30 Jahre Deutsche Einheit Mehr erfahren
Ein D-Mark Geldstück aus dem Jahr 1965

29.6.2018 | Von:
Malte Zierenberg

Ordnende Kraft des Geldes. Zur Geschichte des Schwarzmarkts vor und nach der Währungsreform

Folgen der Schwarzmarktökonomie

Diese beiden Deutungen begleiteten die Auseinandersetzungen um das ökonomische Durcheinander, für das in den Augen der ZeitgenossInnen paradigmatisch der Schwarzmarkt stand, die gesamten 1940er Jahre hindurch. Die Klage über eine Überforderung durch die illegale Ökonomie des Schwarzmarkts, der eine Folge der umfassenden Rationierung und Verknappung von Waren war, stand neben geschickten Anpassungsstrategien und entsprechenden Abenteuer- und Erfolgsgeschichten. Für manche waren jene, die sich auf dem Schwarzmarkt bewährten, nichts weiter als erfolgreiche MarktwirtschaftlerInnen, für sie hatte der Schwarzmarkt im Grunde genommen als eine "Schule der Marktwirtschaft" funktioniert.

Diejenigen jedoch, und sie bildeten die überwältigende Mehrheit, die die Märkte vor allem als eine Zumutung wahrnahmen, brachten mit ihren Klagen eine Reihe von problematischen Verschiebungen im Feld alltäglicher Praktiken zum Ausdruck, die die Schwarzmarktzeit geprägt hatten. Das betraf erstens das Verhältnis von Ware und Geld: Mit dem Rationierungssystem war eine Form der Bewirtschaftung entstanden, die den Erhalt von immer mehr "Gegenständen des täglichen Bedarfs" an ein starres System von Kartenzuteilungen und Versorgungsperioden band. Das Geld verlor seine Funktion als flexibles, individuelle Konsumentscheidungen ermöglichendes Tauschmittel. Auf dem Schwarzmarkt wiederum herrschte ein unübersichtliches Nebeneinander von Geld und Waren. Während die Reichsmark während des Krieges als Zahlungsmittel noch eine Rolle spielte, traten bald immer mehr Ersatzwährungen und Warentauschgeschäfte an ihre Stelle. Damit verbunden war gewissermaßen eine Verknappung von Zukunft. Weil unter den Bedingungen der illegalen Ökonomie keine staatlich garantierte und vom Vertrauen aller Beteiligten getragene Währung mehr möglich war, hingen Kauf-, Spar- und Investitionsüberlegungen immer von sich ändernden Gelegenheiten und Entwicklungen ab. Die Zeitordnung des Schwarzmarkts blieb bei allen Regelmäßigkeiten, die die Märkte im Laufe der Zeit auszubilden in der Lage waren, relativ volatil und erforderte ein hohes Maß an Anpassungsfähigkeit und Knowhow.

Zu den wichtigsten Veränderungen, die die illegale Ökonomie der Schwarzmärkte mit sich brachte, gehörte zweitens, dass das Verhältnis der TauschpartnerInnen zueinander etablierte Rollen und Verhaltensmuster auf die Probe stellte. An die Stelle von normalen Kaufbeziehungen zwischen KundInnen und AnbieterInnen, waren vielfach komplizierte, durch keine staatliche Aufsicht abgesicherte Tauschbeziehungen entstanden: Die Rollen des Käufers und Verkäufers konnten wechseln, durch andere soziale Beziehungen überlagert werden oder aber ganz grundsätzlich infrage gestellt werden. Was bedeutete es, mit seinem Nachbarn zu tauschen? Welche Formen von Abhängigkeit entstanden dadurch? Wie veränderten sich die Beziehungen zwischen Vorgesetzten und Untergebenen, wenn diese zu Tauschpartnern auf Augenhöhe aufstiegen? Kurz: Welche Belastungen brachte es mit sich, wenn man statt eine VerkäuferIn aus einem Ladengeschäft Bekannte, Verwandte oder KollegInnen zugleich als AnbieterIn wie als AbnehmerIn in sein alltägliches Wirtschaften integrieren musste?

Weil der Schwarzmarkt als illegaler Markt nicht in etablierten Konsumräumen stattfinden konnte, unterminierte die illegale Tauschpraxis zudem drittens bestehende Raumordnungen: Restaurants, Bahnhöfe, aber auch private Wohnungen wurden zu Orten, an denen SchwarzhändlerInnen ihren Geschäften nachgingen. Private Räume wurden zu Geschäftsräumen, öffentliche Orte zu Umschlagplätzen, an denen erst unter der Hand, später immer sichtbarer illegale Tauschhandlungen vollzogen wurden.

Und schließlich stellten die illegalen Märkte grundsätzlich die Leistungsfähigkeit und das Vertrauen in staatliches Handeln und seine Rechtmäßigkeit infrage. Mochte man die eigene "kleine" Tauschpraxis auch für unbedeutend und nicht wirklich gravierend halten vor dem Hintergrund der überall beschworenen Schieberfigur – hinter der Ablehnung des Schwarzmarkts (bei gelegentlicher eigener Teilnahme) stand bei vielen auch eine Wahrnehmung der Märkte als Ausdruck der Krise staatlicher Ordnung und drohender weiterer Auflösungserscheinungen.

Schluss

Die Rückkehr zu einer funktionierenden Währung bedeutete für die meisten ZeitgenossInnen mehr als die Chance auf wirtschaftliche Prosperität. Zu den bekanntesten Bildern, mit denen das "Wirtschaftswunder" (bis in aktuelle Schulbücher und historische Darstellungen hinein) illustriert werden sollte, gehörten Aufnahmen von gefüllten Schaufenstern – mit und ohne potenzielle KundInnen, die die Auslage bestaunten. Diese Aufnahmen werden zumeist gelesen als Belege für die "über Nacht" wieder verfügbaren Waren, die in großen Mengen aus Hortungsbeständen wieder zugänglich gemacht wurden, weil die LadenbesitzerInnen in der D-Mark eine vertrauenswürdige Währung sahen, die sie als Zahlungsmittel akzeptierten.

Diese Deutung und diese Bilder haben vieles für sich: Sie sprechen auch von der wiedergewonnenen Stabilität vertrauter Skripte, Rollen und Konsumräume. Statt zu tauschen, so sagen sie sinngemäß, kann man jetzt wieder einkaufen. Die Währungsreform brachte den Schwarzmarkt nicht nur in dem Sinne an sein Ende, dass jetzt wieder angeblich für alle Waren zu erwerben waren. Sie bewirkte in dieser Lesart eben auch, dass man dies gefahrlos und auf vertraute Weise tun konnte, nämlich so, dass die Erfahrungen im alltäglichen Wirtschaften wieder durch stabile und bekannte Beziehungen zwischen Waren, Personen und Räumen gekennzeichnet waren.

Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Malte Zierenberg für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

Sie dürfen den Text unter Nennung der Lizenz CC BY-NC-ND 3.0 DE und des/der Autors/-in teilen.
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.