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6.5.2003 | Von:
Detlef Oesterreich

Gleichstellung von Frauen aus der Sicht ost- und westdeutscher Jugendlicher

Ergebnisse aus dem Civic-Education-Projekt der IEA

Ein Ziel politischer Bildung besteht darin, Jugendliche zur Anerkennung der Gleichstellung von Frauen in der Gesellschaft zu erziehen. Immer noch gibt es erhebliche Differenzen zwischen Mädchen und Jungen bei der gesellschaftlichen Rollenzuschreibung.

I. Übersicht über das Civic-Education-Projekt

Empirisch vergleichende Untersuchungen nach der "Wende" haben Ost- und Westdeutschen ungeachtet ihrer Sozialisation in unterschiedlichen Gesellschaftssystemen vielfach ähnliche Werthaltungen bescheinigt.[1] Grundlegende Unterschiede gab es - abgesehen von aktuellen politischen Problemen wie den Begleitumständen des Vereinigungsprozesses - vor allem beim Familienbild und bei der Stellung von Frauen in der Gesellschaft. Vor allem ostdeutsche Frauen gingen stärker als westdeutsche von einer Gleichberechtigung von Männern und Frauen aus.[2]

Wie jüngere Untersuchungen zeigen, hat sich an dieser Differenz wenig geändert. Nach wie vor treten Frauen in den ostdeutschen Bundesländern vehementer für die Gleichstellung von Frauen ein.[3] Wir wollen im Folgenden untersuchen, ob und in welchem Maß dies auch für die nach 1990 eingeschulten Jugendlichen im Osten Deutschlands gilt. Zur Analyse werden wir Daten des Civic-Education-Projekts der International Society for the Evaluation of Educational Achievement (IEA) verwenden.


Das Civic-Education-Projekt der IEA vergleicht die politische Bildung von Jugendlichen in 28 Ländern.[4] Im Rahmen einer repräsentativen Erhebung wurden Jugendliche der Altersgruppe 14 bis 15 Jahre befragt (in Deutschland 3 700 Schülerinnen und Schüler der achten Klasse, insgesamt 94 000). Die Untersuchung fand 1999 statt.[5]

Der Untersuchung war eine erste Projektphase (von 1994 bis 1998) vorangegangen. Diese diente der Darstellung der Situation der politischen Bildung in allen teilnehmenden Ländern und der Entwicklung eines gemeinsamen Fragebogens. Die Ergebnisse der ersten Phase wurden in Fallstudien zusammengefasst. Sie geben eine Übersicht über die Rahmenbedingungen und die zentralen Ziele politischer Bildung in den beteiligten Ländern.[6]

Für den Fragebogen wurden drei Schwerpunktthemen ausgewählt: Demokratie, Nation und Einstellung zu Minderheiten. Erfasst wurden das politische Wissen, die politischen Einstellungen und die politische Handlungsbereitschaft. In einer nur in Deutschland durchgeführten Zusatzuntersuchung sind zudem politische Apathie, Rechtsextremismus und demokratische Kompetenzen erfragt worden.

Im Folgenden wollen wir uns auf die deutsche Erhebung konzentrieren und die politischen Einstellungen von ost- und westdeutschen Jugendlichen zum Thema "Gleichstellung von Frauen in der Gesellschaft" vergleichen.[7]

Die Auswertung zur Gleichstellung von Frauen in der Gesellschaft beruht auf den Antworten zu den vorgegebenen Fragen. Die Zustimmung zu einzelnen Fragen wird in Prozentangaben präsentiert. Für komplexere Analysen sei wiederum auf die im Jahre 2002 erschienene Gesamtdarstellung des deutschen Projektbeitrags verwiesen.


Fußnoten

1.
Vgl. Wilhelm Heitmeyer u.a., Die Bielefelder Rechtsextremismusstudie, Weinheim 1992; Deutsches Jugendinstitut, Schüler an der Schwelle zur deutschen Einheit, Opladen 1992; Jugendwerk der Deutschen Shell, Jugend '92. Die neuen Länder: Rückblick und Perspektiven, Opladen 1992; Detlef Oesterreich, Autoritäre Persönlichkeit und Gesellschaftsordnung. Der Stellenwert psychischer Faktoren für politische Einstellungen - eine empirische Untersuchung von Jugendlichen in Ost und West, Weinheim 1993.
2.
Vgl. Sibylle Meyer/Eva Schulze, Familie im Umbruch. Zur Lage der Familien in der ehem. DDR, in: Schriftenreihe des Bundesministeriums für Familien und Senioren. Bd. 7, Stuttgart 1992; Gisela Helwig/Hildegard Maria Nickel (Hrsg.), Frauen in Deutschland 1945-1992, hrsg. von der Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 1993.
3.
Vgl. Statistisches Bundesamt (Hrsg.), Datenreport 2002, hrsg. von der Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 2002.
4.
Teilgenommen haben Australien, Belgien (französischsprachiger Teil), Bulgarien, Chile, Kolumbien, Zypern, Tschechien, Dänemark, Deutschland, England, Estland, Finnland, Griechenland, Hongkong, Ungarn, Italien, Lettland, Litauen, Norwegen, Polen, Portugal, Rumänien, Russland, Slowakei, Slowenien, Schweden, Schweiz, USA.
5.
Vgl. Judith Torney-Purta/Rainer Lehmann/Hans Oswald/Wolfram Schulz, Citizenship and Education in Twenty-eight Countries. Civic Knowledge and Engagement at Age Fourteen, Amsterdam 2001; Detlef Oesterreich, Die politische Handlungsbereitschaft von deutschen Jugendlichen im internationalen Vergleich, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, B 50/2001, S. 13 - 22; ders., Politische Bildung von 14-Jährigen in Deutschland. Studien aus dem Projekt Civic Education, Opladen 2002.
6.
Vgl. Judith Torney-Purta/John Schwille/Jo-Ann Amadeo (Hrsg.), Civic Education across Countries: Twenty-four National Case Studies from the IEA Civic Education Project, Delft 1999; Christa Händle/Detlef Oesterreich/Luitgard Trommer, Aufgaben politischer Bildung in der Sekundarstufe I, Opladen 1999; dies., Concepts of Civic Education in Germany based on a Survey of Expert Opinion, in: J. Torney-Purta/J. Schwille/J.-A Amadeo, ebd.
7.
Für differenziertere Vergleiche, insbesondere die Stellung der deutschen Jugendlichen im internationalen Vergleich, verweisen wir auf die Gesamtdarstellung der deutschen Studie "Politische Bildung von 14-Jährigen in Deutschland".Vgl. D. Oesterreich (Anm. 5); Christa Händle, Kritisch distanziert und sozial engagiert, in: Hannelore Reich-Gerick (Hrsg.), Frauen und Schule, gestern, heute, morgen, Bielefeld 2003.