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23.9.2004 | Von:
Franz Walter

Zurück zum alten Bürgertum: CDU/CSU und FDP

Generation Golf und männliches Jungproletariat

Wo also steht das bürgerliche Lager? Schauen wir auf die Wähler und Wahlen der letzten zwei Jahre: Den größten Sprung nach vorne haben die Parteien des altbürgerlichen Lagers bei den 25- bis 34-Jährigen gemacht, also bei den Wählern, die in der zweiten Hälfte der sechziger und in der ersten Hälfte der siebziger Jahre geboren wurden.[15] Diese Altersjahrgänge befinden sich mithin zu großen Teilen im Berufseintrittsalter, mögen wegen der Krise auf dem Arbeitsmarkt also besonders enttäuscht über Rot-Grün sein. Doch spricht einiges dafür, dass diese Gruppe nicht nur konjunkturell bürgerliche Optionen präferiert. Florian Illies hat diese, seine eigene Geburtskohorte, als "Generation Golf" beschrieben,[16] und der Sozialforscher Markus Klein hat datengesättigt die lebensweltlichen Beobachtungen und flotten Deutungen von Illies bestätigt.[17] In dieser Altersgruppe hat sich eine markante Abkehr vollzogen von den postmaterialistischen Werten der Vorgängergeneration, der 1957 bis 1966 Geborenen, welche in ihrer politischen Sozialisation bemerkenswert anhaltend durch die Kultur der Neuen Sozialen Bewegungen geprägt worden sind.

Die Ausgänge der letzten Landtagswahlen bestätigen den Befund von Illies und Klein. Die Union und die FDP reüssierten signifikant bei den 25- bis 34-Jährigen und finden den geringsten Zuspruch bei der Alterkohorte danach, der klassischen Partizipationsgeneration. Hier, in der letzten geburtenstarken Kohorte der Bundesrepublik, hat das altbürgerliche Lager ganze Segmente der nachwachsenden akademischen Schicht an die neubürgerliche Formation der Grünen abgeben müssen. Besonders Frauen dieser Generation mit hohen Bildungszertifikaten haben sich vom altbürgerlichen Lager abgewandt. So ist dieses Lager nicht nur von der Zusammensetzung der Mitglieder und Aktivisten, sondern auch vom Elektorat nunmehr eindeutig männerdominiert. Lange Jahrzehnte galt anderes für christlich-konservative Parteien.[18] Bis in die späten sechziger Jahre waren gerade Frauen die entscheidende Wahlreserve des bürgerlichen Konservatismus. Auch danach waren die weiblichen Geburtskohorten der 1920er und 1930er Jahrgänge eine zentrale Ressource für die Hegemonie der Kohl-CDU. Doch ein beachtlicher Teil der neuen, überwiegend nun besser ausgebildeten, allmählich entkirchlichten, selbstbewusster auftretenden Frauenkohorten, die durch die sechziger und siebziger Jahre geprägt worden waren, haben die Seiten offenkundig nachhaltig gewechselt. Die Abwahl von Rot-Grün scheiterte 2002 jedenfalls an den Frauen. Die Wählerschaft der Union setzte sich zu 54 % aus Männern, zu 46 % aus Frauen zusammen.[19]

Vor allem die ganz jungen Männer haben in den letzten Jahren ihre Zuneigung für die Union entdeckt, noch präziser: Die jungen Männer mit geringer Qualifikation und Beschäftigung im sekundären Sektor. Das ist neben der Konversion der Frauen die zweite Revolution der deutschen Wahlgeschichte. Die bürgerliche Union hat sich seit etwa zwei Jahren verproletarisiert, hat dem durchaus weiterhin existierenden bürgerlichen Kern ihrer Anhängerschaft das klassische Muster sozialdemokratischer Sozialstruktur hinzugefügt. So ist mittlerweile das "altbürgerliche Lager" in seiner Wählerschaft "proletarischer" als das der SPD, auch als das von Rot-Grün insgesamt. Zumindest ist die Anhängerschaft von Schwarz-Gelb derzeit eindeutig weniger gebildet als die von Rot-Grün. Bei der Bundestagswahl 2002 erreichten Union und FDP bei den sogenannten Hochgebildeten eine Quote von 42 %. Die Parteien links von der Mitte kamen auf Werte von 55 %. Bei den Landtagswahlen in Niedersachsen und in Bayern erzielte die Union ihre kräftigsten Zuwächse ebenfalls bei den "gering Gebildeten". Die CSU kam bei der Landtagswahl in Bayern bei den niedrig gebildeten Wählern auf 67 % der Stimmen, bei den Hochgebildeten lediglich auf 47 %. Auch berufssoziologisch ist die CSU in Deutschland die proletarische Partei schlechthin. Bei Arbeitern hatte die Stoiber-Partei im September 2003 einen Anteil von 65 % erreicht.[20] Insgesamt ist die Union zu Beginn dieses Jahrhunderts zur Mehrheitspartei der deutschen Arbeiter geworden. Groß ist ihre Resonanz vor allem bei den jungen großstädtischen "Frust-Arbeitern", die von den gebildeten und anspruchsvollen Frauen ihrer Generation, wie es in einer Zeitgeiststudie heißt, nicht mehr "abgeholt" werden.[21] Insofern ist der feministische Postmaterialismus von Rot-Grün gerade in der jungen männlichen Arbeiterschaft verhasst. Er hat die SPD entproletarisiert, dem altbürgerlichen Lager aber eine keineswegs unprekäre und sicher auch nicht vorbehaltlos loyale neue Gruppe zugeführt.

Besonders modern ist der neue christdemokratische Zuwachs jedenfalls nicht. Modern war auch nicht die Wählermehrheit in Hamburg. Zwar feierte die CDU den Sieg von Ole von Beust als Ausdruck einer modernisierten Metropolenpartei. Doch die ausschlaggebenden Stimmen brachten die Rentner der Stadt. Bei den Hamburgern im Alter von 18 bis 44 Jahren hatte Rot-Grün eine sichere Mehrheit. Ihren Wahlerfolg verdankte die CDU den über 60-jährigen. Vor allem waren es - im Unterschied bezeichnenderweise zu den Bundestagswahlen - die älteren Frauen, die mehrheitlich und stärker als die Männer die CDU wählten.[22] Einen ähnlich gewaltigen Zuspruch bei den Frauen über 60 hatte im Jahr zuvor Henning Scherf in Bremen erfahren. Vielleicht ist das überhaupt das Geheimnis von Wahlerfolgen in der ergrauenden Republik: Man wird die älteren Wählerinnen überzeugen müssen. Schneidige Polarisierer und kalte Konfliktpolitiker aber haben es in dieser Wählergruppe schwer.

Fassen wir zusammen: Die Union hat ihren bürgerlich-konservativen Kern nicht verloren, aber ihr Elektorat hat doch erheblich den Charakter verändert. Ein fester Posten sind die neu dazugestoßenen Wählerschichten nicht. Ein Teil davon dürfte sich im Sommer 2004, wie die Ergebnisse der "Sonntagsfragen" zeigten, schon wieder abgesetzt haben. Insgesamt oszillieren organisatorisch und sozialkulturell nicht mehr gebundene Arbeiter schon seit Jahren unstet zwischen den Parteien. Ebenfalls aus eher materialistischen Quellen speist sich die Orientierung der "Generation Golf" an der Union. Nicht auszuschließen ist jedenfalls, dass auch diese Generation die Seiten wieder wechselt, wenn das materialistische Versprechen der Union nicht eingelöst werden sollte. Überraschend wenig Resonanz findet die Union bei den 18- bis 24-jährigen. Auch bei der Europawahl verlor sie in dieser Gruppe am stärksten.[23] Doch kommt es in den nächsten Jahren sicher mehr auf die Unterstützung der über 60-Jährigen an. Die letzten beiden Bundestagswahlen haben gezeigt, dass die "Alten" keine sichere Bastion mehr für die christlichen Parteien sind, zumal die 68er Kohorten allmählich in diesen Lebensabschnitt hineinwachsen. Eine feste Größe für die CDU sind dagegen weiterhin die Selbstständigen und die kirchentreuen Katholiken. Mit diesen Kerngruppen wird die CDU allein Wahlen nicht gewinnen können. Aber sie besitzt mit ihnen doch für alle Wahlkämpfe ein stabiles Fundament, über das der sozialdemokratische Konkurrent durch die Auflösung der Beziehungen zu den Gewerkschaften und den Zerfall der Bindungen an die Arbeiterklasse seit einiger Zeit nicht mehr verfügt.

Einiges ist bei den Freien Demokraten ähnlich. Sie sahen sich zuletzt am stärksten von der "Generation Golf" getragen. Doch neigen überdies die Erstwähler, die 18- bis 24-Jährigen, überproportional stark zur FDP. Ganz vergebens also waren die Spaßkampagnen der Westerwelle-Möllemann-Partei nicht. Seit der Landtagswahl von Nordrhein-Westfalen im Jahr 2000 ist die Wählerschaft der FDP juveniler und ebenfalls männerdominiert. Bei den 18- bis 24-jährigen jungen Männern in Ostdeutschland übertraf die FDP sogar mit 12,4 % der Stimmen die PDS, die lediglich auf 11,8 % kam.[24] Mit dem freidemokratischen Populismus drang die Partei in neue, keineswegs unproblematische Wählerschichten ein. Der Anteil der Arbeiter an den FDP-Wählern stieg von 3,5 % auf 6,5 %; die Quote der Arbeitslosen verdreifachte sich gar. Ein Viertel der neu gewonnen Wähler hatte zuvor extrem rechts gewählt. Im Gegenzug verlor die FDP die meisten Stimmen an die Grünen.[25] Vor allem die Selbstständigen, die tragende Säule des Liberalismus seit jeher, waren vom spaßgesellschaftlichen Populismus in ernsten Zeiten eher abgestoßen. In der postmaterialistischen Generation der 35- bis 44-Jährigen - also ausgerechnet der Generation des Parteivorsitzenden Westerwelle - fand die FDP, anders als die Grünen, wenig Anklang. Noch geringer hingegen ist der Zuspruch bei den über 60-Jährigen. Insofern hat sich die FDP in den letzen Jahren elektoral wirklich gewandelt. Sie ist erheblich jünger, auch östlicher, partiell proletarischer, weniger libertär und urban geworden.[26] Auf der nationale Ebene hat sie an Selbstständigkeit gewonnen, da auch ihr Erstwählervolumen über 5 % liegt. Indes hat die FDP bei den Bundestagswahlen erlebt, dass ihr ein souveränes Erststimmenpotenzial von über 5 % machtpolitisch wenig nutzte. Im bürgerlichen Lager reduzierte sich durch den freidemokratischen Verzicht auf eine Koalitionsaussage das Stimmensplitting. Umkämpfte Wahlkreise fielen infolgedessen an die SPD. Der Eigenständigkeitskurs der FDP hatte die Niederlage des altbürgerlichen Lagers 2002 mitverursacht.[27]


Fußnoten

15.
Vgl. CDU punktet bei jungen Männern, in: Frankfurter Rundschau vom 20. 2. 2003.
16.
Florian Illies, Generation Golf. Eine Inspektion, Berlin 2000.
17.
Vgl. Markus Klein, Gibt es die Generation Golf?, in: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, (2003) 1, S. 99ff.
18.
Vgl. Frank Bösch, Die Mitte ist weiblich, in: Berliner Republik, (2001) 5, S. 68ff.
19.
Vgl. Dieter Roth, Das rot-grüne Projekt an der Wahlurne: Eine Analyse der Bundestagswahl vom 22. September 2002, in: Christoph Egle/Tobias Ostheim/Reimut Zohlnhöfer (Hrsg.), Das rot-grüne Projekt. Eine Bilanz der Regierung Schröder 1998 - 2002, Wiesbaden 2003, S. 29ff.
20.
Vgl. http://www.statistik.bayern.de/frame4.html; Landtagswahlen Bayern. Kurzfassung des Infratest-dimap-Berichts für die SPD, o. O. o. J., S. 8.
21.
Vgl. www.zukunftsinstitut.de. Future Living 1. Die großen Trends des sozialen Wandels, S. 50.
22.
Vgl. http://typo3.statistik-nord.de/nord/pdf/wahlanalyse 2004.pdf.
23.
Vgl. Wahl der Abgeordneten des Europäischen Parlaments aus der Bundesrepublik Deutschland am 13. Juni 2004. Sonderheft. Erste Ergebnisse aus der Repräsentativen Wahlstatistik für die Bundesrepublik Deutschland, Wiesbaden 2004.
24.
Vgl. Eckhard Jesse, Junge Frauen wählen lieber SPD, in: Die Welt vom 19. 11. 2003.
25.
Vgl. FDP profitiert deutlich von rechten Wählern, in: Handelblatt vom 11. 10. 2002.
26.
Vgl. Manfred Güllner, Die FDP: Zwischen Renaissance des Liberalen und rechtspopulistischen Anfeindungen, in: Forschungsjournal NSB, (2003) 1, S. 94.
27.
Vgl. Patrick Horst, Wahljahr 2002 - eine Bilanz, in: ZParl, (2003) 1, S. 239ff.