Ein D-Mark Geldstück aus dem Jahr 1965

29.6.2018 | Von:
Sebastian Teupe

Ängste und Sehnsucht. Von der D-Mark zum Euro

Euro als Bargeld

Die Dimensionen der Einführung des Euro als Bargeld waren enorm. Allein in Deutschland standen die Behörden vor der Herausforderung, die Zahl von 2,6 Milliarden Euro-Geldscheinen in Umlauf zu bringen. Die 12,1 Milliarden Euro-Münzen mit einem Gewicht von 100.000 Tonnen hätten nach Einschätzung des Bundesfinanzministeriums rund 35 Güterzüge mit je 20 Waggons füllen können. Sicherheitsexperten befürchteten Überfälle und eine Falschgeldschwemme. Man dachte zwischenzeitlich sogar daran, UV-Lampen im Taschenformat auszuhändigen, um der Bevölkerung die Erkennung von Blüten zu ermöglichen. Am Tag der Notenausgabe war von der langjährigen Skepsis wenig zu spüren. Das neue Geld in den Händen der Menschen erzielte eine völlig andere Wirkung als das kryptische Buchgeld. Wie 1948 bildeten sich lange Schlangen vor den Bankschaltern.

In den Händen war der Euro angekommen; in den Köpfen war die Umstellung schwieriger. Noch über Jahre hinweg rechnete die große Mehrheit in der alten Währung. Ohne diese Rechenübung fehlte ihnen schlicht das Gefühl für die Preise, das heißt, ob das, was sie auf dem Preisschild sahen, auch ein gutes Angebot war. Die meisten Deutschen waren bald der Überzeugung, dass der Euro in Wahrheit ein "Teuro" sei. Von einem Vertrauensverlust in die wirtschaftliche Entwicklung Deutschlands, einer Krise im Einzelhandel und einer allgemeinen Lähmung war die Rede. Laut dem Institut für Demoskopie Allensbach hatten 70 Prozent der Befragten wenige Monate nach der Einführung "wenig oder kein Vertrauen in den Euro".[19] Interessant an der Debatte war zum einen, dass die Behörden den Einschätzungen der breiten Bevölkerung nie gefolgt sind. Die vom Statistischen Bundesamt in Wiesbaden berechnete Inflationsrate blieb niedrig. Das Preisniveau stieg in den 1990er Jahren in Deutschland sogar stärker als danach mit dem Euro.[20] Von offizieller Seite fand die Wahrnehmung eines "Teuro" also keine Unterstützung. In den Supermärkten standen dagegen die Leute und zeigten kopfschüttelnd auf die Preisschilder, die nicht so recht dem offiziellen Umrechnungskurs zu entsprechen schienen.

An diesem Punkt setzten Wirtschaftspsychologen an, um den "Teuro" zu erklären: Es handele sich um einen systematischen Rechenfehler, der durch die Erwartungen, die öffentliche Debatte und die selektiven Berichte über tatsächlich vorhandene Preistreibereien begründet und verstärkt worden war. Um den Euro-Preis eines Angebots einschätzen zu können, rechneten die Deutschen diesen in D-Mark um. Dabei verrechneten sie sich sowohl nach oben als auch nach unten. Aber weil sie einen "Teuro" erwarteten, korrigierten sie nur die Resultate, die ihnen zu günstig erschienen. Dadurch wurde der Eindruck einer Preissteigerung verstärkt. Die tatsächlichen und wahrgenommenen Preistreibereien blieben im Gedächtnis, während die ausgleichenden Preissenkungen nicht wahrgenommen wurden.[21]

Neue Sehnsucht?

In langfristiger Betrachtung war der Euro zu keinem Zeitpunkt "weich" oder "teuer". Im Außenverhältnis zum Dollar war er stabiler als die D-Mark vor der Währungsreform. Im Inneren lag die Inflationsrate in Deutschland meist nah an den Zielvorgaben der EZB und führte die geldpolitische Tradition der Bundesbank in dieser Hinsicht nahtlos weiter. An den Kriterien der zeitgenössischen Kritik gemessen, war der Euro also erfolgreich. Die EZB hat unter der Führung eines Niederländers, eines Franzosen und eines Italieners nie Erinnerungen an die Instabilität der Lira erweckt. Auch in Deutschland erhält der Euro aktuell ansehnliche Zustimmungswerte von über 80 Prozent.[22]

Gleichzeitig gibt es nach wie vor lautstarke Gegenstimmen. Um festzustellen, wie groß eine Währungsunion sein sollte, gibt es in der Ökonomie die Theorie des "optimalen Währungsraums". Sie besagt, dass die Vorteilhaftigkeit einer gemeinsamen Währung durch die wirtschaftlichen Strukturen und Ähnlichkeiten innerhalb eines Raums definiert ist, sodass ökonomische Schocks nicht durch Änderungen der Wechselkurse ausgeglichen werden müssen. Voraussetzung dafür sind ein hohes Maß an Faktormobilität – das heißt, dass Arbeit und Kapital leicht den Ort wechseln können – sowie eine große Produktdifferenzierung. Demnach erfüllt die europäische Währungsunion das Kriterium eines optimalen Währungsraums nur bedingt.[23]

Die Staatsschuldenkrise Griechenlands hat – wie schon im Konflikt zwischen Deutschland und Frankreich – zu einer Gegenüberstellung vermeintlich nationaler Interessen und erneut zum Denken in nationalen Kategorien geführt. Sie hat eine neue Sehnsucht nach der D-Mark befeuert. So ganz verschwunden war diese allerdings nie. Ende des Jahres 2017 waren Schätzungen zu Folge noch fast 13 Milliarden D-Mark im Umlauf, 5,93 Milliarden in Form von Banknoten und 6,7 Milliarden in Form von Münzen. Der in der Geldtheorie geläufige Begriff des "Umlaufs" ist in diesem Fall allerdings irreführend. Denn anders als die Münzen und Banknoten, die als Euro täglich Portemonnaies wechseln, bezahlt heute kaum noch jemand in D-Mark. Wo genau sich das alte Bargeld befindet, weiß niemand. Es könnte im Ausland versteckt, im Garten vergraben oder schlicht zerstört sein. Nur in vereinzelten Handelsketten, die nach wie vor D-Mark akzeptieren, taucht die alte Währung gelegentlich auf, bei der Modekette C&A im Wert von monatlich 50.000 bis 100.000 Mark. Danach wird sie aus dem Verkehr gezogen.[24] Als Zahlungsmittel existiert die D-Mark also noch, in den Erinnerungen der Menschen ohnehin. Insofern ist auch die Geschichte der D-Mark noch nicht ganz zu Ende. Doch mit jeder D-Mark, die in den Kassen der Kaufhäuser landet, wird sie ein bisschen kleiner.

Fußnoten

19.
Paul (Anm. 6), S. 41.
20.
Vgl. Berthold Busch/Manfred Jäger, Der Weg zum Euro, in: Institut der Deutschen Wirtschaft Köln (Hrsg.), Zehn Jahre Euro. Erfahrungen, Erfolge und Herausforderungen, Köln 2008, S. 10f.
21.
Vgl. Eva Traut-Mattausch et al., Illusory Price Increases after the Euro Changeover in Germany. An Expectancy-Consistent Bias, in: Journal of Consumer Policy 30/2007, S. 421–434.
22.
Eurobarometer (Anm. 9).
23.
Vgl. Barry J. Eichengreen, The Political Economy of European Monetary Unification, Boulder 20012.
24.
Vgl. Michael Kläsgen, Die D-Mark ist unsterblich, 4.1.2016, http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/d-mark-unsterblich-1.2805026«.
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