Bei der Ausstellung "Willkommen im Labyrinth - Künstlerische Irreführungen" im Marta Herford Museum in Herford hängen in einer Installation der Künstlerin Song Dong zahlreiche Lampen in einem mit Spiegeln verkleideten Raum.

14.9.2018 | Von:
Sebastian Lotto-Kusche

Minderheitengeschichte als historische Subdisziplin in Deutschland. Herausforderungen für die Forschung am Beispiel der Minderheit der Sinti und Roma

Historische Erneuerung und Vorbehalte

Die sozialhistorisch orientierte Historische Migrationsforschung, die maßgeblich in den 1980er Jahren von Klaus J. Bade in Osnabrück entwickelt und etabliert wurde, brach mit dem problematischen Erbe der deutschen Bevölkerungswissenschaftler.[18] Impulse aus der Alltagsgeschichte und der sich entwickelnden Holocaust-Forschung in Deutschland brachten auch die Erforschung der Geschichte der Sinti und Roma voran, wobei man sich dabei vor allem auf den Verlauf und die Hintergründe der "NS-Zigeunerverfolgung" konzentrierte. Die Antiziganismusforschung löste in den 2000er Jahren die "Zigeunerforschung" und deren romantisch verkitschte Verwandte – die "Tsiganologie" – endgültig als Leitwissenschaft ab. Die Geschichtswissenschaft tat und tut sich allerdings schwer mit dieser neuen Forschungsrichtung, ist sie doch stark ideengeschichtlich auf die Erforschung von Vorurteilsstrukturen ausgerichtet.[19] Quellen offenbaren leider nur selten, aus welchem Beweggrund heraus eine Minderheit diskriminiert oder verfolgt wurde.

Auch weitere Vorbehalte wurden gegen die historische Beschäftigung mit Minderheiten vorgebracht. Zeithistorische Debattenbeiträge warnen explizit vor einer "aktivistischen Minderheitengeschichte", die im Sinne einer Einzelbetrachtung von Minderheiten im Verdacht stünden, die Anerkennung einer bestimmten Gruppe zu erzielen beziehungsweise die Geschichte dieser als Opfergeschichte im Kontext eines unterdrückenden Staates erzählen zu wollen.[20] Dies mag in der Vergangenheit vorgekommen sein, jedoch hat jedes gesellschaftliche Bewusstsein für neue Themen seine Zeit gebraucht, bis eine ausgereifte wissenschaftliche Beschäftigung damit erfolgte. Diese Vorbehalte sollten produktiv gewendet werden. Wie man die Geschichte von Minderheiten gewinnbringend in historische Meistererzählungen einbaut, hat der Historiker Ulrich Herbert gezeigt.[21]

Fußnoten

18.
Vgl. Pinwinkler (Anm. 12), S. 328.
19.
Vgl. Michael Zimmermann, Antiziganismus – ein Pendant zum Antisemitismus. Überlegungen zu einem bundesdeutschen Neologismus, in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 4/2007, S. 304–314, hier S. 314.
20.
Vgl. Michael G. Esch/Patrice G. Poutrus, Zeitgeschichte und Migrationsforschung. Eine Einführung, in: Zeithistorische Forschungen 2/2005, S. 338–344, hier S. 340.
21.
Vgl. Ulrich Herbert, Wie lange müssen "Fremde" "fremd" bleiben? Minderheiten in Deutschland, in: Klaus Barwig (Hrsg.), Vom Ausländer zum Bürger. Problemanzeigen im Ausländer-, Asyl- und Staatsangehörigkeitsrecht. Festschrift für Fritz Franz und Gert Müller, Baden-Baden 1994, S. 25–41; ders., Liberalisierung als Lernprozeß. Die Bundesrepublik in der deutschen Geschichte – eine Skizze, in ders. (Hrsg.), Wandlungsprozesse in Westdeutschland. Belastung, Integration, Liberalisierung 1945–1980, Göttingen 2002, S. 7–49, hier insb. S. 17.
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