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Bayern-Fahne mit blau-weißen Rauten

14.12.2018 | Von:
Simone Egger

Bayerische Bildwelten. Landschaft, Folklore, Politik

Traditionen

Für die Produktion und Rezeption bayerischer Bildwelten war und ist München der Motor. Von der bayerischen Landeshauptstadt aus, in der heute vieles unveränderbar wirkt, ist spätestens seit dem 19. Jahrhundert alles dafür getan worden, dass es bestimmte Ansichten überhaupt gibt. Gerade am Beispiel "des Bayerischen" lässt sich daher beobachten, wie nicht nur agrarisch geprägte Lebenswelten, über einen langen Zeitraum erprobte Kulturtechniken und Einflüsse einer Modernisierung fließend ineinander übergehen, wie Images aus einer identitätspolitischen Motivation heraus geschaffen oder als Verkaufsstrategie bewusst gesetzt werden und damit weitaus beweglicher sind als sie vermeintlich erscheinen, wenn von Traditionen die Rede ist.

Bayerisches Bier, seit 1516 nach dem bayerischen Reinheitsgebot gebraut, konnte mit der Erfindung des Kühlschranks durch den Ingenieur Carl von Linde 1876 von München aus in alle Welt exportiert werden.[12] Eine Voraussetzung für diese Expansion war der Ausbau des Eisenbahnnetzes seit den 1840er Jahren. Verantwortlich dafür zeichneten jeweils die Wittelsbacher. Mit der Erlangung der Königswürde 1806 lag es schließlich an Max I. Joseph und seinen Ministern, die neu hinzugekommenen Landesteile Schwaben, Franken und die Pfalz mit Altbayern zu einen. Bilder waren gefragt und ebenso Bezüge, die der Bevölkerung die Idee der bayerischen Nation näherbrachten.[13]

Die zentrale Schnittstelle dieser imaginierten Gemeinschaft war das Oktoberfest, das die Regenten bewusst zur Einheitsstiftung ins Leben riefen. Schon anlässlich der ersten Feierlichkeiten zur Hochzeit von Kronprinz Ludwig und Prinzessin Therese 1810 wurden Kinderpaare in Trachten inszeniert, die dem Brautpaar in aller Öffentlichkeit huldigten. Allgemein sichtbar standen sie allegorisch für die Regionen des Königreiches, zusätzlich ergänzt durch ein Pärchen in Altwittelsbacher Tracht, die es vor der Zurschaustellung nicht gegeben hatte.[14]

Die im Laufe des 19. Jahrhunderts fortschreitende Industrialisierung und das stetige Bevölkerungswachstum sowie die damit einhergehenden gravierenden Veränderungen in Wirtschaft und Gesellschaft erforderten zunehmende Mobilität von Arbeitssuchenden in ganz Europa. In Bayern waren es Städte wie München oder Nürnberg, die eine große Sogwirkung entfalteten und durch den Zuzug der Landbevölkerung im ausgehenden 19. Jahrhundert zu Großstädten wurden. Nicht nur in der Kunst wurde analog das Ländliche zur vollkommenen Lebenswelt erhoben. Vorstellungen von Schönheit und Natur verschmolzen zu einer Heimatästhetik. Die Probleme, die es in abgelegenen Dörfern und auf kleinen Bauernhöfen mit wenig Auskommen und vielen Kindern gab, die Armut, mit der viele Menschen gerade auch in Bayern kämpfen mussten, hatten an diesem Sehnsuchtsort keinen Platz. Bayern entwickelte sich zu einem Klischee, das Arbeiterinnen und Arbeiter, wie sie tausendfach aus ländlichen Regionen in die Vorstädte kamen, über schwierige Lebensumstände hinwegtrösten konnte und die schwärmerische Idee von einem guten und beschaulichen Leben auch in bürgerliche Stuben brachte.

Inzwischen ist das Bild vom Bayern in Lederhosen seit etwa 150 Jahren weltweit bekannt und hat sich in dieser Zeit wenig verändert. Dazu beigetragen haben nicht nur Musikgruppen aus Bayern und Tirol, die in den USA auf Tournee waren und sich entsprechend kleideten. Auch Hunderttausende Auswandererinnen und Auswanderer transportierten "das Bayerische" über den Atlantik. In New York City entstanden Vereine mit klingenden Namen wie "Edelweiß" oder "Enzian" und prägten ihrerseits Vorstellungen von einer bayerisch-alpinen "Volkskultur".[15]

Innovationen

Seit dem Jahr 2000 ist nun eine besondere Entwicklung in München, in Bayern und im weiteren Verlauf auch darüber hinaus zu beobachten: Das vor allem im Ausland verbreitete Stereotyp der Trachten tragenden Bayerinnen und Bayern gewinnt an Realität, indem immer mehr Menschen in Stadt und Region im großen Stil damit begonnen haben, sich in Dirndl und Lederhosen zu kleiden. Tracht und Trachtenmode ist in und um München noch nie so beliebt gewesen wie zu Beginn des 21. Jahrhunderts

In den 1990er Jahren war nicht abzusehen, dass Trachten einmal in irgendeiner Weise mit der Bezeichnung "cool" in Verbindung gebracht werden würden. Mit den veränderten Bedingungen der Zeit, der Popularität der Stadt, einem gesteigerten lokalen Ethos, einer sich kulturell ausdifferenzierenden Generationenfolge, hat sich aus spielerischen Anfängen ein Trend entwickelt, der dem Zeitgeist entspricht und sich quer durch Milieus und Generationen zieht.

Mit dem Historiker Eric Hobsbawm gesprochen, handelt es sich bei dem viel zitierten "Phänomen Wiesntracht" um ein klassisches Beispiel für die "Erfindung einer Tradition".[16] Ausgehend von einem weiten Kulturbegriff, ist alles Handeln, ist jede Form, jeder alltägliche Gegenstand, jede künstlerische Äußerung von Menschen selbst erdacht, mit Bedeutungen belegt und vor allem bewusst oder unbewusst hervorgebracht. In diesem Sinne hat jede Tradition etwas immanent Prozesshaftes, das in der Regel aber hinter der festschreibenden Facette des Begriffs verschwindet, die analog mit dem Konzept der Überlieferung verbunden ist.

Andreas Reckwitz betont, dass der Verweis auf die kulturelle Praxis des Herstellens und die Auseinandersetzung mit jeder Art von "Mystifizierungen" nicht meint, dass die konstruierte Wirklichkeit keine Relevanz für die soziale Realität hat.[17] Vielmehr geht es darum, den Blick zu schärfen und populäre Erscheinungsformen mit der Analyse quellenkritisch zu erfassen.

Ein Beispiel aus der zeitgenössischen Kostümgeschichte des Landes macht diese Ambivalenz sichtbar: "Zu guter Letzt noch ein kleiner Tipp für alle Frauen, die zur Wiesn ein Dirndl tragen: Beim Knoten der Schürze ist es nicht einerlei, ob Sie auf der linken oder rechten Seite zusammenbinden! Tragen Sie den Knoten auf der rechten Seite, so bedeutet dies, dass Sie nicht mehr zu haben bzw. verheiratet sind. Ein Knoten auf der linken Seite hingegen signalisiert: ‚Ich bin noch frei.‘"[18] Dieser Ratschlag ist dem Internetauftritt des Münchner Oktoberfests entnommen. Vom "richtigen" beziehungsweise "falschen" Binden der Schleife ist in Fernsehbeiträgen und Zeitungsberichten, auf Postkarten oder in Reiseführern immer wieder die Rede. Auch Verkäuferinnen im Trachtenhandel wissen um die Bedeutung der Knoten, und während der Anprobe erfährt die geneigte Kundin von der "Tradition", die das Kleid in vermeintlich authentischer Weise mit der Geschichte der Region verknüpft. Die Anmerkung adelt die Massenware, nicht nachzuvollziehen ist jedoch, woher das Motiv der Dirndlschleife eigentlich stammt. Im Bereich der historischen Trachten wurde in Material und Auszier oder durch die Farbigkeit zwischen verheirateten und ledigen Frauen unterschieden. Dass es sich beim Knoten der Schürze tatsächlich um eine Tradition handelt, ist eher eine moderne Idee, eine urban legend, die sich in den vergangen 15 Jahren in München etabliert hat und gegenwärtig weit über Bayern hinaus Bedeutsamkeit erfährt.[19]

Fußnoten

12.
Vgl. Rainhard Riepertinger et al., Bier in Bayern, Augsburg 2016.
13.
Vgl. Sabine Sünwoldt, 1810: Ein Hochzeitsfest für die Nation, in: Münchner Stadtmuseum (Hrsg.), Das Oktoberfest. Einhundertfünfundsiebzig Jahre bayerischer National-Rausch, München 1985, S. 19ff., hier S. 21.
14.
Vgl. Landeshauptstadt München (Hrsg.), 175 Jahre Oktoberfest. 1810–1985, München 1985.
15.
Vgl. Sandra Hupfauf, "Und es reicht die threie Hand gern die Jungfrau einen Sieger", in: dies. et al. (Hrsg.), Liedgeschichten, Innsbruck 2014, S. 273–290.
16.
Eric Hobsbawm, Introduction, in: ders./Terence Ranger (Hrsg.), The Invention of Tradition, Cambridge 1985, S. 1–14.
17.
Vgl. Reckwitz (Anm. 4).
18.
Tracht: Dirndl, Lederhosen, Mode auf der Wiesn, o.D., http://www.muenchen.de/Tourismus/Oktoberfest/Schmankerl/131820/04kleidung.html«.
19.
Vgl. Egger (Anm. 11).
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Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Simone Egger für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

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