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30.4.2004 | Von:
Elisabeth Schlemmer

Familienbiografien und Schulerfolg von Kindern

Schulerfolg von Schülerinnen und Schülern mit differenter Familienbiografie

Aus Abbildung 2 (s. PDF-Version) geht hervor, dass Kinder von Alleinerziehenden, aus sozialen (so genannten "Stieffamilien") und sonstigen Familien (Adoptiv- und Pflegefamilien) gegenüber Kindern aus Familien, in denen das Kind bei beiden leiblichen Eltern lebt, beim Schulerfolg benachteiligt sind.[11]

Im Durchschnitt finden sich fast 22 Prozent der Kinder in Familien, die nach Trennung bzw. Scheidung bzw. nach der Gründung einer sozialen Familie entstanden sind. Diese Relation entspricht etwa dem Anteil dieser Gruppe von Kindern in der Grundschule. Im Gymnasium reduziert sich ihr Anteil auf ca. 16 Prozent. Nimmt man die Grundschule, in die alle Kinder eingeschult werden, als Maßstab, dann ergibt sich im Gymnasium eine Quote für Kinder aus nicht traditionellen Familien von ca. 75 Prozent. In der Realschule bleibt der Anteil mit ca.20 Prozent unterrepräsentiert; in der Hauptschule ist er dagegen mit über 25 Prozent überrepräsentiert, die Quote steigt auf ca. 117 Prozent. Sehr auffällig ist die Verdoppelung der Quote der Kinder aus nicht traditionellen Familien in der Förderschule bzw. den Schulen für Erziehungshilfen mit einem Anteil von über 44 Prozent.

Kinder von Alleinerziehenden sind in der Hauptschule überrepräsentiert; noch stärker vertreten sind Kinder aus sozialen Familien: Ihr Anteil verringert sich im Gymnasium auf die Hälfte; in der Realschule und auch in der Hauptschule bleibt er annähernd gleich, in der Förderschule hingegen verdoppelt er sich. Die sonstigen Familien haben hier sogar einen fast vierfachen Anteil.

Eine Differenzierung nach Geschlecht dokumentiert, dass Mädchen stärker benachteiligt sind als Jungen und bestenfalls mittlere Bildungsabschnitte erreichen. Im Gymnasium verringert sich der Gesamtanteil der Mädchen aus nicht traditionellen Familien auf ca. 14 Prozent, während er bei den Jungen bei 19 Prozent liegt. Die Gymnasialquote der Mädchen aus sozialen Familien ist mit 47 Prozent die niedrigste bei den nicht traditionellen Familien; die der Jungen liegt bei 72 Prozent. Die Mädchen aus sozialen Familien erreichen eine Quote von 110 Prozent in der Realschule, die vergleichbaren Jungen ca. 78 Prozent. Die Jungen von Alleinerziehenden können mit ihrer Gymnasialquote von 104 Prozent sogar mit den Jungen aus den traditionellen Familien gleichziehen, die Mädchen schaffen nur 68 Prozent.[12] In der Hauptschule sind zwar die Jungen von Alleinerziehenden mit einer Quote von knapp 132 Prozent deutlich überrepräsentiert, die Mädchen erreichen aber fast 140 Prozent. In der Förderschule verdoppelt sich die Quote der Jungen, die der Mädchen liegt zwischen 116 (soziale Familien) und 132 (allein erziehende Eltern). Die Jungen aus sozialen Familien schaffen es gerade, ihren Anteil in der Hauptschulquote zu halten und sind mit einer Quote von über 250 Prozent in der Förderschule vertreten.

Die Erklärung für dieses empirische Ergebnis liegt erstens darin, dass Schwierigkeiten bei der Bewältigung von kritischen Familienereignissen mit problematischem Verhalten einhergehen. Dieses liegt signifikant deutlicher im sozialemotionalen Bereich als im Leistungsverhalten der betroffenen Schülerinnen und Schüler. Zweitens fließt das sozialemotionale Verhalten mit in die Benotung ein: Mit einer Zunahme problematischen Verhaltens sinken die Noten in allen zentralen Fächern.[13] Die Schule reagiert auf sozial abweichendes bzw. unerwünschtes Verhalten mit Selektion. Das gilt zwar für alle Schülerinnen und Schüler, macht sich aber bei den als problematisch wahrgenommenen Kindern mit kritischen Familienereignissen aufgrund ihrer Häufigkeit besonders bemerkbar. Das gängige Lehrerurteil über schwierige "Scheidungskinder" in der Schule wird zu einem "heimlichen Lehrplan". Die Mädchen, denen prinzipiell ein geringeres Selbstwertgefühl bescheinigt wird,[14] sind davon besonders betroffen. Auch führt die hohe und frühe Selektivität unseres Schulwesens dazu, dass je nach Problembereich die Schülerinnen und Schüler in die hierarchisch tieferen Schularten oder in die Förderschule überführt werden (können).


Fußnoten

11.
Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt Angela Hartl, Zur Lebenssituation von Stiefkindern, in: W. Bien/A. Hartl/M.Teubner (Anm. 5), S. 177ff., mit Daten des Familiensurvey des DJI.
12.
Vgl. Resultate der Welle 1 zur Übertrittsquote von Alleinerziehenden: Elisabeth Schlemmer, Risikolagen von Familien und ihre Auswirkungen auf Schulkinder, in: Jürgen Mansel/Georg Neubauer (Hrsg.), Armut und soziale Ungleichheit bei Kindern, Opladen 1998.
13.
Vgl. Elisabeth Schlemmer, Lehrerurteile über Familienformen von Schüler/innen - Parameter von Kommunikationsproblemen in der Schule?, Referat gehalten an der Universität Rostock, Dez. 2003.
14.
Vgl. Elke Nyssen, Benachteiligung von Mädchen in und durch die Schule - ein erledigtes Problem?, in: Bernd Frommelt/Klaus Klemm/Ernst Rössner/Klaus J. Tillmann (Hrsg.), Schule am Ausgang des 20.Jahrhunderts, Weinheim-München 2000, S.50-79.