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4.2.2004 | Von:
Siegfried Schiele

Ein halbes Jahrhundert staatliche politische Bildung in Deutschland

Die Vielfalt der Träger politischer Bildung

In Zeiten knapper Kassen muss man sich vor allem mit einer Argumentation auseinander setzen, die immer wieder zu hören ist: Braucht man denn so viele Einrichtungen politischer Bildung? Die Bundeszentrale wird bisweilen gegen die Landeszentralen ins Spiel gebracht und umgekehrt. Die freien Träger werden als Stützen der Demokratie gefeiert oder im Hinblick auf die Zentralen kurz gehalten. Den staatlichen Einrichtungen wird abgesprochen, überhaupt wirkungsvoll politische Bildung im Sinne der Zivilgesellschaft betreiben zu können, denn das könnten nur staatsferne, zivilgesellschaftliche Einrichtungen leisten. Alle werden gegeneinander ausgespielt.

Diesem Spiel sollte man sich entziehen. Nimmt man alle Träger zusammen, die in unserer Republik für die Demokratie arbeiten, so sind es in der Gesamtbilanz immer noch zu wenige im Hinblick auf die gewaltige Aufgabe. Darum bin ich für jeden neuen und zusätzlichen Träger politischer Bildung dankbar und betrachte ihn nicht als unliebsame Konkurrenz. Alle, die für das Wohl unserer Demokratie arbeiten und Bürgerinnen und Bürger, Vereine und andere zivilgesellschaftliche Organisationen zur aktiven Gestaltung in Politik und Gesellschaft befähigen wollen, sind herzlich willkommen. Dazu gehören auch erfreulich viele neue Partnerschaften, insbesondere im Jugendsektor, die helfen können, besonders Jugendliche zu erreichen, die der klassischen politischen Bildungsarbeit mit - nach wie vor unverzichtbaren - Printmedien und Veranstaltungen eher fern stehen. Hier geht es auch um neue Multiplikatoren, die nicht unbedingt in den traditionellen Bildungsinstitutionen zu finden sind, und natürlich um Online-Präsenz. Das Internet ist das Medium der Zivilgesellschaft.

Unsere Gesellschaft, die ja pluralistisch strukturiert ist, braucht aber auch Einrichtungen, die das Ganze abbilden, damit es nicht aus dem Gesichtsfeld entschwindet. Wir machen in unserer Landeszentrale schon seit längerem Befragungsaktionen bei den Teilnehmerinnen und Teilnehmern unserer Bildungsveranstaltungen. Was die meisten von ihnen schätzen, ist die Überparteilichkeit, die Vielzahl der gebotenen Standpunkte, die "offenen Fenster", durch die der Wind aus unterschiedlichen Richtungen bläst, das bunte Mosaik, das in den verschiedenen Teilen doch das Ganze zum Ausdruck bringt, sowie die Tatsache, dass politische Bildung der Zentralen keine Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln ist.

Das sind Urteile von Leuten, die aus guten Gründen das Bildungsangebot der Zentralen für politische Bildung bevorzugen, und zwar in einem solchen Maß, dass die Nachfrage unser Angebot bei weitem übersteigt. Statt aufs Gaspedal müssen wir leider zu oft auf die Bremse treten. Und das in Zeiten, wo die Arbeit zunimmt.

Die Leute, die zu uns kommen, schätzen unsere Arbeit vor allem, weil sie in besonderer Weise dem Beutelsbacher Konsens unterworfen ist. Sie wissen, das Weinstädtchen Beutelsbach liegt nahe bei Stuttgart, sodass wir uns fast als Gralshüter dieses Konsenses fühlen. Die Leute spüren: Politische Bildung im öffentlichen Auftrag ist ein großartiges Angebot, das aber nie überwältigt. Und das Angebot ist nicht langweilig und auch nicht harmoniesüchtig, sondern es ist kontrovers und spannend. Und es ist kein abstraktes, einer Ideologie dienendes Angebot, sondern es ist auf die Menschen bezogen, die zu uns kommen und die rasch entdecken, dass es um Fragen und Probleme geht, die ihnen am Herzen liegen.

Bei allem Respekt vor allen anderen Trägern, denen ich für ihre Arbeit viel Erfolg wünsche: Das Angebot der Zentralen, die nach den beschriebenen Grundsätzen arbeiten, ist weiterhin unverzichtbar. Die Lücke würde keine andere Einrichtung jemals schließen können. Deshalb bedürfen die Zentralen für politische Bildung in schwierigen Zeiten eher des Aufbaus als des Abbaus.