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16.11.2004 | Von:
Dieter Weiss

Freiheit, Wissen und Ermächtigung von Frauen in arabischen Ländern

Die arabisch-islamische Welt ist im internationalen Entwicklungswettlauf gegenüber anderen Regionen zurückgeblieben. Die beiden Arab Human Development Reports zeigen die Schwachstellen ungeschönt auf.

Arabische Entwicklungsdefizite angesichts globaler Herausforderungen

Die arabische Welt ist im internationalen Entwicklungswettlauf zurückgeblieben, insbesondere im Vergleich zu den Schwellenländern Asiens und Lateinamerikas. Nur Subsahara-Afrika weist noch desolatere ökonomische und soziale Indikatoren auf (Pro-Kopf-Einkommen, Analphabetenrate von Frauen, Kindersterblichkeit).[1] Die wissenschaftlich-technologische Lücke[2] wächst, und die internationale Wettbewerbsfähigkeit sinkt demzufolge bei einfacheren Industriegütern im Vergleich zu konkurrierenden Anbietern.[3] Strukturelle Reformen politischer, institutioneller und volkswirtschaftlicher Rahmenbedingungen wurden nicht entschieden genug durchgesetzt[4] bei dem Versuch, die Fehler jahrelanger ineffizienter Wirtschafts- und Sozialpolitiken zu korrigieren.[5] Nach dem Scheitern früherer Großideologien (Panarabismus, Arabischer Nationalismus, Arabischer Sozialismus) und nach der zögernden Umsetzung von Strukturanpassungsprogrammen unter dem Schirm von Weltbank und Internationalem Währungsfonds seit den siebziger Jahren[6] sowie den unbefriedigenden Resultaten islamischer Ansätze[7] stellen sich nun unausweichlich die Herausforderungen der technologischen Revolution und der Globalisierung.




Diese gehen nicht mehr nur vom Westen ("kolonialistisch, imperialistisch, zionistisch") aus, sondern zunehmend auch vom Fernen Osten. Selbstkritischen arabischen Betrachtern wird nunmehr bewusst, dass eine radikale Kehrtwende in ihren Ländern unumgänglich geworden ist, welche Kernelemente kulturell geprägter[8] sozialer und politischer Ordnungen einschließen muss, beginnend bei der Durchsetzung einer verantwortungspflichtigen Regierungsführung ("good governance"). Denn die arabisch-islamische Welt sieht sich einer neuen Dimension ökonomischer, ökologischer, sozialer, politischer und geostrategischer Herausforderungen ausgesetzt.[9] Dieses Krisenbewusstsein hat seinen dramatischen Ausdruck in den beiden Arab Human Development Reports von 2002 und 2003 gefunden.[10] Rein arabische Teams herausragender Fachleute mit breiter internationaler Erfahrung hatten Gelegenheit, ohne Intervention nationaler Zensurbehörden eine schonungslose Analyse der Ursachen der entwicklungspolitischen Misserfolge vorzulegen. Sie identifizierten drei zentrale Ursachen der Unterentwicklung der arabisch-islamischen Welt: die Defizite in Bezug auf Freiheit, Wissen und die Ermächtigung von Frauen ("women's empowerment").


Fußnoten

1.
Vgl. World Bank Atlas, Washington, D.C. 2003, S. 54f.; Dieter Weiss, Europa und die arabischen Länder. Krisenpotenziale im südlichen Mittelmeerraum, in: Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ), B 19 - 20/2002, S. 12f.
2.
Vgl. Dieter Weiss, Die arabische Welt vor einer neuen wissenschaftlich-technologischen Kommunikationskrise?, in: Orient, (1986) 3, S. 38f.
3.
Vgl. Dipak Dasgupta/Mustapha Kamel Nabli/T.G. Srinivasan/Aristomene Varoudakis, Current World Trade Agenda. Issues and Implications for the MENA Region, World Bank, Middle East and North Africa Working Paper Series No. 35, May 2004, S. 3 f.
4.
Vgl. Mustapha Kamel Nabli/Marie-Ange Véganzonès-Varoudakis, Reforms and Growth in MENA Countries. New Empirical Evidence, World Bank, Middle East and North Africa Working Paper Series No. 36, Mai 2004, S. 2, 6f.; Alex Möller/Klaus Billerbeck/Christian Heimpel/Wolfgang Hillebrand/Hans-Helmut Taake/Dieter Weiss, Proposals for the Solution of the Most Important Structural, Economic and Financial Problems of the Arab Republic of Egypt, Report to the President of the Arab Republic of Egypt, Anwar el Sadat, Deutsches Institut für Entwicklungspolitik, Berlin 1980, S. 50f.
5.
Vgl. Dieter Weiss/Ulrich Wurzel, The Economics and Politics of Transition to an Open Market Economy, Egypt (Französisch : Environnement économique et politique de transition vers l'économie de marché, l'Egypte), OECD Development Centre, Paris 1998, S. 27f.
6.
Vgl. Ulrich Wurzel, Ägyptische Privatisierungspolitik 1990 bis 1998, Münster-Hamburg-London 1999, S. 204f.
7.
Vgl. Steffen Wippel, Geld, Gott und Staat. Aufstieg und Niedergang der Islamischen Investmentgesellschaften in Ägypten im Spannungsfeld von Ökonomie, Politik und Religion, Münster-Hamburg 1994, S. 2 f.; ders., Islamische Wirtschafts- und Wohlfahrtseinrichtungen in Ägypten zwischen Markt und Moral, Münster-Hamburg 1996, S. 54f.
8.
Vgl. Dieter Weiss, Entwicklung als Wettbewerb der Kulturen, in: APuZ, B 29/95, S. 3 f.; German Foundation for International Development (DSE)/Development Policy Forum/International Policy Dialogue, Development of Cultures - Cultures of Development. Cultural Aspects of Development and Conceptions of State and Society, Berlin, 4. - 5.März 2002, S. 3, 71f.
9.
Vgl. Dieter Weiss, Vor einer Neuordnung des islamischen Orients?, in: Internationales Asienforum, 34 (2003) 1 - 2, S. 16f.
10.
Vgl. United Nations Development Programme (UNDP)/Arab Fund for Economic and Social Development, Arab Human Development Report 2002. Creating Opportunities for Future Generations (im Folgenden zit. AHDR 02), New York 2002; dies., Arab Human Development Report 2003. Building a Knowledge Society (im Folgenden zit. AHDR 03), New York 2003.