Die Farben Rot, Schwarz, Gelb und Grün in einem Malkasten.

9.11.2018 | Von:
Ekkehard Felder

Verfestigte Sprache. Parteien-Sprech zwischen Jargon der Anmaßung und angemessenem Sprachgebrauch

Fluch und Segen von Musterhaftem in der Sprache

Dabei sind aus linguistischer Sicht zwei Seiten einer Medaille zu berücksichtigen: Wiederkehrende Aufgaben können nicht immer in neue Worte gekleidet werden. Zum einen eröffnet uns das Sprachsystem nur einen gewissen Variationsspielraum, den die adressierten Zielgruppen stilistisch (noch) als angemessen empfinden. Zum anderen sind solche Variationen für den Sprecher beim Ausüben seiner Funktion aufwendig und für die Zuhörerschaft nicht so leicht erkennbar wie die Verwendung etablierter Sprachgebrauchsformen. Darüber hinaus müssten originelle Neuformulierungen, die ein Politiker für die eigene (bekannte) Position verwenden möchte, von den Bürgern erst einmal als individuelles "Markenzeichen" erkannt werden. Ein bestimmter Sprachgebrauch steht schließlich für die Kontinuität der vertretenen Politikinhalte und die Zuverlässigkeit der Politiker. Neue Formulierungen müssen sich im sprachlichen Wettkampf durchsetzen.[9] Festzuhalten ist: Wiederholungen sind unvermeidbar, Sprachmuster haben auch einen Nutzen.

Wie viele Phänomene können auch Sprachmuster positiv oder negativ wirken. Sie haben einerseits Nachteile wie den, dass durch die penetrant wirkende Wiederholung der geäußerte Sachverhalt in seiner Bedeutung abgewertet werden kann oder die Überzeugungskraft des Sprechers dadurch leidet. Aufgrund dessen lohnt es, bestimmte Formen von Sprachmustern zu vermeiden. Auf der anderen Seite können wir aber in Anbetracht eines begrenzten Inventars an lexikalischen und grammatischen Mitteln überhaupt nicht vermeiden, dass wir bestimmte Wörter oder Mehrwortverbindungen immer wieder verwenden. Auch kann in umgekehrter Weise wiederholtes Sprechen die Bedeutung aufwerten und den Bekanntheitsgrad steigern. Das ist redetechnisch ganz praktisch und gilt für den einfachen Staatsbürger wie für Politiker. Aber wann schlägt musterhaftes Sprechen negativ auf Sprecher zurück?

Stereotype Verwendung beziehungsweise der musterhafte Gebrauch von Schlüsselwörtern wie "Pflegenotstand", von Mehrwortverbindungen wie "Sicherung der Altersvorsorge" oder von Sätzen wie "Die Politik muss die Zuwanderung regeln" weist leicht erkennbar auf politische Probleme und entsprechenden Handlungsbedarf hin und erhöht den Wiedererkennungswert politischer Orientierungen: Als Schlüsselwörter gelten inhaltsverdichtende, positionscharakterisierende und auf öffentliche Wirkung zielende Ausdrücke, denen im politischen Diskurs ein besonderer Stellenwert zugeschrieben wird und die entsprechend oft gebraucht werden.

Schlüsselwörter wie "Gerechtigkeit", "Wettbewerb", "individuelle Freiheit", "staatliche Fürsorgepflicht" oder "sichere Außengrenzen" können von allen politischen Funktionären gebraucht werden, aber in einer je spezifischen Kontextualisierung. Insofern stehen musterhafte Lexemverwendungen für das Selbstverständnis einer Gruppe oder Partei. In der je parteispezifischen Kontextualisierung solcher Schlüsselwörter manifestiert sich das Profil der politischen Richtung. Derartiger stereotyper Gebrauch erscheint aufmerksam Zuhörenden oft musterhaft – mit dem vorteilhaften Nutzen der schnellen Wiedererkennung der politischen Position und mit dem Nachteil des mitunter monoton anmutenden Wiederholungshabitus.

Musterhafter Sprachgebrauch wird dann zum Problem, wenn die Zuhörerschaft die Authentizität der Sprecher in Zweifel zieht, weil die äußere Form der sprachlichen Präsentation, also der Sprachstil, den sachlichen Kern des Mitgeteilten, also den Inhalt, überlagert. In der Textstilistik unterscheidet man zwischen dem Was und dem Wie einer Sprachäußerung. Der Stil als das Wie ist genauso entscheidend für den Inhalt wie das Was, also der Sinngehalt der Äußerung. Die Vorhersage, wie mein Sprachstil wirken könnte, verlangt von dem Sprecher die Antizipation der Voreinstellungen der Zuhörer. Wie komplex dies in der politischen Kommunikation angesichts der heterogenen Adressatenkreise ist, erklärt sich von selbst.

Musterhaftes Sprechen wird dann gefährlich, wenn es als Äußerungspraxis unvereinbar mit demokratischen Kommunikationsgepflogenheiten ist. Diese Strategie öffentlich politischen Kommunizierens habe ich als "Jargon der Anmaßung" bezeichnet.[10]

Fußnoten

9.
Vgl. Georg Stötzel, Semantische Kämpfe im öffentlichen Sprachgebrauch, in: Gerhard Stickel (Hrsg.), Deutsche Gegenwartssprache, Berlin–New York 1990, S. 45–65; Ekkehard Felder (Hrsg.), Semantische Kämpfe, Berlin–New York 2006.
10.
Vgl. Ekkehard Felder, Anmaßungsvokabeln: Sprachliche Strategien der Hypertrophie oder der Jargon der Anmaßung, in: Martin Wengeler/Alexander Ziem (Hrsg.), Diskurs, Wissen, Sprache, Berlin–Boston 2018, S. 215–240.
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