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16.11.2004 | Von:
Ludwig Watzal

Editorial

Reformen und Demokratisierung in der arabischen Welt müssen, wenn sie langfristig erfolgreich sein wollen, indigene Entwicklungen sein. Sie können nicht von außen eingeführt und schon gar nicht gewaltsam implementiert werden wie in Afghanistan und im Irak.

Die arabische Welt befindet sich am Scheideweg zwischen Tradition und Moderne. Die Lage ist sowohl politisch als auch wirtschaftlich äußerst prekär. In keinem arabischen Land herrschen demokratische Verhältnisse, und ökonomisch ist die Situation nur noch in den Ländern des subsaharischen Afrikas desolater. Die Staaten der Region sind gegenüber den Ländern Südostasiens, Lateinamerikas und anderen Schwellenländern weit zurückgefallen. Die Herausforderungen der technologischen Revolution und der Globalisierung tun ein Übriges: Sie machen Reformen mehr als überfällig.

Auf diesen deprimierenden Zustand haben die beiden Arab Human Development Reports aus den Jahren 2002 und 2003 hingewiesen. Nur unter der schützenden Hand der Vereinten Nationen konnten arabische Wissenschaftler diese selbstkritischen Zustandsberichte schreiben. Die Ergebnisse sind für die arabischen Regierungen nicht schmeichelhaft. Externe Schuldzuweisungen wie westlicher Kolonialismus, Imperialismus oder Zionismus taugen nicht mehr, um vom eigenen Versagen abzulenken. Weitreichende politische Entscheidungen sind zu treffen. Ob die konservativen Königshäuser, Scheichtümer oder die sich gerade herausbildenden oder abzeichnenden familiären Erbfolgedynastien wie in Syrien und Ägypten die adäquate Antwort auf die enormen Herausforderungen sind, darf bezweifelt werden.

Ein wichtiges Entwicklungshemmnis liegt in der starren Interpretation des Koran und der Scharia, des islamischen Gesetzes. Beide werden als direkt geoffenbartes Wort Allahs begriffen, das keinerlei abweichende Interpretation des Textes erlaubt. Hier bedarf es einer historisch-kritischen Auslegung, um mehr Flexibilität im gesellschaftspolitischen Handeln zu ermöglichen. Eine solche Exegese würde insbesondere der Stellung und Rolle der Frau im Islam nützen. Die Scharia enthält eine Fülle diskriminierender Vorschriften, die über die Hälfte der arabischen Bevölkerung vom politischen Leben ausschließt. Der Prozess der Liberalisierung könnte von zivilgesellschaftlichen Gruppen und von den Medien gefördert werden. Beide Bereiche sind in den meisten arabischen Ländern aber noch unterentwickelt. Ob der arabische Satellitensender Al-Jazeera dies alleine leisten kann, ist fraglich.

Reformen und Demokratisierung in der arabischen Welt müssen, wenn sie langfristig erfolgreich sein wollen, indigene Entwicklungen sein. Sie können nicht von außen eingeführt und schon gar nicht gewaltsam implementiert werden wie in Afghanistan und im Irak. Beide Länder verfügen über eine jahrhundertealte Tradition des Kampfes gegen Fremdbestimmung; Großbritannien und Russland mussten in der Vergangenheit bereits bittere Erfahrungen machen. Auch die Vereinigten Staaten von Amerika glauben, den Irak gewaltsam demokratisieren zu können. Die Gewaltexzesse im Irak stimmen jedoch nicht hoffnungsvoll. Wird es im Irak langfristig zu einer Herrschaft der von Saddam Hussein befreiten Neo-Baathisten kommen? Schon dies wäre ein Erfolg, wenn auch ein bescheidener. Etwas zuversichtlicher scheint sich die Entwicklung in Afghanistan darzustellen. Dort beteiligt sich auch Deutschland im Verbund mit anderen europäischen Staaten an der Stabilisierung der politischen Verhältnisse. Ein durchschlagender Erfolg ist aber auch hier noch nicht in Sicht. Die Macht der dortigen Zentralregierung unter Hamid Karsai beschränkt sich auf die Hauptstadt Kabul. Wenn es nicht gelingt, alle indigenen politischen Kräfte an der Macht teilhaben zu lassen, wird auch Afghanistan keine demokratische Zukunft haben.