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1.10.2003 | Von:
Viola B. Georgi

Jugendliche aus Einwandererfamilien und die Geschichte des Nationalsozialismus

Zur Gegenwart und Zukunft der Erinnerung

Wenn es im Folgenden um die Geschichtsbezüge junger Migranten in Deutschland geht, sind diese auch vor dem Hintergrund aktueller Entwicklungen eines veränderten Diskurses über die Erinnerung an den Holocaust zu betrachten. Ich möchte deshalb einige der wesentlichen Entwicklungen in fünf Thesen benennen, um den theoretischen, historischen und gesellschaftspolitischen Raum zu markieren, in welchem sich auch die Geschichtskonstrukte von Jugendlichen aus Einwandererfamilien bewegen.

These 1: Übergang vom kommunikativen zum kulturellen Gedächtnis: Die Erinnerung an den Holocaust befindet sich an einem kritischen Übergangspunkt. Es vollzieht sich ein Wandel vom kommunikativen Gedächtnis, welches vornehmlich durch Zeitzeugen verbürgt war, zu einem kulturellen Gedächtnis, welches sich in symbolischen Formen der Repräsentation von Vergangenheit manifestiert.[6] Dieser Wandlungsprozess hat seinen Ursprung in dem sich unaufhaltsam vollziehenden Generationenwechsel: Die Zeitzeugen sterben. Damit löst sich das Gedächtnis von seinen Trägern. Die Erinnerung an den Holocaust muss fortan vermittelt werden und ist ausschließlich auf Repräsentation angewiesen. Der Generationenwechsel leitet zugleich eine Historisierung des Holocaust ein. Michael Jeismann spricht vom Ende der "Epoche der Vergangenheitsbewältigung": Heute gehe es nicht mehr so sehr um das, was tatsächlich geschah, sondern vielmehr darum, "wie das Geschehene erzählt und vergegenwärtigt werden soll"[7]. Es geht also vorrangig um Gebrauch und Repräsentation der Vergangenheit.

These 2: Europäisierung des Holocaust: Im Zuge der Einigung Europas ist die Erinnerung an den Holocaust zu einer europäischen Aufgabe geworden. Es entsteht eine europäische Erinnerungs- und Wertegemeinschaft, die sich auf die Neugründung der Demokratien nach dem Zweiten Weltkrieg beruft. Dabei wird die Chiffre Auschwitz zum negativen, aber doch zukunftsgewandten Bezugspunkt europäischer Identitätsbildung.[8] Beispielhaft zum Ausdruck kommt dies in der im Januar 2000 verfassten Abschlusserklärung des "Stockholm International Forum on the Holocaust".[9] Dort wurde die Judenvernichtung nicht nur im europäischen Gedächtnis verankert, sondern im Sinne von Vergangenheitspolitik auch zur ethisch-moralischen Grundlage von internationaler Interventionspolitik in Konfliktregionen erklärt. Der Holocaust kristallisiert sich so zu einem universalen Orientierungspunkt für die Einordnung und Verurteilung von Menschenrechtsverletzungen und Genoziden heraus.[10]

These 3: Globalisierung der Erinnerung: Die Herausbildung von Identität, auch von historischer, vollzieht sich nicht mehr nur im Rahmen des "Lokalen" - etwa innerhalb der territorialen Grenzen einer Region oder eines Nationalstaates -, sondern zugleich im globalen Raum, im global village, einer grenzüberschreitenden Kommunikations-, Informations- und Medienwelt, die Geschichte unabhängig von Akteuren und Ereignisorten in einen erweiterten Rezeptions- und Reproduktionszusammenhang stellt. Im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit erleben wir zudem eine Allgegenwärtigkeit von Geschichte, die der Globalisierung von Erinnerung Vorschub leistet. Die Erinnerung löst sich dabei allmählich aus dem nationalstaatlichen Rahmen. Nathan Sznaider und Daniel Levy sprechen von einer "Globalisierung der Erinnerung an den Holocaust".[11] Diese Tendenz deuten sie positiv, da der Holocaust "zugänglicher" werde, insofern die jüdischen Opfer zu "Opfern schlechthin" würden.[12] Die Rede ist von einer "kosmopolitischen Wende" der Holocaust-Erinnerung, die u.a. dadurch charakterisiert sei, dass sie vielen Opfergruppen erlaube, sich in den jüdischen Opfern von einst wiederzuerkennen.

These 4: Holocaust als Medienereignis: Erinnerung wird zunehmend über Bilder generiert. Die Medialisierung des Holocaust, die häufig auch als Amerikanisierung oder gar Hollywoodisierung[13] bezeichnet wird, formt die Kommunikation über die Geschichte und schließlich die Geschichte selbst in besonderer Weise. Die visuelle Sprache von Fernsehen und Kino sowie der neuen Medien machen den Holocaust zu einem konsumierbaren Produkt der Kulturindustrie. Medienereignisse - etwa "Schindlers Liste" von Steven Spielberg - stutzen die Geschichte für das Massenpublikum zurecht. Der Holocaust wird dabei nicht nur popularisiert, sondern zumeist auch instrumentalisiert und trivialisiert.

These 5: Pluralisierung historischer Deutungen: Die Geschichtswissenschaft verliert im Zuge der Medialisierung historischer Ereignisse sowie der Hinwendung zur Erinnerungskultur ihr Deutungsprivileg.[14] Dies gilt auch für die Erinnerung an den Holocaust. Geschichtliche Deutung ist nicht mehr nur auf akademische Institutionen und wissenschaftliche Expertenveranstaltungen beschränkt, sondern ist in vielerlei Hinsicht Teil der Alltagskultur geworden. Filme und Dokumentationen im Fernsehen, Schulprojekte zur NS-Geschichte, Zeitzeugengespräche, Geschichtsvereine, Stadtbegehungen, Ausstellungen, Gedenkstättenbesuche - diese Formen der Erinnerung koexistieren und konkurrieren mit der traditionellen Geschichtsschreibung. Verschiedene gesellschaftliche Akteure ringen um Interpretationen und Repräsentationsformen der NS-Geschichte und des Holocaust. Dabei wird die Erinnerung an den Holocaust individualisiert, fragmentiert und pluralisiert.[15]


Fußnoten

6.
Zu den Begriffen siehe Jan Assmann, Erinnern, um dazuzugehören. Kulturelles Gedächtnis, Zugehörigkeitsstruktur und normative Vergangenheit, in: Kristin Patt/Mihan Dabhag (Hrsg.), Generation und Gedächtnis. Erinnerungen und kollektive Identitäten, Opladen 1995, S. 52ff.
7.
Michael Jeismann, Auf Wiedersehen Gestern. Die deutsche Vergangenheit und die Politik von morgen, Stuttgart 2001, S. 73.
8.
"It is appropriate that this, the first major international conference of the new millenium, declares its commitment to plant the seeds of a better future amidst the soil of a bitter past."" Aus: Declaration of the Stockholm International Forum on the Holocaust, 1999, Art. 8.
9.
Die Stockholmer Konferenz war das Ergebnis einer "Task Force for International Cooperation in Holocaust Education, Remembrance and Research", die 1998 von den Regierungen Schwedens, Großbritanniens und der USA eingerichtet worden war. Hauptziel der Veranstaltung war es, einen internationalen Dialog zu ermöglichen, der Initiativen zur pädagogischen Auseinandersetzung mit dem Holocaust fördert. Das Forum gab Überlebenden, Politikern und Verwaltungsexperten, Vertretern von gesellschaftlichen Institutionen und Religionsgemeinschaften, Lehrern, Historikern, Vertretern von Museen und Künstlern die Gelegenheit, ihr Wissen undihre Erfahrungen auszutauschen. Vgl. hierzu http://www.holocaustforum.gov.se.
10.
Vgl. M. Jeismann (Anm. 7), S. 13.
11.
Daniel Levy/Nathan Sznaider, Erinnerung im globalen Zeitalter: Der Holocaust, Frankfurt/M. 2001.
12.
Ebd., S. 53.
13.
Vgl. Peter Körte, Mit den Clowns kommen die Tränen. Von Benigni zu Roland Suso Richter und Robin Williams: Wie nostalgisch ist der Holocaust?, in: Frankfurter Rundschau vom 9. 10. 1999, S. 11.
14.
Vgl. hierzu Jörn Rüsen/Friedrich Jaeger, Erinnerungskultur, in: Werner Weidenfeld/Karl-Heinz Korte (Hrsg.), Deutschland Trendbuch, Bonn 2001, S. 389.
15.
Vgl. D. Levy/N. Sznaider (Anm. 11), S. 151.