Bei der Ausstellung "Willkommen im Labyrinth - Künstlerische Irreführungen" im Marta Herford Museum in Herford hängen in einer Installation der Künstlerin Song Dong zahlreiche Lampen in einem mit Spiegeln verkleideten Raum.

14.9.2018 | Von:
Christina von Hodenberg

Gesellschaftsgeschichtliche Perspektiven auf das westdeutsche "Achtundsechzig"

Gesellschaftsgeschichte und Generationengeschichte

Mein Plädoyer für eine "gesellschaftsgeschichtliche" Methode bezieht sich nicht auf Hans-Ulrich Wehlers Totalperspektive, die Strukturen und Prozesse in Wirtschaft, sozialer Ungleichheit, politischer Herrschaft und institutionalisierter Kultur problemorientiert analysiert.[14] Vielmehr ist ein Ansatz gemeint, der so weit als möglich auf die Erschließung der historischen Rolle und lebensweltlichen Erfahrung aller Bevölkerungsgruppen zielt, der beide Geschlechter als historische Akteure ernstnimmt sowie Entwicklungen im Öffentlichen wie im Privaten umfasst und somit einen erweiterten Politikbegriff zugrundelegt. Eine solcherart erweiterte Perspektive auf die 1960er Jahre ist in den vergangenen Jahren auch international angemahnt worden. Dass die Rolle der Arbeiter im französischen "Achtundsechzig" nicht genügend beachtet werde, haben etwa Kristin Ross, Julian Jackson und Michelle Zancarini-Fournel angemerkt.[15] Für eine Ausweitung der Perspektive über den Generationskonflikt hinaus haben auch Sara M. Evans und Maud Anne Bracke als Spezialistinnen für den US-amerikanischen und italienischen Kontext argumentiert.[16]

In der deutschen Zeitgeschichtsschreibung wirkt jedoch in besonderer Weise Karl Mannheims Konzept der politischen Generationen aus dem Jahr 1928 nach. Häufig erkennen deutsche Historiker in den Unruhen der 1960er Jahre ein geistiges Duell politischer Generationen: Die 68er hätten demzufolge ihre Vorgängergenerationen, die "Wilhelminer" und die "45er", herausgefordert. Die 45er, um 1968 Mitte dreißig bis fünfzig Jahre alt, hätten das nationalsozialistische Deutschland nur als Kinder und Teenager erlebt und seien als junge, unbelastete Erwachsene rasch in verantwortliche Positionen in Politik, Medien und Universitäten aufgerückt. Das Kriegsende 1945 sei zum Wendepunkt ihres Lebens geworden, das viele von ihnen fortan der Westernisierung und inneren Demokratisierung der Bundesrepublik gewidmet hätten. Zu dieser oft auch "skeptische Generation", "Flakhelfergeneration" oder "HJ-Generation" genannten Gruppe werden beispielsweise Helmut Kohl, Rudolf Augstein, Ralf Dahrendorf oder Jürgen Habermas gerechnet. Manche Historiker feiern die 45er, und eben nicht die studentischen 68er, als Vorreiter einer Liberalisierung Westdeutschlands.[17] Die akademische Diskussion leitet die Revolte damit vor allem aus den divergierenden Weltanschauungen unterschiedlicher Alterskohorten von Intellektuellen ab. Deshalb wissen wir heute erheblich mehr über Studenten und Professoren in den 1960er Jahren als etwa über Arbeiter, Hausfrauen, Angestellte oder Rentnerinnen.[18]

Denn "Achtundsechzig" als Kampf zwischen politischen Generationen zu begreifen, heißt, sich nur männlichen Eliten zu widmen. Der erz-bildungsbürgerlichen Herkunft des Denkmusters der politischen Generation ist nicht zu entkommen. Bei Mannheim geht es um Männer, die an der Front oder in Jugendverbänden politisch sozialisiert worden sind; um Bildungsbürger, die einen politischen Gestaltungswillen in öffentlicher Auseinandersetzung gegen andere durchsetzen wollen. Sich als Angehöriger einer politischen Generation darzustellen, ist deshalb bis heute ein spezifisch männliches Unterfangen. Die Lebenserfahrungen und -ziele von Frauen sowie private Auseinandersetzungen passen nicht in dieses Schema.[19]

Der Bezug auf Mannheims Konzept verleitet zudem dazu, die nachträglich durch den Prozess der "Generationsrede" gebildete 68er-Generation in die Ereignisse der 1960er Jahre hineinzulesen. Denn erst durch ihre nachholende Erzählhandlung in den Medien konstituierten sich die 68er seit den späten 1970er Jahren als eine Generation.[20] Für jene, die zu den entsprechenden Geburtsjahrgängen gehörten, war der Beitritt zur medialen Erzählgemeinschaft der 68er attraktiv, weil er die eigene Biografie im Rahmen der bundesrepublikanischen Geschichte sinnhaft aufwertete. Man konnte sich im Rückblick als Teil einer Bewegung feiern, die den westdeutschen Staat demokratisiert und mit braunen Hinterlassenschaften gegen den Widerstand der Eltern aufgeräumt hatte. Die 68er-Proteste wurden vom marxistischen Überschuss gereinigt und als Lifestyle-Liberalisierung weichgespült. Weil sich dieses Narrativ verkaufte, verbreitete es sich seit den späten 1970er Jahren schnell. Die 68er wurden zur "Generation am Tropf des Feuilletons".[21]

Um die Geschichte von "Achtundsechzig" jenseits der heroischen Generationserzählung zu schreiben, gilt es daher, dem Deutungsmuster der "politischen Generationen" zu entsagen. Zudem sollte die Vorannahme, dass es sich bei den damaligen Unruhen im Kern um einen Konflikt zwischen Alt und Jung gehandelt habe, kritisch überprüft werden. Auch muss durchgehend zwischen familiären Generationen (Großeltern, Eltern, Kindern) und Alterskohorten in der Bevölkerung unterschieden werden. Nicht zuletzt gilt es, die Rolle von Frauen, unter- und kleinbürgerlichen Protagonisten, aber auch Älteren und Alten sowie Land- und Kleinstadtbewohnern zu beleuchten. Denn einerseits finden sich auch unter ihnen Akteure des Aufbruchs. Andererseits erlaubt eine bessere Kenntnis der Haltungen in diesen Gruppen es, die von den 68ern eingegangenen sozialen Allianzen nachzuzeichnen und so zu verstehen, warum sich manche Leitideen der Proteste seit den 1970er Jahren vergleichsweise schnell in der Gesellschaft durchsetzen konnten.

Fußnoten

14.
Vgl. Hans-Ulrich Wehler, Deutsche Gesellschaftsgeschichte, Bd. 1: 1700–1815, München 1987, S. 6–31.
15.
Vgl. Kristin Ross, May 68 and Its Afterlives, Chicago 2008; Michelle Zancarini-Fournel, Le moment 68. Une histoire contestée, Paris 2008; Julian Jackson, The Mystery of May 1968, in: French Historical Studies 4/2010, S. 625–653; ders./Anna-Louise Milne/James S. Williams (Hrsg.), May 68. Rethinking France’s Last Revolution, Basingstoke 2011.
16.
Vgl. Sara M. Evans, Sons, Daughters, and Patriarchy. Gender and the 1968 Generation, in: American Historical Review 2/2009, S. 331–347; Maud Anne Bracke, One-dimensional Conflict? Recent Scholarship on 1968 and the Limitations of the Generation Concept, in: Journal of Contemporary History 3/2012, S. 638–646.
17.
Vgl. etwa Wehler (Anm. 14), Bd. 5: 1949–1990, München 2008, S. 310ff., S. 185ff.; Aly (Anm. 11); Dirk Moses, German Intellectuals and the Nazi Past, Cambridge 2007; Christina von Hodenberg, Konsens und Krise. Eine Geschichte der westdeutschen Medienöffentlichkeit 1945–1973, Göttingen 2006; Kersting/Reulecke/Thamer (Anm. 12).
18.
Vgl. Norbert Frei, 1968. Jugendrevolte und globaler Protest, München 2008; Martin Klimke, The Other Alliance. Student Protest in West Germany and the United States in the Global Sixties, Princeton 2011; Anne Rohstock, Von der "Ordinarienuniversität" zur "Revolutionszentrale"? Hochschulreform und Hochschulrevolte in Bayern und Hessen 1957–1976, München 2010; Nikolai Wehrs, Protest der Professoren. Der "Bund Freiheit der Wissenschaft" in den 1970er Jahren, Göttingen 2014.
19.
Vgl. Christina Benninghaus, Das Geschlecht der Generation. Zum Zusammenhang von Generationalität und Männlichkeit um 1930, in: Ulrike Jureit/Michael Wildt (Hrsg.), Generationen. Zur Relevanz eines wissenschaftlichen Grundbegriffs, Hamburg 2005, S. 127–158.
20.
Zum Prozess der "Generationsrede" Benjamin Möckel, Erfahrungsbruch und Generationsbehauptung. Die "Kriegsjugendgeneration" in den beiden deutschen Nachkriegsgesellschaften, Göttingen 2014, S. 9, S. 16f. Vgl. Bernd Weisbrod, Generation und Generationalität in der Neueren Geschichte, in: APuZ 8/2005, S. 3–9.
21.
Axel Schildt, Überbewertet? Zur Macht objektiver Entwicklungen und zur Wirkungslosigkeit der "68er", in: Wengst (Anm. 2), S. 88–102, hier S. 93.
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