sie nicht allein entscheiden, sondern benötigte den Segen der Bundesregierung. Doch der damalige SPD-Finanzminister Helmut Schmidt lag mit einer Schilddrüsenerkrankung im Krankenhaus, sein Staatssekretär Karl Otto Pöhl war unerreichbar im Ski-Urlaub, und auch das restliche Bonn war lahmgelegt, weil ausgerechnet an diesem 1. März Weiberfastnacht gefeiert wurde.

Schließlich suchten die Notenbanker nachmittags Kanzler Willy Brandt in seiner Privatvilla auf; im Schlepptau hatten sie nur FDP-Wirtschaftsminister Hans Friderichs. Brandt verstand nichts von Ökonomie, wie er selbst freimütig zugab. Daher soll er laut Emminger nur gesagt haben: "Wenn das Wirtschaftsministerium und die Bundesbank einer Meinung sind, dann wird es wohl so richtig sein."[14]

Die Ära der festen Wechselkurse war damit vorbei. Der Dollar rauschte in die Tiefe und verlor bis 1979 die Hälfte seines Wertes gegenüber der D-Mark. Dieser Absturz wurde zunächst achselzuckend zur Kenntnis genommen. Politiker und Notenbanker erwarteten, dass sich die Devisenkurse auf einem stabilen Niveau einpendeln würden, sobald der Dollarkurs einmal korrigiert wäre. Neoliberale Vordenker wie Milton Friedman versprachen immenses Wachstum: "Eine freie Marktwirtschaft für Wechselkurse wird auch ein ‚Wirtschaftswunder‘ hervorbringen."[15]

Dies erwies sich als Irrtum: Kaum wurden die Devisenkurse freigegeben, stürzten die Industrieländer in eine tiefe Rezession. Es kam zur "Ölkrise" von 1973, da die Scheichs nicht bereit waren, tatenlos zuzusehen, dass sie durch den fallenden Dollar faktisch enteignet wurden. 1971 kostete das Barrel Öl nur knapp zwei Dollar. Da die US-Währung nun auch noch an Wert verlor, war das Öl fast kostenlos. Also setzten die Ölstaaten ihre gesamte Kartellmacht ein, um den Barrelpreis nach oben zu treiben – bis er 1980 ein Rekordhoch von 38 Dollar erreichte.[16]

Alle westlichen Länder steckten in einer fatalen Lohn-Preis-Spirale fest, weil die Gewerkschaften eine falsche Politik verfolgten. Sie sahen nicht, dass sich gegen die Inflation nichts unternehmen ließ, weil die Ölstaaten ihren knappen Rohstoff verteuerten. Stattdessen schalteten die Gewerkschaften auf Klassenkampf und wollten den Preisauftrieb kompensieren, indem sie hohe Lohnabschlüsse durchsetzten. Es kam zu einer "Stagflation" – also zu einer Inflation mitten in der Rezession.

Berühmt-berüchtigt wurde der ÖTV-Vorsitzende Heinz Kluncker, der 1974 ein Lohnplus von elf Prozent für den öffentlichen Dienst erkämpfte, indem er die Müllabfuhr drei Tage lang streiken ließ. Allerdings ging es in der deutschen Privatwirtschaft sogar noch üppiger zu: Im Durchschnitt wurden dort 13 Prozent mehr Gehalt herausgeholt. Zum Teil schmälerten diese hohen Löhne die Gewinne der Unternehmen – zum Teil wurden die Kosten auf die Preise aufgeschlagen. 1974 stieg die Inflation in Deutschland auf 7,2 Prozent.

Die Bundesbank trat sofort auf die Bremse und begann mit einer "Schocktherapie", von der auch Emminger zugab, dass sie "brutal" war.[17] Die Kreditzinsen erreichten ein bis dato unbekanntes Niveau: Wer ein Haus baute, musste für eine Hypothek plötzlich über zehn Prozent Zinsen zahlen, und wer sein Konto überzog, musste sogar 14 Prozent aufbringen.

Da Kredite unerschwinglich wurden, brach die Konjunktur ein. 1974 rutschten mehr als 8.000 Firmen in die Pleite, und 1975 kam es zur schwersten Krise in der alten Bundesrepublik: Die Wirtschaft schrumpfte um 0,9 Prozent. Plötzlich waren über eine Million Menschen arbeitslos, und weitere 900.000 Angestellte mussten kurzarbeiten.

Fußnoten

13.
Emminger (Anm. 7), S. 240.
14.
Zit. nach ebd., S. 240f.
15.
Milton Friedman, Kapitalismus und Freiheit, Frankfurt/M. 2002, S. 23.
16.
Vgl. Herman van der Wee, Der gebremste Wohlstand. Wiederaufbau, Wachstum, Strukturwandel 1945–1980, München 1984, S. 144ff. Der Jom-Kippur-Krieg 1973 war nur der Anlass, nicht die Ursache für den Ölboykott der OPEC-Staaten.
17.
Emminger (Anm. 7), S. 260.
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