Die Putzfrau eines Elektronikmarktes in Würzburg entstaubt am 14.3.2003 den Bildschirm eines Fernsehgerätes in einer TV-Wand

28.9.2018 | Von:
Wolfgang Hagen

Facebook & Google entflechten? Warum digitale Medien-Monopole eine Gefahr für Demokratien sind - Essay

Prädikatives Persönlichkeitsprofil statt freies Subjekt

Aber so gut und weltweit anerkannt der Europäische Datenschutz dasteht, er kann die Asymmetrie in den Daten der Konnektivitätsmedien nicht beheben. Eigentumsveräußerung böte vielleicht ein Entgelt als Ausgleich, ähnlich würde möglicherweise auch Lohn für immaterielle Arbeit oder für "Playbour" wirken. Näher besehen aber sind dies Modelle, die an der Wirklichkeit – aus unterschiedlichen ideologischen Gründen – vorbeigehen. Denn was genau ist das "zentrale Gerechtigkeitsproblem der Zukunft", das Merkel anspricht?

Wir können es analytisch nunmehr genauer benennen: Die Umdeutung der Userdaten auf Facebook oder Google[29] zu prädikativen Persönlichkeitsprofilen, die den NutzerInnen verborgen bleiben, obwohl sie deren zukünftiges Verhalten vorhersagen, enthält eine tiefe kulturelle und soziale Ungerechtigkeit, nicht so sehr eine im engeren Sinn wirtschaftliche. Denn was hier sozial mächtig wird, ist eine Veränderung im Begriff der Person, des Subjekts und damit des Menschenbildes, eine Veränderung, gegen die die normale NutzerIn machtlos bleibt. Daten, die Facebook vermarktet, sind Daten mit einer neuen kulturellen Semantik und mit neuen politischen Wirkungen; denn sie verschieben den Begriff der natürlichen Person hin zu einer bloßen Instanz von Persönlichkeitsmodellen – und hebeln damit den demokratischen Freiheitsraum des Individuums strukturell aus.

Dagegen hilft nur, was in der Industriegeschichte der USA bereits über 270 Mal geschehen ist:[30] eine Entflechtung und De-Monopolisierung großer Konzerne. Angesichts der Zwei-Drittel-Übermacht, die Facebook und Google im Online-Werbemarkt erreicht haben, und der 75 Prozent, die Amazon im Online-Buchhandel an Marktmacht hält, haben die Zeitungen "The Guardian" und "Wall Street Journal" im letzten Jahr vermehrt daran erinnert, dass Standard Oil Ende des 19. Jahrhunderts ebenfalls über 80 Prozent des Marktes beherrschte, und der Supreme Court 1911 die Firma John D. Rockefellers erfolgreich zerschlug. Ähnliche Forderungen werden heute vor allem gegenüber Facebook, Google und Amazon erhoben.[31] In den USA reicht die Reihe der sozial und ökonomisch wirksamen Entflechtungen vom sogenannten Paramount-Urteil 1948 (die Filmfirma verlor dabei ihre Kinoketten im Land, was zugleich das Ende des sogenannten Studiosystems in Hollywood bedeutete) über die Zerschlagung von AT&T in den 1980er Jahren bis hin zum Microsoft-Urteil im Jahre 2000, das die Firma in zwei Teile zu zerlegen anordnete, jedoch vom Justizministerium der Bush-Regierung durch Zuweisung eines neuen Richters letztlich aufgehoben wurde.[32]

Nimmt man das Microsoft-Urteil als Referenz, so gibt es für den operativen Weg einer Entflechtung von Google und Facebook die Möglichkeit, das Front-End vom Back-End der Applikationen jeweils unternehmerisch zu trennen. Die Google-Suche zeigt bekanntlich eine Such- und eine Ergebnisseite; letztere ist das Front-End. Das Back-End von Google sind die "Crawler" und "Spider", die das Netz durchsuchen, indizieren und gewichten, das sind die Datenbanken, aus denen sich in Millisekunden das Front-End bei der Antwortliste speist.[33] Bei Facebook wäre das Back-End die Algorithmen, die die Persönlichkeitsprofile erstellen. Um beides voneinander zu trennen, muss offengelegt werden, welche Struktur die Massen von Daten haben, die die Konzerne horten. Das würde den Markt öffnen, denn es können jetzt auch andere Front- und Back-End-Betreiber auf den Markt kommen.

So wie der US-Bundesrichter Thomas Penfield Jackson 2000 entschied, dass Microsoft geteilt werden solle in eine Firma, die nur Betriebssysteme herstelle, und eine weitere, die alle anderen "Office"-Applikationen entwickelt, so müssten Google und Facebook zerteilt werden in eine Firma, die verkauft, was die NutzerIn sieht, und eine, die die Verarbeitung der Daten und die Micro-Targeting-Profile anbietet. Damit würde zum ersten Mal der Datensatz einer NutzerIn (aus dem Front-End) ersichtlich. Wir würden eine genormte Schnittstelle kennenlernen und würden auf diese Weise Transparenz gewinnen, die auf keinem anderen regulatorischen Weg sicher herstellbar ist: Nämlich wie unsere Daten tatsächlich transferiert werden und wie der Datensatz aussieht, der unser Persönlichkeitsprofil repräsentiert. Der grundlegende Gedankengang dabei ist, dass man als Nutzer Wahlfreiheit gewänne, welcher Firma man seine Daten anvertraut, und dann potenziell auch, dass verschiedene Firmen unterschiedliche Ausmaße der Datennutzung anbieten können. Wir würden durch Konkurrenz Klarheit erzeugen und mit ihr das "zentrale Gerechtigkeitsproblem der Zukunft" mildern.

Fußnoten

29.
Google und Facebook stehen hier stellvertretend für die zahllosen anderen Portale, Apps und Geräte, die unsere Daten sammeln.
30.
William H. Page/John E. Lopatka, The Microsoft Case. Antitrust, High Technology, and Consumer Welfare, Chicago–London 2007, S. 4.
31.
Vgl. Larry Elliott, Is it Time to Break up the Tech Giants Such as Facebook?, 25.3.2018, http://www.theguardian.com/business/2018/mar/25/is-it-time-to-break-up-the-tech-giants-such-as-facebook«; Greg Ip, Facebook’s Monopoly Is Ripe for Regulation, 12.4.2018, http://www.marketscreener.com/FACEBOOK-10547141/news/WSJ-26327169«.
32.
Vgl. Page (Anm. 30), S. 34.
33.
Vgl. Amy N. Langville/Carl D. Meyer, Google’s PageRank and Beyond: the Science of Search Engine Rankings, Princeton–Oxford 2006.
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Autor: Wolfgang Hagen für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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