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17.12.2004 | Von:
Alexandra Geisler

Hintergründe des Menschenhandels in die Prostitution mit Frauen aus Osteuropa

Lebenssituation und Entwicklung der Korruption

Zudem bestehen erhebliche Unterschiede zwischen und auch innerhalb der sechs Subregionen Mittel- und Osteuropas und der ehemaligen Sowjetunion. Das verdeutlicht der Human Development Index, dem zufolge sich die Länder von Slowenien auf dem 29. Platz bis zu Tajikistan auf dem 103. Platz - mit abnehmender Entwicklung von West nach Ost - erstrecken.[13] So ist beispielsweise das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf in Mittel- und Osteuropa im Vergleich zu 1989 im Durchschnitt um ein Drittel gefallen, in der ehemaligen Sowjetunion um mehr als die Hälfte. Trotz Wachstum in den meisten Ländern in der zweiten Hälfte der neunziger Jahre war das Pro-Kopf-Einkommen am Ende des Jahrzehnts in Mittel- und Osteuropa im Durchschnitt immer noch um 13 Prozent niedriger und in der ehemaligen Sowjetunion sogar um 45 Prozent.[14] Der durchschnittliche Gini-Koeffizient[15] für das Pro-Kopf-Haushaltseinkommen ist in den mittel- und osteuropäischen Ländern von 0.25 Ende der achtziger Jahre auf 0.30 in den späten neunziger Jahren gestiegen und von 0.26 auf 0.43 in der ehemaligen Sowjetunion. Diese Zahlen verdeutlichen, dass die Ungleichheit in vielen Länder Osteuropas in der Tat stark zugenommen hat. Einhergehend mit diesen Entwicklungen zeigt der Korruptionsindex von Transparency International, dass auch im Jahr 2003 die Ursprungs- und Transitländer des Menschenhandels in Osteuropa nicht sehr rühmliche Plätze belegen.[16]

Informeller Sektor

Der informelle Sektor - häufig als Ökonomie der Armen bezeichnet, die nur selten staatlich reguliert und statistisch erfasst wird, z. B. RentnerInnen, die als legale informelle Tätigkeit durch den Verkauf von selbst angebautem Gemüse ihr Überleben sichern - ist seit dem Systemwechsel von der Plan- zur Marktwirtschaft in den postsozialistischen Gesellschaften ein wichtiger Faktor der Überlebensstrategien geworden, da er einerseits Defizite der formalen sozialen Sicherungssysteme kompensiert und andererseits einen Versuch darstellt, die sozialen Kosten der Transformation in einem von Konkurrenzzwängen geprägten System auszugleichen. Er bildet oftmals das Auffangbecken für die VerliererInnen des Neoliberalismus. Der Menschenhandel mit Frauen kann als Beispiel für Veränderungen der gesellschaftlichen Ordnung gelten, die ein Systemwechsel mit sich bringt, worunter auch individuelle Abstiegs- und Aufstiegserfahrungen fallen. Insofern steht er zugleich für den Entwicklungsprozess einer Parallelökonomie und Kriminalität, sowie den geringen Institutionalisierungsgrad des Marktes, welcher sich z.B. auch in den Risiko- und Überlebensstrategien außerhalb staatlicher Absicherungen wie dem Waffen-, Drogen- und Menschenhandel, Schmuggel von Alkohol, Geldwäsche, Autoverschiebung oder der korrupten Aneignung von staatlichen Geldern vollzieht.


Fußnoten

13.
Vgl. UNDP, Human Development Report 2001, making new technologies work for human development, New York 2001, S. 141 - 144.
14.
Vgl. J. Klugman/J. Micklewright/G. Redmond (Anm. 8), S. 8.
15.
Wenn alle Haushalte eines Landes das gleiche Einkommen haben, wird der Gini-Koeffizient gleich "0". Und falls das ganze Einkommen eines Landes sich in nur einem Haushalt befindet wird der Gini-Koeffizient gleich "1". Das heißt, ein höherer Gini-Wert bedeutet mehr Ungleichheit.
16.
Vgl. Sarah Tyler, Transparency International Corruption Perception Index 2003, Berlin 2003, S. 1 - 8.