Eisbahn in der ehemaligen Zeche Zollverein in Essen

4.1.2019 | Von:
Stefan Berger

Was ist das Ruhrgebiet? Eine historische Standortbestimmung

Die Erfindung des Ruhrgebiets in der Zwischenkriegszeit

War vor dem Ersten Weltkrieg das Ruhrgebiet (schwer)industrielle Herzkammer des Deutschen Reichs, das so manchem braven Bürger ein Schaudern abverlangte, so wurde das Ruhrgebiet nach dem verlorenen Weltkrieg und der Revolution von 1918/19 auch politisch immer bedeutender. Gegen den antirepublikanischen Kapp-Lüttwitz-Putsch von rechts formierte sich 1920 im Ruhrgebiet eine Rote Ruhrarmee, die für einige Wochen die Region weitgehend kontrollierte, bevor sie von rechtsgerichteten Freikorps und regulären Armeeeinheiten im Auftrag der Reichsregierung militärisch besiegt wurde. Die Rote Ruhrarmee stand für das revolutionäre Ruhrgebiet der Arbeiter – immerhin wurde die Region in der Weimarer Republik zu einer Hochburg der Anarchosyndikalisten (in dem kurzen Zeitraum zwischen 1920 und 1922) und der Kommunisten, auch wenn während der gesamten Weimarer Zeit das Zentrum die stärkste Partei im Ruhrgebiet blieb. Ihr gaben die meisten katholischen Arbeiter ihre Stimme.

1920 war nicht nur das Jahr der Roten Ruhrarmee, sondern auch das Jahr der Gründung des Siedlungsverbands Ruhrgebiet (SVR), der ins Leben gerufen wurde, um die Reparationsforderungen der Alliierten über eine Steigerung der Kohleproduktion besser erfüllen zu können. Da zu diesem Zweck weitere 600.000 Menschen im Ruhrgebiet beheimatet werden sollten, bedurfte es eines zentralen administrativen Koordinationsapparates. Bereits vor dem Ersten Weltkrieg hatte es erste Ansätze zu solch überkommunaler, regionaler Koordination gegeben, vor allem bei der Wasserhaltung. Die Emschergenossenschaft, 1889 gegründet, sollte für Unternehmen und Kommunen die Abwasserregelungen im Emschergebiet kontrollieren, um der Entstehung von Seuchen entgegenzuwirken.Wie wichtig das war, zeigte die Typhusepidemie in Gelsenkirchen 1901. Nach 1901 stellte die Emschergenossenschaft Pläne zur Abwasserreinigung im Emschergebiet auf.

In der Zwischenkriegszeit kamen einige der innovativsten und interessantesten Ideen zur Stadtplanung aus dem Ruhrgebiet. Stadtplaner wie Robert Schmidt gelten heute als Pioniere einer modernen Regionalplanung. Mit dem SVR als eigene regionale Administration war die Region auch zum ersten Mal territorial definiert. Denn wo genau das Ruhrgebiet begann und wo es endete, war von Anbeginn bis heute durchaus umstritten. Welche Stadt und welche Gemeinde gehört noch dazu, welche nicht? In der Zuständigkeit des SVR und seiner Nachfolgeorganisationen bestand und besteht bis heute die Möglichkeit, das Ruhrgebiet territorial abzugrenzen, auch wenn sich dadurch eine gewisse Unschärfe der territorialen Zugehörigkeiten nicht gänzlich vermeiden lässt.

1923 rückte das Ruhrgebiet erneut ins Blickfeld der Nation, als französische und belgische Truppen die Region besetzten, um die stockenden Reparationen des Reiches über eine direkte Kontrolle der Kohleförderung zu kompensieren.[7] Der vom Reich ausgerufene und finanzierte passive Widerstand in der Region heizte die Inflation an, aber seine weitgehende Befolgung machte die Region zum Hort des nationalen Widerstandes gegen die alliierten Sieger des Ersten Weltkriegs und ihr verhasstes "Friedensdiktat". Neben die wirtschaftliche Bedeutung der Region trat nun eine politische, die die Konturen der Region in der nationalen Wahrnehmung schärfte. Sie trat nun zunehmend unter dem Namen "Ruhrgebiet" auf.

In der zweiten Hälfte der 1920er Jahre gab es bedeutende Sozialreportagen, die eine Art von Entdeckungsreisen in einen im übrigen Deutschland wenig bekannten industriellen Raum darstellten. Heinrich Hausers mit zahlreichen Fotografien versehene Ruhrgebietsreportage "Schwarzes Revier", 1928 entstanden, zeichnete eine Region, die in ihrem städtischen Alltagsleben ganz von der Schwerindustrie beherrscht war.[8] Erik Regers Romane und Erich Grisars Fotografien waren ebenfalls auf je unterschiedliche Weise darum bemüht, das Arbeiterleben in der Region zu dokumentieren.[9]

Für die Nationalsozialisten war das Ruhrgebiet eher feindliches Terrain. Hier hatten diejenigen Milieus das Sagen, die sich den braunen Horden gegenüber am resistentesten zeigten – das katholische, sozialdemokratische und kommunistische Arbeitermilieu. Nach 1933 unterdrückten die Nationalsozialisten brutal diejenigen, die sich ihnen in den Weg gestellt hatten. Viele Arbeiterführer kamen entweder in den Konzentrationslagern um, oder sie wurden gefoltert und gedemütigt und mussten Deutschland verlassen. Aber die Nationalsozialisten bemühten sich auch, die Arbeiter mit positiven Angeboten für sich zu gewinnen. "Ehre der Arbeit" und "Schönheit der Arbeit" wurden gepriesen, die "Kraft durch Freude"-Gemeinschaft machte Freizeitangebote für junge Arbeiter, all dies gepaart mit den Versprechungen eines rassistischen Sozialstaates. Sie blieben zwar zu einem Gutteil ideologisches Blendwerk, aber sie waren für manche Arbeiter auch Verlockungen und Versprechungen auf eine bessere Zukunft. Im Zweiten Weltkrieg, als auch im Ruhrgebiet ein Heer von Zwangsarbeitern die Rüstungs- und Schwerindustrie am Laufen hielt, konnten viele deutsche Arbeiter einen sozialen Aufstieg verbuchen, der sie zutiefst in die rassistische und unmenschliche nazistische Diktatur verwickelte.[10]

Auferstanden aus Ruinen – das Ruhrgebiet im Wirtschaftswunder und die europäische Einigung

Nach 1945 wollte daran niemand mehr erinnert werden. Es fiel leicht, die Erinnerung an die eigene Verstricktheit in das nationalsozialistische Unrechtsregime abzustreifen, konnte man sich doch als Opfer der Nationalsozialisten und des Krieges neu erfinden. War das Ruhrgebiet, wie andere deutsche Städte, nicht weitgehend unter dem Bombenhagel der alliierten Kriegsgegner in Schutt und Asche versunken? Hatte man nicht zahlreiche Familienangehörige im Krieg verloren? Waren nicht Millionen Deutsche am Ende des Krieges aus Ostmitteleuropa vertrieben worden und mussten nun mühsam in westdeutschen Regionen, wie dem Ruhrgebiet, integriert werden? Hatte sich nicht der sowjetische "Untermensch" bei seinem Vormarsch in Deutschland bestialisch und barbarisch ausgelebt? War die nationalsozialistische Ideologie nicht zumindest im Hinblick auf den sowjetischen Kommunismus gerechtfertigt? Wie sich deutsche Soldaten in Russland verhalten hatten, danach wurde ebensowenig gefragt wie nach den Millionen und Abermillionen toten russischen Zivilisten im Zweiten Weltkrieg.

Im Ruhrgebiet, wie andernorts in Deutschland, konzentrierte man sich auf den Wiederaufbau. Mit alliierter Hilfe wurde das Ruhrgebiet bald zum Zentrum des bundesrepublikanischen "Wirtschaftswunders". Mit der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl, dem Vorläufer der Europäischen Union, avancierte die Region auch zum Schrittmacher der europäischen Einigung in der zweiten Jahrhunderthälfte. Wie bereits um 1900 wurde das Ruhrgebiet erneut zum Synonym einer Migrationsgesellschaft. Zunächst wurden viele der Flüchtlinge und Vertriebenen aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten integriert, danach kamen viele Wirtschaftsflüchtlinge aus der DDR und schließlich viele "Gastarbeiter" aus Südeuropa und der Türkei. Bei allen Gruppen gab es zunächst große Probleme mit dem Zusammenleben – ähnlich wie bei den Ruhrpolen um 1900 –, aber dennoch entwickelte sich insgesamt über eine lange Zeit ein Mit- und Nebeneinander, das die multikulturelle Gesellschaft des Ruhrgebiets bis heute prägt und auch zu einer Kultur des "Leben und leben lassen" beigetragen hat, die die Menschen in der Region bis heute kennzeichnet.[11] Im Steinkohlenbergbau und in der Stahlindustrie verdienten weitgehend männliche Arbeiter gutes Geld, das den Arbeiterfamilien in den 1950er Jahren eine Teilnahme an den Segnungen des wirtschaftlichen Booms erlaubte – das erste Auto, die erste Fernreise, die erste Waschmaschine, der erste Fernseher, eine verbesserte Ernährung. Es ging materiell mit dem proletarischen Milieu der Region durchaus bergauf.

Die nach 1945 neu gegründeten Einheitsgewerkschaften waren im Ruhrgebiet stark – besonders die Gewerkschaft der Bergarbeiter. Ihr Organisationsgrad lag bei über 90 Prozent, da das Formular für die Mitgliedschaft de facto häufig mit der Einstellung unterzeichnet wurde. Aber auch die IG Metall verzeichnete im Ruhrgebiet hohe Mitgliedszahlen. Politisch zeichnete sich nach dem Zweiten Weltkrieg ein Wandel im Ruhrgebiet ab. War die Region noch in der Weimarer Republik mitnichten eine Hochburg der Sozialdemokratie, gelang es der SPD nach 1949 zur klassischen "Kümmererpartei" vor Ort zu werden. "Geh mal zu Hermann [dem lokalen Parteisekretär], der macht das schon", wurde zum geflügelten Wort in der Region, und die starken Einheitsgewerkschaften, die eng mit der Sozialdemokratie verbündet waren, taten das ihrige, um ihre Mitglieder auf die SPD zu norden. So wurden im Verlauf der 1950er und 1960er Jahre die meisten Städte und Kommunen sozialdemokratisch, und die Region trug zur Formierung der ersten sozialdemokratisch geführten Landesregierung unter Fritz Steinhoff im Jahre 1956 bei. Zwischen 1966 und 2005 stellte die SPD kontinuierlich die Ministerpräsidenten in Düsseldorf. Daran hatte das Ruhrgebiet einen wichtigen Anteil.[12]

Fußnoten

7.
Vgl. Conan Fischer, The Ruhr Crisis, 1923–1924, Oxford 2003.
8.
Vgl. Heinrich Hauser, Schwarzes Revier, hrsg. von Barbara Weidle, Bonn 2010.
9.
Vgl. Matthias Uecker, Der Publizist als Romancier. Erik Regers Ruhrgebiets-Romane, in: Konrad Ehlich/Wilhelm Elmer/Rainer Noltenius (Hrsg.), Sprache und Literatur an der Ruhr, Essen 19972, S. 167–182; Erich Grisar. Ruhrgebietsfotografien 1928–1933, hrsg. von Heinrich Theodor Grütter et al., Essen 2016.
10.
Vgl. Hans-Christoph Seidel, Der Ruhrbergbau im Zweiten Weltkrieg: Zechen, Bergarbeiter, Zwangsarbeiter, Essen 2010; siehe auch Michael Schneider, Unterm Hakenkreuz. Arbeiter und Arbeiterbewegung 1933–1939, Bonn 1999; ders., In der Kriegsgesellschaft. Arbeiter und Arbeiterbewegung 1939–1945, Bonn 2014.
11.
Vgl. Hans-Christoph Seidel, Die Bergbaugewerkschaft und die "Gastarbeiter". Ausländerpolitik im Ruhrbergbau vom Ende der 1950er bis in die 1980er Jahre, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 1/2014, S. 35–68.
12.
Vgl. Jürgen Mittag/Klaus Tenfelde (Hrsg.), Versöhnen statt Spalten. Johannes Rau: Sozialdemokratie, Landespolitik und Zeitgeschichte, Oberhausen 2007.
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