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31.8.2018 | Von:
Siegfried Schieder

Wo sind sie geblieben?

Zur heutigen Relevanz der Theorien der internationalen Beziehungen


Erschöpfung oder Vitalität?

Während in Disziplinen wie der Physik oder auch Psychologie der Theorienwettbewerb mit einer Verdrängung von Theorien durch andere, erklärungskräftigere Theorien einhergeht, ist das in den IB nicht der Fall. So scheiden sich auch heute noch die Geister darüber, welche Standards angelegt werden sollten, anhand derer man die Qualität von Theorien bewerten könnte. Viele VertreterInnen des Fachs erheben erst gar nicht den Anspruch, Erklärungen oder Prognosen zu liefern, und lehnen ein an den Naturwissenschaften orientiertes Theorieverständnis mit wissenschaftstheoretisch gestützten Argumenten ab. Statt zu einer Verdrängung von Theorien führten die großen Debatten zu einer Weiterentwicklung, die sich bis heute fortschreibt: Etablierte Theorien werden durch poststrukturalistische Theorien ergänzt, und selbst marxistische Theorien, die seit dem Zerfall des Ostblocks als überholt galten, erfahren angesichts wirtschaftlicher Krisen eine Renaissance. Selbst das realistische Paradigma ist wieder populär.

Für die einen ist der Theorienpluralismus ein Armutszeugnis, weil Theorieverdrängung offensichtlich nicht funktioniert. Für andere wiederum ist der zelebrierte Theorienpluralismus eher Ausdruck von Vitalität. Viele sogenannte Theorien mittlerer Reichweite beanspruchen nicht, die internationalen Beziehungen insgesamt zu erfassen, sondern erheben einen zeitlich und räumlich begrenzten Erklärungsanspruch. Folglich stehen sie auch nicht in Konkurrenz zueinander, sondern ergänzen sich wechselseitig.

Die Konsequenzen sind aber dieselben: das Ende der großen Theorien und Debatten in den IB. Ihren Teil dazu beigetragen haben vor allem zwei Entwicklungen: Zum einen haben in den 1990er Jahren jene VertreterInnen in den IB Oberwasser bekommen, die einen übertriebenen Hang zur Epistemologisierung der IB pflegten. Wurde in den ersten beiden "großen Debatten" noch vorranging über ontologische und methodische Fragen gerungen, so war die Debatte zwischen PositivistInnen und PostpositivistInnen primär eine über Wissenschaftstheorie. Epistemologische Fragen stehen zwar in einem unauflösbaren Zusammenhang mit den inhaltlichen Schwerpunkten der Disziplin. Im Gegensatz zu den ontologischen und normativen Fragestellungen sind sie aber nicht IB-spezifisch. Mit der zunehmenden Epistemologisierung der IB ging auch eine Relativierung von Wahrheitsansprüchen einher. Daran sind VertreterInnen der Zunft nicht unschuldig, haben sie doch lange "ihren eigenen Wahrheitsanspruch kleingeredet, die Möglichkeit gesicherten Wissens bezweifelt und ihre Analyse in einem reflexiven Regress auf die eigene Arbeit konzentriert".[22]

Zum anderen machte sich gleichzeitig ein oberflächliches Theorieverständnis breit.[23] So wurden in den vergangenen Jahren weit weniger Anstrengungen hinsichtlich der Synthese oder Verfeinerung von Theorien unternommen. Stattdessen hat sich die Forschung auf "vereinfachende Hypothesentests"[24] konzentriert. Dieser Entwicklung mag einerseits sicherlich das Vorhandensein neuer Daten und der generelle Trend zur Quantifizierung des Sozialen in die Hände gespielt haben.[25] Andererseits ist der Hang zur Überprüfung von Hypothesen aber ein methodenübergreifendes Phänomen. Theoriebildung und Hypothesentests sind zwar beides wichtige Komponenten der Sozialwissenschaften, aber der Vorzug der Methode vor der Theorie weist in die falsche Richtung: "Privileging simplistic hypothesis testing is a mistake, because insufficient attention to theory leads to misspecified empirical models or misleading measures of key concepts."[26]

Fußnoten

22.
Christopher Daase/Nicole Deitelhoff, Editorial, in: Zeitschrift für Internationale Beziehungen 2/2017, S. 3ff., hier S. 5.
23.
Vgl. Felix Berenskotter, Deep Theorizing in International Relations, in: European Journal of International Relations, 13.11.2017 (nur online).
24.
Mearsheimer/Walt (Anm. 9), S. 437.
25.
Vgl. Steffen Mau, Das metrische Wir. Über die Quantifizierung des Sozialen, Berlin 2017.
26.
Mearsheimer/Walt (Anm. 9), S. 427.
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Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Siegfried Schieder für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

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