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12.10.2018 | Von:
Jana Günther

Die Suffragetten. Mit Militanz zum Frauenstimmrecht

1909–1911: Von passiver zu aktiver Militanz

London – Verhaftung einer Suffragette (1910–1915)London – Verhaftung einer Suffragette (1910–1915). (© Library of Congress [LC-DIG-ggbain-10397].)
Die zunehmenden Verhaftungen und gerichtlichen Verurteilungen teils prominenter Suffragetten führten in der zweiten Protestphase zwischen 1909 und 1911 zu einer Radikalisierung der Bewegung. Gemäß dem Slogan "Taten statt Worte" setzte sich das Protestmuster systematischer Gesetzüberschreitungen und Verhaftungen durch. So avancierte beispielsweise das Zerschlagen von Fensterscheiben zu einer offen proklamierten Kampagne der Suffragetten.[33] Marian Wallace Dunlop (1865–1942) trat 1909 als erste inhaftierte Suffragette in den Hungerstreik, um ihre Anerkennung als politische Gefangene und damit verbesserte Haftbedingungen zu erwirken.[34] Andere inhaftierte Militante folgten dem Beispiel, zunächst wurden sie darum vorzeitig entlassen. Das setzte die Regierung allerdings auf längere Sicht unter Druck, und nach verheerenden Ausschreitungen in Birmingham, ausgehend von der Bingley Hall, und der Verhaftung mehrerer Militanter wurde dazu übergegangen, die inhaftierten Suffragetten zwangszuernähren.[35] Diese für die damalige Zeit medizinisch und hygienisch äußerst bedenkliche Prozedur versehrte viele der Frauen körperlich, unter ihnen beispielsweise Lady Constance Lytton, die sich als Arbeiterin verkleidete, um investigativ die harten Strafen und schlechten Verhältnisse in den Gefängnissen für die militanten Frauen der Arbeiterklasse aufzudecken.[36]

Mit Hungerstreiks und Zwangsernährungen trafen die Militanten einen wunden Punkt in der britischen Gesellschaft, denn gerade die radikalen Liberalen und auch irische Parlamentsmitglieder, die 1880 selbst wegen politischer Aktionen inhaftiert worden waren, reagierten empfindlich auf eine derartige Behandlung politischer Gefangener.[37] Die repressive Haltung der liberalen Regierung führte in der Folge zu einer breiten Solidarisierungswelle in der Öffentlichkeit und 1910 zur Gründung eines parteiübergreifenden parlamentarischen Bündnisses, das die Conciliation Bill erarbeitete, um das Frauenstimmrecht einzuführen.[38] Die WSPU erklärte daraufhin öffentlich einen Waffenstillstand, drohte aber mit neuen militanten Akten, wenn das Frauenstimmrecht nicht durchgesetzt würde.[39] Da die Abstimmung der Gesetzesvorlage allerdings über mehrere Parlamentssitzungen verschleppt wurde, kam es immer wieder zu gewaltsamen öffentlichen Ausschreitungen und Straßenkämpfen mit der Polizei. Als Initialereignis gilt der "Black Friday" am 18. November 1910: Während einer Demonstration vor dem Parlament kam es zu schweren Übergriffen der Polizei auf protestierende Frauen.[40]

Die konstitutionellen Stimmrechtsorganisationen hielten an der Conciliation Bill fest. Die NUWSS sah in der Erklärung Asquiths Ende 1911, eine Reform Bill zum allgemeinen Männerwahlrecht einzuführen, eine weitere Chance, Zusatzanträge zum Frauenstimmrecht im Parlament zu stellen, wenngleich sie den ignoranten Umgang mit dem Frauenstimmrechtsanliegen verurteilte.[41] Die Militanten fassten die Erklärung des Premiers ihrerseits als Beleidigung und Provokation auf, sie beendeten ihren "Waffenstillstand" und erklärten, den gewaltvollen Kampf nun fortzusetzen.[42]

Fußnoten

33.
Vgl. Pugh (Anm. 12), S. 192.
34.
Vgl. June Purvis/Sandra Stanley Holton, Votes for Women, London 2000, S. 194.
35.
Vgl. Schirmacher (Anm. 7), S. 58ff.
36.
Vgl. Constance Lytton, Prisons & Prisoners. The Stirring Testimony of a Suffragette, London 1988 (1914).
37.
Vgl. Lloyd (Anm. 13), S. 69.
38.
Vgl. Diane Atkinson, Votes for Women, Cambridge 2002, S. 29.
39.
Vgl. Christabel Pankhurst, The Truce, in: Votes for Women, 11.3.1910, S. 372.
40.
Vgl. Harold L. Smith, The British Women’s Suffrage Campaign, 1866–1928, Harlow–New York 2007, S. 47f.
41.
Vgl. K.D. Courtney, The National Union and the Government Pledges, in: The Common Cause 23.11.1911, S. 568.
42.
Vgl. Pankhurst (Anm. 8), S. 358f.
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