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6.5.2003 | Von:
Anne Waldschmidt

Selbstbestimmung als behindertenpolitisches Paradigma - Perspektiven der Disability Studies

II. Selbstbestimmung - der sprachgeschichtliche Hintergrund

Das Wort "Selbstbestimmung" ist Bestandteil der gängigen deutschen Alltagssprache und wird häufig eher unreflektiert verwendet. Zumeist wird davon ausgegangen, dass sich die Vokabel sozusagen von selbst versteht. Die Begriffsgeschichte lässt sich folgendermaßen interpretieren: Der Wortteil "Selbst" ist jüngeren Datums und bildet sich im Laufe des 18. Jahrhunderts, also zur Zeit der Aufklärung und der frühen Moderne, zu einem eigenständigen Begriff heraus, um den herum sich relativ schnell eine große Wortfamilie entfaltet. Ursprünglich von einem Demonstrativpronomen stammend, entsteht allmählich ein reflexiver Bedeutungsgehalt: Wie in einen Spiegel schauend entdeckt das Individuum sein "Ich", seine "Identität", kurz, sein "Selbst". Der Wortteil "Bestimmung" gibt Hinweise darauf, wie diese Entdeckung verläuft. "Bestimmung" hat zwei eng miteinander verschränkte Bedeutungsebenen, zum einen "Befehl über etwas" im Sinne personaler Macht und zum anderen "Benennung von etwas" im Sinne von Klassifikation. Somit verweist Selbstbestimmung von der Wortgeschichte her auf ein einzelnes Wesen, das sich erkennt, indem es sich definiert und zugleich Macht über sich ausübt. In anderen Worten, der Selbstbestimmungsbegriff bündelt selbstreferentielle, erkenntnistheoretische und individualistische Facetten sowie Aspekte von Macht und Herrschaft.