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2.7.2004 | Von:
Mona Granato
Karin Schittenhelm

Junge Frauen: Bessere Schulabschlüsse - aber weniger Chancen beim Übergang in die Berufsausbildung

Ausblick

Der erhebliche Rückgang des Angebots an betrieblichen Lehrstellen trifft besonders junge Frauen. Inwieweit dies durch die Einführung einer Ausbildungsplatzabgabe tatsächlich verändert werden kann, bleibt abzuwarten. Eine weitere Ausgrenzung junger Frauen aus dualer Ausbildung, die sich verschärft und über Jahre hinzieht, würde möglicherweise bildungspolitische Errungenschaften gefährden: Dies gilt insbesondere dann, wenn junge Frauen von qualifizierten Ausbildungsplätzen ausgeschlossen und der Anteil junger Frauen ohne anerkannten Berufsabschluss steigen sollte.

Doch eine alternde Gesellschaft, die bereits in den nächsten Jahren vor einschneidenden demografischen Veränderungen steht, kann es sich nicht leisten, auf das Qualifizierungs- und Nachwuchspotenzial junger Frauen zu verzichten. Umgekehrt gilt es bereits heute, ihre Kompetenzen und Profile auch in technisch orientierten Berufen stärker auszuschöpfen. Denn aufgrund der demografischen Entwicklung ist absehbar, dass Auszubildende und junge Fachkräfte in wenigen Jahren in Ostdeutschland und spätestens in zehn Jahren auch in Westdeutschland Mangelware sein werden. Das haben Wirtschaft und Politik im Prinzip erkannt. Mit dem Ziel, den Anteil junger Frauen in den IT-Berufen auf 40 Prozent im Jahr 2005 zu steigern, wurde eine facettenreiche Informationskampagne gestartet, um mehr junge Frauen für eine Ausbildung in einem informationstechnischen Beruf zu gewinnen. Solche Maßnahmen - wie auch der Girl`s Day - konzentrieren sich darauf, das Interesse junger Frauen an einem technisch orientierten Beruf u.a. in der IT-Branche zu wecken. Sie müssten jedoch deutlich stärker als bisher durch Aktivitäten flankiert werden, die darauf zielen, dass sich erstens junge Frauen auch tatsächlich für einen solchen Beruf entscheiden und zweitens, dass von jenen, die sich in einem technisch orientierten Beruf bewerben, deutlich mehr als bisher auch tatsächlich einen Ausbildungsplatz sowie die Aussicht auf eine qualifizierte Beschäftigung erhalten.

Im Hinblick auf das Ziel, junge Frauen für technische Berufe zu gewinnen, existiert eine Bandbreite von Möglichkeiten, wie beispielsweise Schnupperpraktika bei Betrieben, bessere Nutzung von Assessment-Verfahren (z.B. TASTE [26]), Ausweitung von Mentoring-Programmen auf die Zielgruppe junger Frauen etc. Diese sollten stärker als bisher genutzt bzw. gefördert werden.

Weiterhin geht es darum, in Betrieben und Verwaltungen bei der Einstellung in technisch orientierten Berufen stärker als bisher geschlechtersensible Auswahlverfahren zu nutzen. Einstellungstests wie betriebliche Auswahlverfahren sollten also darauf hin überprüft werden, inwieweit sie noch implizit oder explizit Elemente enthalten, die eine geschlechtsspezifische Auswahl bedingen. In diesem Zusammenhang ist auch darauf zu achten, dass junge Frauen nach Abschluss ihrer Ausbildung in einem technisch orientierten Beruf ebenso wie männliche Ausbildungsabsolventen von ihrem Ausbildungsbetrieb ein fachlich adäquates Übernahmeangebot erhalten.

Doch die geschlechtsspezifische Segmentierung trifft - wie die vorliegenden Analysen zeigen - nicht nur junge Frauen. Noch stärker als junge Frauen münden junge Männer in Berufe ein, in der vorwiegend junge Männer ausgebildet werden. Der Blick von Wissenschaft und Politik hat sich bislang zu sehr darauf konzentriert den Anteil junger Frauen in männerdominierten Bereichen zu erhöhen. Ergänzend hierzu sind Angebote notwendig, die das Berufswahlspektrum junger Männer ausweiten, um ihren Anteil in frauendominierten Berufen zu steigern. So gesehen sind die Qualifikationspotenziale junger Frauen wie Männer bislang noch nicht in voller Breite erschlossen. Wie es bei den Mädchen an weiblichen Vorbildern in technischen Berufen bzw. in Führungspositionen mangelt, so fehlt es den Jungen an männlichen Vorbildern in pflegenden, sozialen und ähnlichen von Frauen dominierten Bereichen. Eine Kampagne, die sich zum Ziel setzt, den Anteil junger Männer in diesen Bereichen zu erhöhen, könnte auch dazu beitragen, dass die Leistungen, die Frauen in den so genannten Frauenberufen erbringen, positiver bewertet und diese damit attraktiver würden.

Ob es darum geht, dass junge Männer stärker in so genannte Frauenberufe oder umgekehrt junge Frauen stärker in so genannte Männerberufe Eingang finden, die Signalwirkung, die von den Berufsbezeichnungen ausgeht und die bei Mädchen und Jungen unterschiedliche Assoziationen hervorrufen, sollte stärker berücksichtigt werden. Daher gilt es bei der Schaffung neuer Berufe bzw. bei Neuordnungen Berufsbezeichnungen zukünftig so einzusetzen, dass sie insbesondere auf die Zielgruppe attraktiv wirken, die damit stärker als bisher angesprochen werden soll, also Mädchen für technische und Jungen für soziale und pflegerische Berufe.


Fußnoten

26.
Dieses Assessment-Verfahren ermöglicht es Mädchen, die eigenen Fähigkeiten, gerade im naturwissenschaftlich-technischen Bereich, besser kennen- und einschätzen zu lernen (www.taste-for-girls.de).