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31.8.2018 | Von:
Siegfried Schieder

Wo sind sie geblieben?

Zur heutigen Relevanz der Theorien der internationalen Beziehungen


Revitalisierung am Beispiel Nahostforschung

Um theoretisches Ansehen zurückzugewinnen, sollten sich die IB wieder stärker mit ontologischen Fragen beschäftigen, sich auf das genuin Politische der internationalen Beziehungen konzentrieren und sich von theorieorientiertem Denken leiten lassen. Doch wie könnten mögliche Strategien zur Revitalisierung der großen Theorien und Debatten aussehen, und wie erklärungskräftig sind die heutigen IB-Theorien in einer Welt, die aus den Fugen geraten scheint? Diese abstrakt anmutenden Fragen möchte ich exemplarisch am Beispiel der regionalen Ordnung im Nahen Osten erörtern, wo sich die neue Unübersichtlichkeit der Weltpolitik in besonderer Weise zeigt.[27] Was also könnten die IB zur Beschreibung und Erklärung der regionalen Dynamiken im Nahen Osten und in der Golfregion beitragen? Meines Erachtens lassen sich zwei mögliche Strategien identifizieren, die zugleich einen generellen Beitrag zur Belebung der IB-Theorien leisten könnten.

Rätsellösen und Theorie-Raffinement
Eine erste Strategie könnte darin bestehen, die existierenden IB-Theorien wieder verstärkt zur Beantwortung konkreter empirischer Fragestellungen zu nutzen und Theorien zu verfeinern.

Wie eine solche Strategie aussehen könnte, lässt sich an der Allianzforschung illustrieren: Obwohl die Regionalmacht Iran seit der Invasion des Irak durch US-Truppen 2003 am meisten profitiert hat, hat sich in der Region bislang keine starke Allianz gegen Teheran gebildet.[28] Genau eine solche Gegenmachtbildung würden strukturelle RealistInnen jedoch erwarten. So geht der Balance-of-power-Ansatz davon aus, dass Staaten immer gegen den mächtigsten Staat balancieren. Vertreter des Balance-of-threat-Ansatzes erwarten hingegen, dass Staaten nicht gegen den mächtigsten, sondern gegen den bedrohlichsten Pol balancieren. Damit wird das Moment der Wahrnehmung in die Analyse eingeführt: Die Existenz von Waffen allein ist also nicht entscheidend für die realistische Allianztheorie, sondern die Frage, ob diese Waffen in den Händen eines bedrohlichen Staates liegen.

Keiner der beiden Ansätze vermag es, das Allianzverhalten in der Golfregion schlüssig zu erklären. Nach der reinen Gleichgewichtstheorie hätte sich eine türkisch-saudisch-israelisch-ägyptische Allianz bilden müssen, um Iran zurückzudrängen, denn alle vier Staaten müsste der iranische Machtgewinn in Sorge versetzen. Stattdessen haben Israel und Saudi-Arabien eine offene Koordination erwogen, während die Türkei und Ägypten sich in manchen Punkten Iran angenähert haben.[29] Nicht balancing, sondern regionales underbalancing, also das Versäumnis von Staaten, eine effektive Politik der Gegenmachtbildung zu betreiben, ist das vorherrschende Verhaltensmuster. Dass sich empirisch oft auch – bedingt durch innerstaatliche Faktoren wie fehlenden Elitenkonsens, Regimeverletzlichkeit oder geringe soziale Kohäsion – underbalancing beobachten lässt, ist in der neorealistischen Forschung durchaus bekannt.[30] Im vorliegenden Fall sprechen die innerstaatlichen Bedingungen jedoch eher dagegen, scheint der Elitenkonsens beispielsweise in Saudi-Arabien doch vergleichsweise hoch und die Regimestabilität nicht ernsthaft gefährdet.

Weit weniger rätselhaft ist regionales underbalancing, wenn die reine Machtgleichgewichtslogik um den Erklärungsansatz der "ideologischen Polarität"[31] erweitert und verfeinert wird: Nicht nur die tatsächlichen oder wahrgenommenen Machtverhältnisse definieren die Struktur eines regionalen Systems. Auch die ideologische Polarisierung spielt offenbar eine wichtige Rolle bei der Freund-Feind-Unterscheidung. So neigen bipolare ideologische Systeme wie zu Zeiten des Kalten Krieges eher zur Allianzbildung entlang ideologischer Konfliktlinien als – wie dies offenbar im Nahen Osten und am Golf der Fall ist – Systeme, die durch machtpolitische und ideologische Multipolarität geprägt sind. Führt man als zusätzlichen Erklärungsfaktor und damit als Verfeinerung der realistischen IB-Theorie die ideologische Polaritätskonfiguration ein, dann lässt sich das rätselhafte Ausbleiben der Gegenmachtbildung im Nahen und Mittleren Osten erklären, ohne die realistische Allianztheorie in Gänze verwerfen zu müssen.[32]

Testfeld von Theorien und Theoriegenerierung
Eine zweite Strategie zur Wiederbelebung der theoretischen Debatten könnte darin liegen, die politischen Dynamiken im Nahen Osten nicht nur zu nutzen, um Theorien zu testen, sondern auch um neue Theorien zu generieren. Dies setzt ebenfalls auf der ontologischen Theorieebene an, allerdings mit dem Unterschied, dass es hier um die Frage geht, "how insights into and studies of the new Middle East can contribute to the academic field of IR and enrich our general understanding of international relations".[33]

Eine seit dem Arabischen Frühling bemerkenswerte Entwicklung ist beispielsweise der häufige Staats- und Regierungschefwechsel in der Region, unter anderem in Iran, Saudi-Arabien, Katar, Jemen oder Ägypten, sodass Perspektiven auf fruchtbaren Boden fallen dürften, die im Unterschied zum anarchischen internationalen System (Neorealismus) oder den innerstaatlichen und gesellschaftspolitischen Bedingungsfaktoren das Individuum und damit die Persönlichkeitsmerkmale von politischen EntscheidungsträgerInnen in den Mittelpunkt stellen.[34] Auch die spezifische Rolle von Katar könnte die klassische Debatte darüber neu entfachen, ob sich eine allgemeine IB-Theorie nur auf Großmächte konzentrieren sollte. Die 2017 ausgebrochene Katar-Krise – der neureiche "Emporkömmling" hat sich mit seiner pragmatischen Haltung gegenüber Iran und seiner Unterstützung der Muslimbruderschaft und radikalislamischen Milizen bei Saudi-Arabien, den Vereinigten Arabischen Emiraten, Bahrain und Ägypten unbeliebt gemacht – hat nicht nur die Grenzen der regionalen Führerschaft unter dem saudischen Königshaus, sondern auch den geringen Einfluss Washingtons auf das kleine Emirat am Golf aufgezeigt.[35]

Während (früher) vor allem der Westen die Projektionsfläche für neue IB-Theorien bildete, die dann weltweit erprobt wurden, so ließe sich (heute) umgekehrt fragen, "how a new Middle East could be a place to develop new IR theories of general scope".[36] Warum gelingt es Katar mit zwei Millionen Einwohnern, in der Liga der Regionalmächte zu spielen? Könnten Erkenntnisse über den regionalen Einfluss des "tiny giant" die Basis für eine neue allgemeine Theorie über "subtile Macht" bilden und damit eine neue Debatte über Macht in den internationalen Beziehungen anstoßen?[37] Und wenn die ForscherInnen verstärkt den Nexus zwischen politischer Herrschaftsform und Außenpolitik thematisierten und empirisch erhärtete Hypothesen formulieren, dann dürfte die Golfregion mit ihren Monarchien ein höchst interessantes Betätigungsfeld sein. Sie könnten eine der empirisch gehaltvollsten IB-Theorien infrage stellen, nämlich dass nur Demokratien untereinander friedlich sind. Erste Analysen der Golfmonarchien legen die Vermutung nahe, dass es neben dem "demokratischen Frieden" auch einen "monarchischen Frieden" gibt.[38]

Für hilfreiche Anmerkungen danke ich Michael Nuding und Carolin Hillenbrand.

Fußnoten

27.
Vgl. Volker Perthes, Das Ende des Nahen Ostens, wie wir ihn kennen, Berlin 2015.
28.
Vgl. Gregory F. Gause, Ideologies, Alignment, and Underbalancing in the New Middle East Cold War, in: Political Science & Politics 3/2017, S. 672–675, hier S. 672.
29.
Ebd.
30.
Vgl. Randall L. Schweller, Unanswered Threats. Political Constraints on the Balance of Power, Princeton 2006.
31.
Mark L. Haas, Ideological Polarity and Balancing in Great Power Politics, in: Security Studies 4/2014, S. 715–753.
32.
Gause (Anm. 29), S. 675.
33.
Vgl. Morten Valbjørn, Strategies for Reviving the International Relations/Middle East Nexus After the Arab Uprisings, in: Political Science & Politics 3/2017, S. 647–651, hier S. 648.
34.
Vgl. Daniel L. Byman/Kenneth M. Pollack, Let Us Now Praise Great Men, in: International Security 4/2001, S. 107–146.
35.
Vgl. Marc Lynch, Three Big Lessons of the Qatar Crisis, in: Washington Post, 14.7.2017, S. 5.
36.
Valbjørn (Anm. 34), S. 675.
37.
Vgl. Mehran Kamrava, Qatar: Small State, Big Politics, Ithaca 2013.
38.
Vgl. Anna Sunik, A New Case for the "Similar Political Systems Peace", unveröffentlichtes Manuskript 2018.
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Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Siegfried Schieder für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

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