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1.7.2003 | Von:
Christine Hannemann

Schrumpfende Städte in Ostdeutschland - Ursache und Folgen einer Stadtentwicklung ohne Wirtschaftswachstum

Fazit: Schrumpfende Städte als neuer Normalfall der Stadtentwicklung

Noch immer wird der Schrumpfungsprozess in der beschriebenen Verschränkung verschiedener Problemlagen nicht durchgängig als gravierendes Problem vieler Städte anerkannt. Die umfangreichen Transferzahlungen überdecken teilweise die Wirkungen der ökonomischen Erosion. Vielfach wird noch versucht, Schrumpfung auf den demographischen Faktor zu reduzieren. Im Falle Ostdeutschlands konzentriert sich die politische Debatte um "schrumpfende Städte" jedoch aktuell auf das von der Bundesregierung aufgelegte Programm "Stadtumbau Ost", in dessen Kontext 262 Kommunen integrierte Stadtentwicklungskonzepte als Voraussetzung zur Förderung von Rückbau und Abriss erarbeitet haben. Das Bund-Länder-Programm ist der erste Versuch, die anspruchsvolle gesellschaftliche Aufgabe der Gestaltung von Schrumpfungsprozessen zu instrumentieren. Durch seine Ausrichtung auf integrierte Stadtentwicklungskonzepte werden städtebauliche und wohnungswirtschaftliche Belange auf das Engste miteinander verknüpft. Dies könnte zu einem für Deutschland neuen Niveau der Durchdringung von Stadtentwicklung und Wohnungswirtschaft führen.[21] Das Programm ist jedoch wesentlich auf Druck der Wohnungswirtschaft entstanden. Der Diskurs folgt - stark vereinfacht - der Formel: Bevölkerungsrückgang = Leerstand = "Platte" = Rückbau (Abriss bzw. Wohnungsmarktbereinigung). Damit bleibt nicht nur die Deökonomisierung der ostdeutschen Städte ausgeklammert. Es werden auch gravierende Probleme des rasanten Bevölkerungsverlustes ausgeblendet, der sich eben nicht nur im Leerstand von Plattenwohnungen, sondern vorwiegend in der Verödung der Innenstädte zeigt und mit einer dramatischen demographischen Alterung der Stadtbevölkerung gekoppelt ist. Nicht nur der prognostizierte absolute Bevölkerungsrückgang, sondern auch die Zusammensetzung der Bevölkerung und die Haushaltsstrukturen signalisieren mittel- und langfristig Handlungsbedarf. Zudem geriert die Verschiebung der Altersstruktur einen dramatischen Wandel der städtischen Bevölkerung; der Altersdurchschnitt der StadtbewohnerInnen wird sich deutlich erhöhen, wie es demographische Hochrechnungen nahe legen. Durch den Geburtenrückgang ist von immer weniger familiären Unterstützungssystemen für ältere Menschen auszugehen.

Der Wohnungsleerstand in den ostdeutschen Ländern ist angesichts seiner Überdimensionalität nicht mehr als vorübergehende Erscheinung zu verstehen, die etwa durch "Abriss" zu bewältigen wäre. Die prognostizierte steigende Anzahl der Haushalte kann diesen ebenso wenig kompensieren, wie die EU-Osterweiterung ihn regulieren wird. Vielmehr ist er ein deutliches Zeichen für eine dauerhafte Entwicklung. Das bloße Konstatieren leer stehenden Wohnraums reicht als Reaktion auf die schrumpfende Stadtentwicklung nicht aus. Ein solches Verständnis engt die Entwicklung produktiver Umgangsweisen mit diesem neuen Phänomen ein. Vielmehr müssen Ursachen in der strukturellen Verkopplung von Deökonomisierung, Depopulation und Suburbanisierung verortet werden - Entwicklungen, die zudem von Globalisierung bzw. Europäisierung und dem Abbau des deutschen Sozialstaates überlagert werden. Die neue Qualität der städtischen Schrumpfung in Ostdeutschland ist gekennzeichnet durch die Konvergenz und wechselseitige Verstärkung verschiedener Rückbildungsprozesse. Diese erzeugen insgesamt eine Abwärtsspirale, die als strukturelle Schrumpfung alle städtischen Lebensprozesse erfasst.

Seit Ende der neunziger Jahre findet der Schrumpfungsprozess die Aufmerksamkeit von Stadtforschung und -planung, Städtebau und Architektur. Ein veränderter Diskurs begründet ein neues Forschungs- und Praxisfeld. Der Umgang mit aufgegebenen Stadtgebieten der Industriegesellschaft wird daher in Ostdeutschland gewissermaßen in einer Laborsituation erforscht, deren Ergebnisse auch für die westlichen Industrieregionen relevant sein können.

Ostdeutsche Städte stehen für eine Option der Stadtentwicklung, für die es keine bewährten und belastbaren Lösungsstrategien gibt. Stadtentwicklung ist in Deutschland wie in Europa auf die Steuerung von Wachstum und die Erneuerung von Bestehendem eingespielt. Hierfür existieren Regelungen und Instrumente, die seit vielen Jahrzehnten als verlässlich erachtet werden. Letztlich offenbart sich bei der Auseinandersetzung mit den Schrumpfungsprozessen in Ostdeutschland das Dilemma eines Modells von Ökonomie und Gesellschaftsentwicklung, das auf Wachstum basiert - ein Dilemma, das auf konstitutiv problematische Strukturen der westlichen Moderne verweist, wie sie etwa im sozialwissenschaftlichen Diskurs über "Kontinuitätsbrüche der Moderne" in den achtziger Jahren schon einmal Gegenstand der Diskussion waren. In der damals geführten Debatte um Symptome, Missbildungen und Prognosen des Übergangs von der modernen zur "postmodernen" Gesellschaft wurde - angesichts der politischen und ökonomischen Krisenerfahrungen - "Modernität" auch als hochgradig prekäres Entwicklungsziel diskutiert. Der Politologe Claus Offe hat in diesem Diskurs explizit auf das Phänomen der Unumkehrbarkeit als konstitutives Problem der Moderne aufmerksam gemacht. Allein schon wegen der Höhe der Investitionsmittel sei in soziotechnischen Systemen wie z.B. beim Bau einer Autobahn (oder z.B. bei der Erschließung von Gewerbegebieten in jeder noch so kleinen ostdeutschen Siedlung - C.H.) ein außerordentlicher Revisionswiderstand sozusagen eingebaut, so Offe. Ein Autobahnbau eröffne eine Vielzahl von Optionen, verschließe jedoch für alle relevanten Zeithorizonte eine entscheidende Wahlmöglichkeit - und zwar die, darauf auch verzichten zu können.[22] Im Zusammenhang mit der Schrumpfungsdebatte bekommt dieser Gedanke eine neue, wenn auch anders gelagerte Aktualität. Nunmehr müssen angesichts des eklatanten Schrumpfungsproblems zwingend Antworten auf das Phänomen der Unumkehrbarkeit gefunden werden. Eine "Null-Option", d.h. die Weigerung, sich mit diesem Problem auseinander zu setzen und sich für Handlungen zu entscheiden, die über den simplen Abriss von Plattenbauten nicht hinausreichen, ist politisch, ökonomisch, kommunal und vor allem sozial nicht mehr akzeptabel. Bisher werden in den Diskursen über nachindustrielle Wirtschafts- und Gesellschaftsformen zumeist - wenn überhaupt - die Verlierer des Strukturbruchs als Opfer thematisiert. Vorerst sind sozialstaatliche Transferzahlungen und die weitere Migration der mobilen Bevölkerung in die wirtschaftlich prosperierenden Gebiete West- und Süddeutschlands die "Lösung" des Problems. Aber der deutlich sichtbare Wandel der Siedlungsstruktur in vielen ostdeutschen Städten und Regionen führt zur Verödung ganzer Stadtteile und/oder zur Absiedlung ganzer Landstriche. Ein Programm "Stadtumbau-Ost" - bisher die einzige politische Reaktion auf diese Entwicklung - kann nur den Anlass für eine Diskussion geben, die sich intensiv mit diesem gravierenden Wandlungsprozess auseinander setzt: Die Transformation in Ostdeutschland führt in eine von ausschließlich erwerbsbezogener Arbeit freigesetzte Gesellschaft; dies zeigt Phänomene auf, die künftig in ganz Deutschland wirken werden.


Fußnoten

21.
Vgl. Dokumentation zum Bundeswettbewerb "Stadtumbau Ost" - für lebenswerte Städte und attraktives Wohnen, hrsg. v. Bundesministerium für Verkehr, Bau- und Wohnungswesen, Bonn 2003.
22.
Vgl. Claus Offe, Die Utopie der Null-Option, in: Johannes Berger (Hrsg.), Die Moderne - Kontinuitäten und Zäsuren (Soziale Welt, Sonderband 4), Göttingen 1986, S. 97 - 117, hier: S. 104.