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23.11.2018 | Von:
Christian Geulen

Zur "Wiederkehr" des Nationalismus - Essay

Das "Zeitalter des Nationalismus"

Das 19. Jahrhundert wird bis heute als "Zeitalter des Nationalismus" geführt – und das obwohl dieser Begriff erst an seinem Ende populär wurde.[3] Nationalgefühle, nationalistische Vorurteile und nationalpolitische Bewegungen gab es massenhaft, doch erst um 1900 wurde all das – in affirmativer wie in kritischer Absicht – in jenem "-ismus" zusammengefasst, den wir heute noch verhandeln. Anlass für diese Begriffsbildung war aber nicht nur die sich in den vorangegangenen hundert Jahren in der gesamten europäischen und westlichen Welt vollziehende Verwandlung dynastisch-ständischer in zumindest tendenziell demokratisch-nationalstaatliche Formen der politischen Gemeinschaft. Vielmehr war es – wie heute – auch im späten 19. Jahrhundert eine eigentlich gegenläufige Tendenz, die die Nation nicht mehr nur als eine natürliche Lebensform der modernen Völker und Gesellschaften, sondern als ideologisches Programm, als einen aktiv zu schützenden Wert oder gar als eine überhaupt erst in der Zukunft wahrhaft herzustellende Einheit erscheinen ließ. Denn die sich mühsam herausgebildete "nationale" Ordnung Europas war am Ende des 19. Jahrhunderts schon längst überformt, entstellt und herausgefordert durch eine sich im Namen des Imperialismus so gewaltvoll wie effektiv vollziehende Form der Globalisierung.

Es ist eine historisch illegitime Verkürzung, den Imperialismus der damaligen Zeit schlicht als eine Art wild gewordenen Nationalismus zu verstehen. Zwischen dem nationalen Anspruch auf partikulare Besonderheit gegenüber Anderen und dem imperialen Anspruch auf globale Einverleibung alles Anderen liegt ein so grundlegender Widerspruch, dass er zeitgenössisch nur durch die Einführung einer weiteren Zugehörigkeitskategorie versöhnt werden konnte: den Rassenbegriff.[4] Denn er hatte den Vorteil, die Nation statt in festen Grenzen als etwas zu denken, das vom Lokal-Familiären bis zum Globalen dehnbar war und dessen Erhalt und Größe von biopolitischen Praktiken der Reinhaltung und der Bekämpfung des Fremden abhing.

In diesem Kontext entstand der Nationalismus-Begriff als Name einer Ideologie, die mit dem hergebrachten Anspruch auf nationale Selbstbestimmung schon kaum mehr etwas zu tun hatte und sie durch Programme der nationalen Selbsterhaltung und Selbstverbesserung ablöste. Auch dort wo eine gemeinsame nationale Vergangenheit verherrlicht wurde, wie etwa im nationalen Denkmalskult der Jahrhundertwende, wurde nicht historisch erinnert, sondern ein mythischer Ursprung erfunden, um zu seiner praktischen Wiederherstellung noch radikaler aufrufen zu können.

Wie wir heute – und nicht zum ersten Mal – von der "Wiederkehr des Nationalismus" sprechen, ging der Nationalismus des 19. Jahrhunderts immer schon von einer Rück- und Wiederkehr der Nation und des Nationalen aus. Nicht nur die bloße Überhöhung der eigenen Nation und die Anfeindung Anderer zeichnete ihn aus, sondern ebenso die Idee, zu einer idealen, ursprünglich einmal existenten, dann aber verlorenen Einheit und Gemeinschaftlichkeit zurückzukehren beziehungsweise diese um jeden Preis wiederherzustellen. Von der nationalen Mythisierung des Arminius in Deutschland oder des Vercingetorix in Frankreich um 1800 bis zum heutigen identitären und rechtspopulistischen Aufruf, das eigene Land und die ursprüngliche Heimat zurückzuerobern, finden sich in allen Nationalismen Verweise auf eine solche mythische Ursprünglichkeit.

Dieses Ursprungsdenken erklärt sich aus dem historischen Entstehungszusammenhang der modernen Nationalidee, die selbst aber mit solchen Ursprüngen und fernen Idealzuständen nichts zu tun hatte. Denn nüchtern betrachtet, entstand die Idee der Nation genau dort, wo im 18. und 19. Jahrhundert staatliche Herrschaft immer weniger über das Ständische und immer stärker über das Prinzip der Volkssouveränität legitimiert wurde, was die Frage aufwarf, wer zu den Trägern dieser neuen Legitimitätsquelle gehören sollte. Hier ging es um die Ablösung und Überwindung hergebrachter Zugehörigkeiten und um die Etablierung einer neuen, rationalen und politischen Willensgemeinschaft, nicht um Wiederherstellung eines Ursprungszustands. Die Nation war anfänglich nichts Anderes als ein Teil der Menschheit, das sich eine gemeinsame staatlich-politische Ordnung gibt. Sie war Ausdruck der partikularen Konkretisierung jener universalen und demokratischen Werte, die die Aufklärung formuliert hatte.

Doch um die neue politische Gemeinschaft zu begründen und gegen restaurative Kräfte durchzusetzen, wurde eine mythische Ursprungs- und Herkunftsgeschichte erfunden. Den Deutschen dienten die Germanen, den Franzosen die Gallier, den Engländern die Angelsachsen und den US-Amerikanern die angeblich Besten und Stärksten Europas als mythische Ur- und Vorbilder der eigentlich völlig neu zu errichtenden Nationalgemeinschaft. Damit wurde die moderne Nation politischer Platzhalter eben jener vormodernen, hergebrachten Bindungen, die sie eigentlich radikal auflöste. Und seitdem ist sie Ausdruck eines doppelten und in sich widersprüchlichen Versprechens: nämlich Zugehörigkeit zum einen als rational, politisch und damit wählbar, zum anderen als vorgegeben, festgelegt und unteilbar zu denken. Es sind diese Befunde, aus denen die Nationalismusforschung seit den 1980er Jahren den Leitsatz ableitet, dass nicht die Nationen den Nationalismus, sondern der Nationalismus die Nationen hervorbringt – einschließlich ihrer Herkunftsmythen.[5]

Bezeichnenderweise kannte die deutsche Sprache des 19. Jahrhunderts für jene beiden Formen, nationale Zugehörigkeit zu denken – die rational-politische und die organisch-vorpolitische –, auch zwei verschiedene Begriffe. Während der Begriff der Nation damals vor allem jene angeblich gewachsene, auf der Gemeinsamkeit von Sprache, Kultur und Abstammung basierende Einheit meinte, wurde die rein politische Einheit eines staatlichen Verbandes als "Volk" bezeichnet. Der Staatsrechtler Johann Caspar Bluntschli formulierte es in seiner Ausführung des Nationalitätenprinzips so: "Jede Nation hat das Recht, einen Staat zu bilden, das heißt: Volk zu werden."[6] Noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts war es für die meisten Zeitgenossen selbstverständlich, dass die Österreicher zwar ein eigenes Volk bildeten, aber keine eigene Nation waren. Erst die völkische Bewegung und der rassistische Nationalismus machten aus dem Begriff der Nation eine politische Programmatik und aus dem Begriff des Volkes eine biologisch-populationstheoretische Größe. Nach dieser semantischen Verkehrung und Verwirrung war es dem Nationalsozialismus ein Leichtes, die Bedeutungen fast aller Zugehörigkeitsbegriffe, der Nation, des Volkes, der Kultur, der "Rasse" oder des Stammes, in seinem biopolitischen Konzept der "Volksgemeinschaft" einzuschmelzen.

Fußnoten

3.
Vgl. hierzu Reinhart Koselleck u.a., Art. "Volk, Nation, Nationalismus, Masse", in: Geschichtliche Grundbegriffe, Bd. 7, Stuttgart 1992, S. 141–451.
4.
Vgl. Christian Geulen, Wahlverwandte. Rassendiskurs und Nationalismus im späten 19. Jahrhundert, Hamburg 2004.
5.
Vgl. etwa Hans-Ulrich Wehler, Nationalismus. Geschichte, Formen, Folgen, München 2011.
6.
Johann Caspar Bluntschli, Art. "Volk und Nation", in: ders./Carl Ludwig Brater (Hrsg.), Deutsches Staatswörterbuch, Bd. 7, Stuttgart 1862, S. 155.
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