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30.11.2018 | Von:
Christof Mauch

Deponierte Schätze. Archäologien des Mülls als Spiegel der Gesellschaft - Essay

Garbologie: Müllkippen als Fundgruben

Müll ist jedoch auch eine Quelle: In den verdichteten Schichten der Deponie finden Historikerinnen und Historiker ein Archiv, das Einsichten in Welten eröffnet, über die sich traditionelle Quellen ausschweigen. Die Spurensicherung im "Entsorgungspark", wie Deponien zuweilen euphemistisch genannt werden, muss Behinderungen nicht befürchten. Hier will niemand Gegenstände oder deren ehemalige Bedeutung zurechtrücken. Was in der Mülldeponie landet, hat neben seiner einstigen Deutung auch seinen Wert verloren. Die Müllhalde täuscht nichts vor. Sie will nichts anderes sein als ein Endlager und wird just dadurch zur Fundgrube par excellence.

Im privaten Abfalleimer lässt sich der Müll noch zuordnen. Wer ihn untersucht, erfährt etwas über den vorigen Besitzer oder kommt ihm gar auf die Schliche. Der legendäre Mafia-Boss Joe Bonanno aus Tucson etwa wurde durch den Müll, den er in der Tonne am Straßenrand hinterließ, überführt: Drei Jahre lang schnüffelten Polizeibeamte des Bundesstaats Arizona durch Bonannos Müll und fanden darin Beweismittel, die am Ende zur Verhaftung wegen illegalen Drogenhandels führten. Bonanno hatte die auf Sizilianisch verfassten Belege seiner Transaktionen zwar in kleinste Papierschnipsel zerrissen, aber den Forensikexperten der zuständigen Drogenbekämpfung und Spezialisten des FBI gelang es, die einzelnen Teile wieder zusammenfügen, zu entziffern und die codierte Sprache zu übersetzen. Bonnanos Müll enthielt wertvolle Informationen und brachte den Mafioso jahrelang hinter Gitter.[8]

Anders als der Müll im privaten Abfalleimer ist der Deponiemüll anonym. Über die vorigen Besitzer sagt er in aller Regel nichts mehr aus. Das Weggeworfene erscheint geradezu alltäglich und banal. Und doch ist es in hohem Maße aufschlussreich, enthüllend, ja verräterisch. Anfang der 1970er Jahre startete der Anthropologe William Rathje ein archäologisches Projekt, das im Laufe der Jahre unser Verständnis von Müll als etwas Banalem und Wertlosen von Grund auf verändern sollte.

Rathje hatte nach Untersuchungen im kleineren Stil im Bundesstaat Arizona bewusst die New Yorker Mülldeponie Fresh Kills ausgewählt. Fresh Kills ist nicht nur die voluminöseste Mülldeponie der Welt, sondern überhaupt die größte vom Menschen geschaffene Erdformation. Selbst vom Weltraum aus ist sie deutlich zu sehen. Rathje und sein Team machten sich systematisch an die Ausgrabung. "Es gab keine Leitfäden in Buchform", erklärte Wilson Hughes, Rathjes Grabungsleiter. "Wir benutzten die Methoden der Archäologie" und "entwickelten das, was heute Garbologie [Wissenschaft vom Abfall] heißt".[9] Ausgerüstet mit Stoffschürzen und Gummihandschuhen brachten Rathje, Hughes und deren Team Eimerladungen von Müll ans Tageslicht. Sie gruben Bohrlöcher und Schächte, maßen die Temperatur im Boden, entnahmen Proben aus verschiedenen Müllschichten und etikettierten ihre Funde. Sobald der Müll aus der Erde gehievt war, folgten Teams von Mikrobiologen und Ingenieuren. Sie luden die Proben in Behälter und versiegelten diese sauerstofffrei, sodass die anaeroben Bakterien überleben konnten. Den Biologen folgten technische Mitarbeiter und Studierende, die kleinere Müllproben durch ein Drahtsieb strichen und in Taschen, Kanister oder Gläser abfüllten, um die Substanzen später in Labors untersuchen zu lassen. In den trockenen Ausgrabungsschichten fanden sich bestens erhaltene Dokumente und Tageszeitungen, die eine genaue Datierung des Abfalls zuließen; und aus den feuchten Schichten wurden (oft schleimige) Flüssigkeiten präserviert, die die wissenschaftlichen Teams auf ihre Zusammensetzung hin untersuchten. Die unterschiedlichen Objekte und Substanzen, die bei grober Betrachtung trivial und wertlos erscheinen mochten – Hot Dogs und Medikamente, gemähter Rasen und Kondome, Brotreste und Bierflaschen –, erwiesen sich für die Archäologen als kostbare Fundsachen, die sich wie Teile eines Puzzlespiels zu einem immer größeren Ganzen zusammenfügten.

Was an Rathjes Projekt so neu war: Die Archäologen aus New York untersuchten Bierdosen nicht anders als klassische Archäologen minoische Vasen oder römischen Schmuck. Dieses Vorgehen ging von der Prämisse aus, dass moderne Artefakte, ebenso wie archaische, wichtige Informationen über technische Produktion, Konsumverhalten und Wegwerfpraktiken preisgeben, und dass es sich lohnt, Objekte zu beschreiben und zu klassifizieren. "Für einen Archäologen", schrieb Rathje, "gehören antike Müllgräben und Müllsenken, die sich in aller Regel in der Nähe von Ruinen befinden, zu den glücklichsten Funden überhaupt, weil sie angehäufte Artefakte, Nahrungsreste und andere Relikte enthalten, die Rückschlüsse auf das Verhalten derjenigen Menschen enthalten, die diese einst benutzt haben. Während jeder Archäologe davon träumt, spektakuläre Objekte zu finden, besteht die Brot-und-Butter-Arbeit des Archäologen darin, das absolut Banale und routinemäßig Weggeworfene zu untersuchen."[10] Dementsprechend forderte Rathje, man solle den zeitgenössischen Müll erforschen, gerade weil keine phantastischen, stattdessen aber repräsentative Funde zu erwarten seien.

Innerhalb der drei Jahrzehnte dauernden Laufzeit des Projekts identifizierte Rathje in Arizona und New York eine Fülle von Mustern, von denen einige nicht sonderlich überraschend waren – wie die rasante Zunahme von Plastikmüll –, andere aber brisante Entdeckungen zutage förderten. Hierzu gehörten etwa die Diskrepanzen zwischen behauptetem und realem Konsumverhalten. So erklärten Nachbarschaften durchweg, wesentlich gesünder zu leben, als es ihr Müll widerspiegelte: Denn grundsätzlich war der Anteil von Alkohol und Fertiggerichten signifikant höher, als Befragungen der gleichen Gruppen vermuten ließen. Es zeigte sich jedoch auch, dass Konsumenten auf alarmierende Nachrichten über gesundheitsschädliche Nahrungsmittel unmittelbar reagierten. Zum Beispiel hatten Berichte über den negativen Einfluss von tierischem Fett, die auf eine großangelegte Studie der National Academy of Science 1982 zurückgingen, zur Folge, dass innerhalb kürzester Zeit enorme Mengen von Fettabfällen auf den Müllhalden landeten.[11]

Ähnlich wie klassische Archäologen klassifizierten die Garbologen ihre Fundgegenstände. Sie fanden zum Beispiel heraus, dass Dosenringe sich, je nach Firmen- und Produktprovenienz, in Form und Farbe signifikant voneinander unterscheiden. Mit archäologischem Scharfsinn schlossen sie, dass Bewohner von Wohngebieten, in denen es zwar viele Dosenringe, aber kaum Blechdosen gibt, ihren blechernen Müll offensichtlich der Wiederverwertung zuführen. Mehr als 250.000 Tonnen Müll haben die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Rathjes "Garbage Project" im Laufe der Jahre ausgehoben und damit einschlägige Entdeckungen zu den Ess- und Trinkgewohnheiten, zum Gebrauch von Empfängnisverhütungsmitteln und zu unzähligen anderen Verhaltenskonventionen gemacht.[12]

Untersuchungen aus anderen Ländern sprechen ebenfalls Bände. In einer Studie von 1997 wurde etwa festgestellt, dass 68 Prozent des britischen Mülls kompostierbar und 60 Prozent recyclebar waren. Dennoch landeten 90 Prozent auf Deponien. Authentisch und nahezu ungebrochen, so lautete die Erkenntnis des Projekts, spiegelt Müll das tatsächliche Konsum- und Recyclingverhalten unserer Gesellschaft wider.[13]

Fußnoten

8.
Vgl. William Rathje/Cullen Murphy, Rubbish! The Archaeology of Garbage, Tucson 2001, S. 18f.; Paul L. Allen, Joe Bonanno: 1905–2002, in: Tucson Citizen, 13.5.2002.
9.
Zit. nach Jeff Harrison, William L. Rathje: 1945–2012, 5.6.2012, http://web.sbs.arizona.edu/college/news/william-l-rathje-1945–2012«.
10.
Rathje/Murphy (Anm. 8), S. 10.
11.
Vgl. ebd., S. 74f.
12.
Vgl. ebd., S. 6–14; Jeffrey Mervis, Working with Waste: World of Waste, in: Science 337/2012, S. 664–667; La Vergne Lehmann, The Garbage Project Revisited: From a 20th Century Archaeology of Food Waste to a Contemporary Study of Food Packaging Waste, in: Sustainability 7/2015, S. 6994–7010; Martin V. Melosi, Fresh Kills: The Making and Unmaking of a Wastescape, in: Christof Mauch (Hrsg.), Out of Sight, Out of Mind: The Politics and Culture of Waste, München 2016, S. 59–66.
13.
Vgl. Murray J. Gray, Environment, Policy and Municipal Waste Management in the UK, in: Transactions of the Institute of British Geographers 22/1997, S. 69–90, hier S. 70.
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