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4.5.2004 | Von:
David Witzthum

Die israelisch-
palästinensische Konfrontation und ihre Widerspiegelung in der öffentlichen Meinung Israels

Der Konflikt und die Stärke der Gesellschaft: Israel und Palästina

Angesichts dieser Situation irren meiner Ansicht nach jene, die meinen, die beiden Seiten seien des Kampfes müde. Sämtliche Umfragen der letzten Jahre zeigen zwar eine stark wachsende Bereitschaft in Israel, bis zur Aufgabe von Gebieten wie dem Gaza-Streifen und wenigstens einem Teil der Westbank zu gehen sowie einer Evakuierung von Siedlungen zuzustimmen. Manch einer in Israel sieht darin eine "Kapitulation vor dem Terror" oder eine Schwächung der Gesellschaft. Andere Studien zeigen jedoch, dass das Bild weitaus komplizierter ist. Bei Israelis wie Palästinensern sind Solidarität und sogar Entschlossenheit im Kampf zu einer nicht unbedeutenden öffentlichen, psychologischen Kraft geworden. In Bezug auf die israelische Gesellschaft stellt einer ihrer kritischsten Soziologen fest, dass Israel trotz eines "vielschichtigen Kulturkampfs" und einer Institutionalisierung der gesellschaftlichen und kulturellen Verschiedenheit ein "kräftiger, starker Staat" sei, nicht nur in militärischer Hinsicht, sondern auch bezüglich seiner gesellschaftlichen, politischen und ökonomischen Fähigkeiten.[2] Diese Stärke hindert Israelis und Palästinenser allerdings nicht daran, neben dem täglichen rhetorischen und gewalttätigen Kampf auch auf dem Gebiet von Ideen und Gruppenidentität um die Rolle des "Opfers" in dem Konflikt oder um das "Rechthaben" in der Konfrontation zu konkurrieren.

Ein zusätzlicher, längerfristiger Einflussfaktor in der Auseinandersetzung kann in der Korrumpierung der Stellung politischer Ideologien und der politischen Lager in Israel gefunden werden: Die traditionelle Rechte hat sich in Richtung Mitte bewegt, und die Unterstützung für religiös-messianische Parteien ist geschrumpft. Der linke, sozialistische Flügel in Israel ist hingegen verschwunden. Die Merez-Partei (seit April 2004 "Jachad") samt den Bewegungen der Linken konzentriert sich auf die Probleme des Palästinenserkonflikts, und die kommunistische Partei Israels, die in der Vergangenheit Juden und Araber vereinte, hat sich praktisch zu einem Flügel der arabisch-palästinensischen nationalen Bewegung verwandelt. Statt über Fragen der Ideologie streiten Falken und Tauben heute um Fragen der "Sicherheit". So erklärt Schlomo Avinery[3] die Kontinuitäten zwischen einem Scharon-Plan dieser Tage und dem Anfang des Weges durch Jitzhak Rabin. Beide Politiker kommen aus dem Bereich der Sicherheitspolitik, agieren aus Sicherheitserwägungen unter einer gegebenen Wirklichkeit und nicht wie Idealisten, die der Realität eine Idee oder Ideologie gegenüberstellen.


Fußnoten

2.
Vgl. Baruch Kimmerling, Mehagrim, mitjaschvim, jelidim (Immigrants, Settlers, Natives), Tel Aviv 2004, S. 498 - 500.
3.
In einem Interview mit dem Verfasser des Artikels auf Kanal 1 des israelischen Fernsehens am 10. 2. 2004.