Eisbahn in der ehemaligen Zeche Zollverein in Essen

4.1.2019 | Von:
Stefan Berger

Was ist das Ruhrgebiet? Eine historische Standortbestimmung

Als im Jahr 2010 Essen für das Ruhrgebiet Kulturhauptstadt Europas war, schrieb der Autor und Kabarettist Frank Goosen in der "Zeit": "Herzlich willkommen, Europa! Wir im Ruhrgebiet sind vorbereitet, und wenn nicht, dann wird improvisiert. Kulturhauptstadt. Schöne Sache. Wissen Sie, was Sie erwartet? Macht nichts, wir sind uns auch nicht ganz sicher. Damit Sie aber nicht so völlig ahnungslos hierherkommen, wollen wir mal vorab ein paar Dinge erklären und klarstellen. Wir Einheimischen stehen bisweilen auf unseren Eisenbahnbrücken, schauen auf die halbherzigen Skylines unserer zusammenwuchernden Gemeinden und denken: Boah! Schön is dat nich.Wir im Ruhrgebiet laden Auswärtige gern ein, zu uns zu kommen, um ihren Begriff von Schönheit zu erweitern. Eine mittelalterliche Garnisonsstadt mit Stadtmauer, Fachwerkhäusern und Fürstenresidenzen schön finden, das kann jeder. Aber auf dem Gasometer in Oberhausen stehen, sich umgucken und sagen: Wat ’ne geile Gegend!, das muss man wollen."[1]

Goosens trockener, selbstironischer Humor gilt als typisch für das Ruhrgebiet. In seinen Romanen und Comedy-Shows lässt er keinen Zweifel daran, dass er das Ruhrgebiet liebt – trotz alledem und wegen alledem. In seinem Kultsong "Bochum" singt eine weitere Ikone des Ruhrgebiets, Herbert Grönemeyer: "Du bist keine Schönheit/Von Arbeit ganz grau/Du liebst Dich ohne Schminke/Bist ’ne ehrliche Haut." Bei Goosen wie bei Grönemeyer ist das Ruhrgebiet geprägt vom Industriezeitalter – Grönemeyer spricht vom "Pulsschlag aus Stahl". Es ist gezeichnet von der Geschichte der Schwerindustrie, die die Landschaft in der Region, die man heute Ruhrgebiet nennt, grundlegend verändern sollte. Auch in seinen weitgehend postindustriellen Landschaften bleibt die Region über die in ihr so reichhaltig erhaltene Industriekultur in ihren Erinnerungshorizonten dieser Zeitschicht seiner Entwicklung verhaftet.[2]

Dabei gibt es im Ruhrgebiet durchaus eine weiter zurückreichende Geschichte. Die Hellwegstädte[3] der Region, Duisburg, Essen, Bochum und Dortmund, waren allesamt Hansestädte; ihre Geschichte beginnt bereits im frühen Mittelalter. Doch diese wird in aller Regel mit der Geschichte eben dieser Städte, nicht mit der Geschichte des Ruhrgebiets verbunden. Sie ist Geschichte im Ruhrgebiet, aber nicht Geschichte des Ruhrgebiets. Letztere beginnt mit der Industrialisierung, als die reichen Steinkohlevorkommen der Region eine Ansiedlung von Eisen- und Stahlindustrie nach sich ziehen und die Grundlage legen für den wichtigsten schwerindustriellen Ballungsraum Deutschlands und einen der wichtigsten Europas. Im Folgenden werde ich das historische Gewordensein dieser Region von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis zur Gegenwart Revue passieren lassen, um abschließend die Frage zu diskutieren, welche Zukunft sie wohl im 21. Jahrhundert haben wird.

Der "rheinisch-westfälische Kohlenbezirk" in der Industrialisierungsgeschichte des langen 19. Jahrhunderts

In den südlichen Regionen des Ruhrgebiets, im Ruhrtal, kam die Kohle fast bis an die Oberfläche, und hier konnte man bereits vor dem 19. Jahrhundert Kohle gewinnen. Lange Zeit gab es aber keinen rechten Bedarf für das "schwarze Gold", denn als Heiz- und Brennstoff konnte man sich des reichlich vorhandenen Holzes bedienen. Erst als im Zuge der Industrialisierung die Kohle zur Energieerzeugung unbedingt benötigt wurde, bekam sie ihren unermesslichen Wert als zentrale Antriebskraft der Industriellen Revolution. Die Dampfmaschine machte es möglich, die Mergeldecke zu durchbrechen und in tiefere Erdregionen vorzudringen, um Kohle zu fördern. In der zweiten Jahrhunderthälfte entwickelte sich der Steinkohlenbergbau in der Region rasend schnell. 1845 wurden gut eine Million Tonnen Steinkohle gefördert; 1914 waren es über hundert Millionen Tonnen. Die Ansiedlung einer Eisen- und Stahlindustrie nach 1850 machte die Region zu einem Pionier der Industrialisierung in den deutschen Landen und zum Motor des Aufstiegs des Deutschen Reiches nach 1871 zur wichtigsten Industrienation Europas, die kurz vor dem Ersten Weltkrieg sogar das Mutterland der Industriellen Revolution, Großbritannien, als Wirtschaftsmacht überholte.[4]

Die Bedeutung der Kohle für die Region macht sich auch im Namen bemerkbar, der sich für die Region in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zunehmend einbürgerte. Sie wurde am häufigsten als "rheinisch-westfälischer Kohlenbezirk" bezeichnet. Besonders die nördlichen Teile des Ruhrgebiets an Lippe und Emscher entwickelten sich nach 1860 von ländlichen, landwirtschaftlich geprägten Regionen zu Industriedörfern, die innerhalb von 20 Jahren von hundert auf hunderttausend Einwohner wuchsen. Die entstehende Industriegesellschaft war eine Migrationsgesellschaft, die Zehntausende von Migranten aus allen Teilen des Deutschen Reiches anzog, insbesondere polnischsprachige Migranten aus den Ostprovinzen des Reiches, die im Ruhrgebiet ihr eigenes Milieu bildeten. Einige Zechen waren bald als "Polenzechen" bekannt. Die polnischsprechenden Bergarbeiter verlangten, sofern sie Katholiken waren, Gottesdienste in ihrer eigenen Sprache, und sie gründeten eigene Gewerkschaften, eigene Sportvereine, eigene Sparkassen und eigene soziale Netzwerke, die sich von ihrer deutschsprachigen Umgebung absetzten. Die Diskriminierung der polnischsprachigen Bevölkerung und Versuche im Kaiserreich, sie zu "germanisieren", stärkten nur ihren Widerstand und die nationalpolnische Agitation unter ihnen.[5]

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts schien vielen Beobachtern die Region durch eine überbordende Proletarität gekennzeichnet, die Vertretern bürgerlicher Schichten durchaus bedrohlich erschien. Bald hatte das Revier einen Ruf als der "wilde Westen" des Kaiserreichs, in dem bürgerliche moralische Werte nicht galten und ein oftmals von Alkohol, Prostitution and anderen Lastern geprägter Alltag herrschte. Aber das Ruhrgebiet war nicht nur in moralischer Hinsicht ein Schreckgespenst des deutschen Bürgertums. Es wurde auch politisch als Hort von Unruhe und potenziellem Umstürzlertum gesehen. Bereits 1889 erschütterte ein bis dahin in dieser Größe noch nicht gekannter Bergarbeiterstreik das Revier. Auch wenn die meisten Forderungen der Bergarbeiter, trotz Einmischung des jungen Kaisers, Wilhelm II., von den selbstherrlichen Unternehmern nicht erfüllt wurden, gründete sich infolge des Streiks doch eine dauerhafte Gewerkschaft, der sozialdemokratische Alte Verband, der nach 1889 die Interessen der Bergarbeiter vertrat – gegenüber renitenten Unternehmern, die einer Ideologie des "Herr-im-Hause"-Standpunkts huldigten. In weiteren großen Streikwellen 1905 und 1912 forderten die Bergarbeiter die Anerkennung ihrer Gewerkschaften, höhere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen. Dabei waren sich die Proletarier der Region durchaus nicht einig in ihrer sozialen Position als Arbeiter. Sie waren ethnisch, religiös und politisch gespalten. Am wichtigsten in der Region waren die christlichen Gewerkschaften, die die katholischen Arbeiter mobilisierten. Politisch unterstützten sie die Zentrumspartei. Erst mit einigem Abstand kamen die sozialdemokratischen Arbeiter, die den Kirchen eher skeptisch gegenüberstanden. Die polnischsprachigen Arbeiter hatten, wie bereits angedeutet, ihre eigenen Gewerkschaften und ihr eigenes Milieu.[6]

Fußnoten

1.
Frank Goosen, "Ey, Kundschaft", 7.1.2010, http://www.zeit.de/2010/02/Ruhrgebiet«.
2.
Dies ist auch das Hauptergebnis einer breit angelegten Studie zu den Erinnerungsräumen im Ruhrgebiet, deren Ergebnisse veröffentlicht werden in Stefan Berger et al. (Hrsg.), Zeit-Räume Ruhr. Die Erinnerungsorte des Ruhrgebiets, Essen 2019 (i.E.).
3.
Der Hellweg war eine wichtige mittelalterliche Heer- und Handelsstraße.
4.
Vgl. Franz-J. Brüggemeier, Grubengold. Das Zeitalter der Kohle von 1750 bis heute, München 2018.
5.
Vgl. Christoph Kleßmann, Polnische Bergarbeiter im Ruhrgebiet, 1870–1945: Soziale Integration und nationale Subkultur einer Minderheit in der deutschen Industriegesellschaft, Göttingen 1978.
6.
Zu Geschichte und Entwicklung des Ruhrgebiets allgemein siehe Wolfgang Köllmann et al. (Hrsg.), Das Ruhrgebiet im Industriezeitalter, 2 Bde., Düsseldorf 1990.
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