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31.8.2004 | Von:
Hans-Jochen Luhmann
Manfred Fischedick

Renewables, adaptationspolitisch betrachtet

Erneuerbare Energien und der Klimawandel

Der Klimawandel kommt, und er betrifft potenziell alles. Der Brecht'schen Mahnung gemäß hat sich auch die Energiesystemwissenschaft mit ihrem Thema "klimagerechte Energiesysteme" selbstkritisch zu betrachten, ob sie nicht auch einer Ausblendung unterliegt, die sie aufzuheben hat. Diese Ausblendung ist bei ihr sogar besonders nahe liegend und verführerisch, weil sie das Gute und Hilfreiche gegen den anthropogenen (vom Menschen verursachten) Klimawandel auf ihre Fahnen geschrieben hat. Das verführt erfahrungsgemäß dazu, das Ambivalente am Guten nicht ins Blickfeld zu rücken. Und in der Tat offenbart ein näherer Blick eine spezifische "Verletzlichkeit" auch der Erneuerbaren Energien (Renewables) bzw. des kommenden klimaverträglichen Energiesystems, welches die Erneuerbaren Energien sowie die Energieeffizienz als tragende Säulen aufweist.[2] Unter "Verletzlichkeit" soll dabei das verstanden sein, was systemtheoretisch als resilience bezeichnet wird, also eine in sich dynamische Stabilität, die nur bei einem Ausscheren über eine gewisse Grenze hinaus zum Funktionsverlust ("Katastrophe") führt.

Ausgangspunkt unserer Überlegungen ist zunächst die generelle Feststellung, dass jedes Energiesystem verletzlich ist.[3] Diese "Verletzlichkeit" ist ein Zwei-Faktor-Begriff, d.h., sie liegt nur vor, wenn ein äußerer Anlass und ein innerer (Vorsorge-) Mangel zusammentreffen. Zur Verletzlichkeit eines Energiesystems trägt deshalb nur zweierlei zugleich bei: erstens die innere Verfasstheit des Systems, seine "Konfiguration". Diese wird beeinflusst bzw. entscheidend gewandelt durch die Klimapolitik, die Politik der Mitigation, d.h. die Bemühungen, dem anthropogenen Klimawandel jenseits des Ausmaßes, wie es bereits nicht mehr zu verhindern ist, eine Grenze zu setzen. Zentrale Mittel der Mitigationspolitik sind technologische Maßnahmen, insbesondere der verstärkte Einsatz von Erneuerbaren Energien und der stärkere Zugang auf Energieeinsparpotenziale. Zur Verletzlichkeit tragen zweitens vielfältige Arten von (äußeren) Einflüssen bzw. "Angriffen" bei, etwa die Begrenztheit fossiler Ressourcen, das Risiko erheblicher Preisveränderungen oder auch nur -schwankungen sowie wie die Anfälligkeit gegenüber Sabotageakten oder terroristischen Übergriffen. Die Behandlung solcher Risiken des Energiesystems hat eine lange Tradition.

Eines ist neu hinzugekommen in das Feld äußerer Einflussfaktoren: das Thema "Klimawandel". Hier ist nicht nur Klimapolitik im Sinne einer Politik der Mitigation gemeint, die mehr oder weniger stark in der Lage ist, Investitionsentscheidungen zu beeinflussen, sondern auch und besonders der anthropogene Klimawandel - insbesondere der bereits veranlasste und nicht mehr aufzuhaltende Teil. Die genauen Ausprägungen des zu erwartenden Klimawandels kann man, regional differenziert, mit Hilfe der genannten modernen "Fernrohre" bestimmen. Generell gesprochen kommt es aufgrund der angewachsenen Treibhausgaskonzentrationen bzw. durch die ihnen entsprechende Erhöhung des Strahlungsantriebs nicht nur zu einer Temperaturerhöhung, sondern auch zu Wetterereignissen größerer Extremheit und höherer Häufigkeit. Diese beiden Wetterfolgen interferieren mit dem Energiesystem und seinen Komponenten in vielfältiger Weise, bis zu dem Punkt, dass auch die Erneuerbaren Energien und die Energieeffizienz, die maßgeblich zur Mitigation beitragen sollen, sowohl in ihrer Wirksamkeit als auch in ihrem Beitrag zur Verletzlichkeit des Systems gegenüber dem heutigen Zustand verändert werden können. Die Erwärmung der Erdatmosphäre beeinflusst die Nachfrage nach Temperierung bzw. Klimatisierung von Gebäuden. Sie beeinflusst auch die Angebotsseite, z.B. die Produktivität bzw. die Verfügbarkeit von thermischen Kraftwerksanlagen zur Zeit potenzieller Nachfragespitzen (z.B. Kühlwasserverfügbarkeit in Perioden anhaltender Trockenheit) und die Netzstabilität (Stürme). Es werden aber auch die Nutzungs- und Einsatzpotenziale Erneuerbarer Energien (Veränderung des erneuerbaren Energieangebotes bei Solareinstrahlung, Biomasse, Wasserkraft und Windenergie) von Extremereignissen tangiert, die durch den Klimawandel ausgelöst werden, was zu veränderten Ausfallmustern von Komponenten zukünftiger Energiesysteme oder gar dieser selbst führen könnte.

Dieser Gedanke, das sei beiläufig erwähnt, trifft in vergleichbarer Weise zu, wenn man unter einem "klimaverträglichen Energiesystem" ein stark auf Kernenergiestrom abgestütztes System versteht, wie es beispielhaft in Frankreich realisiert ist. Die Leichtwasserreaktoren zeichnen sich gegenüber fossilbefeuerten Kraftwerken durch einen deutlich geringeren Nutzungsgrad aus - entsprechend voluminös sind ihre "Einlaufbauwerke" und entsprechend hoch ist ihr Kühlwasserbedarf. Das Kühlwasserangebot aber wird in südlichen Lagen mit dem Klimawandel gerade im Sommer deutlich knapper; parallel wächst aufgrund der Klimatisierung der Spitzenlastbedarf in dieser Jahreszeit.

Will die Energiesystemwissenschaft der damit skizzierten adaptationspolitischen Herausforderung entsprechen, dann hat sie sich an die Arbeit zu machen. Zwei Aufgaben bzw. Arbeitsschritte zur Beantwortung der gestellten Frage sollen herausgegriffen und im Folgenden vertieft behandelt werden. Das ist erstens die Frage, auf welches Ausmaß von Klimawandel, der bereits gesetzt ist, wir uns einzurichten haben. Zweitens geht es darum, wie die Erhöhung der Häufigkeit und Extremheit von wetterbedingten Ereignissen so zu kalkulieren wäre, dass man sich darauf einrichten kann. Auf die Wechselwirkung mit den wesentlichen Mitigationsstrategien kann hier aus Platzgründen nicht detaillierter eingegangen werden. Jedoch soll wenigstens der folgende Hinweis gegeben werden, der beispielhaft zeigt, was die Auswirkungen sind bzw. wie immens sie sein können: Der Klimawandel bedeutet auch eine Veränderung der Windverhältnisse. Die Windgeschwindigkeit geht aber mit der dritten Potenz in den Stromertrag einer Windenergieanlage ein, womit die denkbaren Folgen evident sind.


Fußnoten

2.
Vgl. Joachim Nitsch/Manfred Fischedick, Die sanften Sieger: die Zukunft der regenerativen Energiewirtschaft, in: Politische Ökologie, 22 (2004) 87/88, S. 60 - 62.
3.
Vgl. Hans-Jochen Luhmann/Manfred Fischedick/Karl Otto Schallaböck, Vulnerability of the energy system in the age of man made global change, in: Geophysical research abstracts, 6 (2004); abrufbar unter www.cosis.net/abstracts/EGU04/07755/EGU04-J-07755 - 1.pdf.