APUZ Dossier Bild

1.10.2003 | Von:
Edgar Wolfrum

Die Massenmedialisierung des 17. Juni 1953

Der neue Erinnerungsboom

Zur besten Sendezeit liefen bereits Wochen vor dem 17. Juni Fernsehfilme, aufwändige Fiktionen, in den öffentlich-rechtlichen Programmen. "Tage des Sturms" stellt das Schicksal einer Arbeiterfamilie, die in das Geschehen des Aufstands vom 17. Juni 1953 verwickelt wird, in den Mittelpunkt. In "Zwei Tage Hoffnung" dreht sich die Geschichte um zwei Brüder, die in beiden Teilen Berlins leben, der eine arbeitet beim RIAS, der andere ist SED-Kader; zwischen den Brüdern steht eine Frau - der 17. Juni als Liebesgeschichte und Familientragödie. "Helden ohne Ruhm", der auf Arte, dann in der ARD, schließlich in den Dritten Programmen ausgestrahlt wurde, gehört demgegenüber zur Rubrik des Dokumentarfilms; er lenkt das Augenmerk vom Zentrum auf die Provinz und lässt Zeitzeugen ausgiebig zu Wort kommen - ein engagierter Film, der denen Gerechtigkeit verschaffen will, die bisher unsichtbar und namenlos waren. Das geschieht mit Unterstützung pathetischer Klangkaskaden von Schostakowitsch, die signalisieren: Hier geht es um Helden. Im ZDF steuerte Guido Knopp in bewährter Manier "Der Aufstand", ein Dokudrama, also eine Mischung aus Dokumentation und nachgespielten Szenen, mit anschließender Expertenrunde bei. Vor allem der Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB) sendete zahlreiche kleinere Fernsehfilme, Interviews und Diskussionsrunden. In allen größeren Städten und Gemeinden der östlichen Bundesländer gab es, getragen von verschiedenen Veranstaltern, öffentliche Filmpräsentationen zum Schicksalsjahr 1953. Auch im Westen fand man solche, jedoch waren sie viel geringer an der Zahl. Zu erwähnen sind schließlich noch Dokumentarfilme, die auf Video und DVD vertrieben werden.

Auch die Radiosender richteten ihr Programm auf den 50. Jahrestag des 17. Juni 1953 aus. "Panzer und Poeten" nannte etwa der Deutschlandfunk seine Sendereihe: In 14 collageartigen Beiträgen wurden Teilaspekte aus der Sicht von Zeitzeugen geschildert. Grundlage waren Briefe, Tagebücher und andere Materialien von Hörerinnen und Hörern, die der Redaktion nach einem Aufruf des Schauspielers Peter Sodann zur Verfügung gestellt worden waren. Dazu kamen historische Originaltöne, Autorenlesungen - so Erich Loest mit "Durch die Erde ein Riss" oder Günter Grass mit "Die Plebejer proben den Aufstand" -, Gespräche mit Günter Kunert oder Gerhard Zwerenz und vielen anderen, Live-Übertragungen zum ost-westlichen Dialog über den 17. Juni, Hörspiele und so weiter und so fort; die Reihe liegt mittlerweile als CD vor. Bei den regionalen Programmen lag wiederum der Schwerpunkt im Osten. Im Westen bekamen Hörerinnen und Hörer z.B. die Radiosendung des 2. Programms des Südwestrundfunks (SWR) Baden-Baden "'Der Ost-West-Träumer'. Heinz Brandt und der 17. Juni 1953" geboten. Die Deutsche Welle übernahm wie gewohnt die Information der im Ausland lebenden Deutschen und widmete dem Jubiläum zahlreiche Sendungen, etwa vom 16. bis zum 20. Juni eine tägliche "Spurensuche". Auch das Goethe-Institut organisierte Veranstaltungen. Der 17. Juni war ebenfalls in den Medien des europäischen Auslands präsent.

Wie noch niemals zuvor sind für den Jahrestag von verschiedenen Institutionen der Wissenschaft (wie dem Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam) und der politischen Bildung (Bundeszentrale und Landeszentralen) sowie von Museen (wie dem Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland) eine Fülle umfangreicher Internetseiten aufgebaut worden. Man kann so den Weg in das Krisenjahr 1953 verfolgen, die dramatischen Ereignisse selbst und die Nachwirkungen, unterstützt durch multimediale Tageschroniken, Karten und Videoclips.

Nicht zu beziffern ist die Zahl der Ausstellungen unterschiedlichster, z. T. regionaler und lokaler Träger an vielen Orten zu fast allen Aspekten des Aufstands und seiner Verarbeitung in der Öffentlichkeit, in Schulbüchern und im Privaten. Das Haus der Geschichte erarbeitete eine Wanderausstellung über "Widerstand und Opposition in der DDR", die großen Besucherandrang verzeichnet. In der Rastatter "Erinnerungsstätte für die Freiheitsbewegungen in der deutschen Geschichte" wird eine Ausstellung gezeigt, ebenfalls in den Räumen aller politischer Stiftungen, in Foyers von Landtagen, im Mauermuseum am Checkpoint Charlie, im Koblenzer Bundesarchiv, in Gedenkstätten und Dokumentationzentren, Stadtmuseen, in Akademien, an Universitäten, in Schulen, in unzähligen Rathäusern der ganzen Republik. In der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen fand vom 16. bis zum 18. Juni "Die Lange Nacht des 17. Juni 1953" statt, eine multimediale Theateraufführung im ehemaligen Stasi-Gefängnis, ergänzt durch eine am nächtlichen Himmel Berlins weithin sichtbare Videoinstallation, eröffnet von der Kulturstaatsministerin Christina Weiss. In verschiedenen Berliner Bezirken, aber auch in fast allen größeren Städten Ostdeutschlands wurden Straßentheater und szenische Collagen aufgeführt: An Plätzen, die während des Aufstands eine Rolle gespielt hatten, erinnerten Gruppen mit Toninstallationen, historischen Kostümen und Rundfunkaufnahmen, mit Lesungen und Theaterszenen lautstark an das Ereignis.

Ungezählt blieben die vielen wissenschaftlichen Tagungen, die sich gegenseitig Konkurrenz machten. Die größte Resonanz fanden Festveranstaltungen um die Symposien herum, so etwa die medienwirksame Feier, die anlässlich der Tagung der Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR am 11. Juni 2003 im Plenarsaal des Berliner Abgeordnetenhauses stattfand und auf der u.a. der Bundesratspräsident sprach und die TV-Journalistin Sandra Maischberger Lesungen und Diskussionen moderierte. Wer sich für neue Bücher zum 17. Juni 1953 interessierte, fand in den Literaturbeilagen aller Zeitungen mehr als genügend Hinweise. Neben Neuerscheinungen von - in alphabetischer Reihenfolge - Thorsten Diedrich, Thomas Flemming, Karl Wilhelm Fricke/Roger Engelmann, Hubertus Knabe, Guido Knopp, Volker Koop, Ilko-Sascha Kowalczuk, Hans-Peter Löhn, Ulrich Mählert und Rolf Steininger widmeten sich zahlreiche Autorinnen und Autoren regionalen oder lokalen Fallbeispielen. Keine Zeitung, von "Bild" bis zur "Süddeutschen", kein Magazin, keine Illustrierte, vom "Spiegel" bis zur "Bunten", kam ohne Geschichten zum 17. Juni 1953 aus, der als demokratischer Massenaufstand, als eine der wenigen demokratischen und nationalen Bewegungen in der deutschen Geschichte und als Anfang vom Ende der DDR gewürdigt wurde - als würde Geschichte als Einbahnstraße verlaufen.

Natürlich sollen die Gedenkveranstaltungen für die Opfer des 17. Juni nicht vergessen werden, die großen nicht - im Deutschen Bundestag, am Friedhof Seestraße im Berliner Bezirk Wedding, was seit den fünfziger Jahren Tradition ist - und nicht die unzähligen kleinen, die in Rathäusern, auf öffentlichen Plätzen, vor Gedenksteinen und Mahnmalen begangen wurden. Die Deutsche Post offerierte ausgewählten Haushalten ein "begehrtes" und "wertvolles" Erinnerungsstück von bleibendem Wert, "auch für folgende Generationen", wie sie schrieb, nämlich das limitierte Numisblatt "50. Jahrestag Volksaufstand in der DDR". Der Zehnerbogen einer Sonderbriefmarke mit Zuschlag (55 plus 25 Cent) mit Ersttagsstempel "Berlin" und eine 10-Euro-Silbermünze wurden zusammen abgegeben. Unter 57 Entwürfen von elf Designern hatte sich die Post für die Wiedergabe eines charakteristischen Details des Aufstandes entschieden: auf T-34-Panzer Steine werfende junge Männer. Das Design für den Silber-Euro stammt von Hans Dobler aus Walda: stilisierte Panzerketten über Schriftzügen wie "Freiheit", "Demokratie", "Freie, geheime Wahlen". Der ehemalige Bundespräsident Walter Scheel unterstreicht in einer dem Prospekt beigefügten Stellungnahme die Bedeutung des 17. Juni 1953, und Bundespräsident Johannes Rau präsentierte das Sonderpostwertzeichen und die Gedenkmünze am 5. Juni 2003 im Schloss Bellevue. Er hob hervor, dass der Zuschlag von 25 Cent, für den er sich eingesetzt habe, an die Opferverbände des 17. Juni abgeführt werden soll, um Versäumtes wieder gutzumachen. Es sei nämlich "manches hinter dem zurückgeblieben, was wir uns unter Gerechtigkeit vorstellen".

Rau war es auch, der zusammen mit der Hamburger Körber-Stiftung einen Schülerwettbewerb zum 17. Juni 1953 initiierte. Anfang der siebziger Jahre hatte der damalige Bundespräsident Gustav Heinemann zusammen mit dieser Stiftung, die sich vor allem um das Geschichtsbewusstsein junger Menschen in Deutschland und Europa kümmert, den "Gustav-Heinemann-Preis für die Schuljugend zum Verständnis deutscher Freiheitsbewegungen" ins Leben gerufen, dem großer Erfolg beschieden war. Der erste Wettbewerb hatte anlässlich des 125. Jahrestages die deutsche Revolution von 1848/49 zum Thema; damals waren über 5000 Arbeiten eingereicht worden.

2003 war der 17. Juni 1953 an der Reihe. Jugendliche und junge Erwachsene bis zu 25 Jahren waren aufgerufen, der Geschichte des Aufstandes und seiner Folgen in Ost und West nachzugehen und ihre Arbeiten bis Ende Januar 2003 abzugeben. Die Resonanz war weniger groß, als es sich die Auslober erhofft hatten: 170 junge Menschen reichten über 100 Beiträge ein, zwölf davon wurden von einer Jury mit Preisen ausgezeichnet. Die Teilnehmenden interessierten sich besonders für Einzelschicksale. Obwohl es sich um die Geschichte der DDR handelte, stammten 56 Prozent der Arbeiten aus den westdeutschen Bundesländern und nur 39 Prozent aus den ostdeutschen; fünf Prozent kamen aus Osteuropa.[4] Hier schlug offenbar die Zurückhaltung ostdeutscher Lehrerinnen und Lehrer gegenüber dem 17. Juni, ja gegenüber der DDR-Geschichte insgesamt durch, die doch immer wieder Fragen nach ihrer eigenen Biographie provoziert.[5] Zahlreiche Fortbildungsseminare der Oberschulämter und von pädagogischen Landesinstituten zum 17. Juni 1953, die im ersten Halbjahr 2003 angeboten wurden, sollten die Malaise beheben helfen.


Fußnoten

4.
Vgl. www.stiftung.koerber.de/wettbewerbe/geschichtswettbewerb/presse/ schreibwettbewerb/17_juni_1953.pdf.
5.
So Vermutungen ostdeutscher pädagogischer Institute, vgl. Aus der Geschichte gefallen, in: Süddeutsche Zeitung vom 17. 6. 2003.