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4.2.2004 | Von:
Albert Scharenberg

Zustand und Perspektiven der politischen Bildungsarbeit in Ostdeutschland

Das Leitbild einer "nachholenden Modernisierung" und dessen Erosion

In der DDR war politische Bildung weitgehend monokulturell strukturiert. Es gab zwar einen begrenzten "organisatorisch-strukturellen Trägerpluralismus, nicht aber einen weltanschaulichen Pluralismus"[6]. Staatsbürgerkunde, Schulen der sozialistischen Arbeit, FDJ-Lehrjahr waren einseitig auf die Interessen von Partei und Staat ausgerichtet und mit den Grundsätzen pluralistisch orientierter politischer Bildung (Überwältigungsverbot, Kontroversitätsgebot)[7] nicht vereinbar. Auch wenn es, insbesondere im Umfeld der Kirchen, neben evangelischen Akademien auch kleinere (oppositionelle) Gruppen gab, die politische Bildung im weiteren Sinne selbst organisierten und einer interessierten Öffentlichkeit anboten (z.B. Umweltbibliotheken), waren Selbstorganisation und "Bürgergesellschaft" unter den Bedingungen der SED-Diktatur kaum möglich. Da "ein tiefes Misstrauen gegen jegliche Selbstorganisation sozialer Systeme"[8] vorherrschte, fand politische Bildung weitgehend im Passiv statt: Man organisierte sie nicht, sondern sie wurde organisiert.

Im Zentrum der politischen Bildung in der DDR stand eine auf die Interessen von Partei und Staat abgestimmte, apologetische Ideologievermittlung, die bis heute Auswirkungen auf die Strukturen und die subjektive Wahrnehmung von politischer Bildungsarbeit in den ostdeutschen Bundesländern hat. Von den allgemeinen Vorbehalten gegen diese in der DDR vorherrschende Form der politischen Bildung sind heute auch demokratisch-pluralistisch orientierte Ansätze und Träger (einschließlich überparteilich konzipierter wie die Bundeszentrale für politische Bildung) direkt und/oder indirekt betroffen: "Tatsache ist, dass politische Bildung weiterhin von der Mehrheit der Bevölkerung in den neuen Bundesländern mit großer Skepsis betrachtet wird. Die Identifizierung politischer Bildung mit der politischen Indoktrination zu DDR-Zeiten ist immer noch gegenwärtig und gibt wenigstens zum Teil eine Antwort darauf, warum die Lern- und Verständigungsprozesse so schwierig laufen."[9]

Mit dem Ende der DDR verschwanden auch die tragenden Institutionen und gesellschaftlichen Gruppen dieser Form politischer Bildung. Darüber hinaus kam es in der hektischen Betriebsamkeit der "Wende"-Jahre zu einer breiten Abkehr von dieser so eindimensional konzipierten politischen Bildung, deren Inhalte (und z. T. auch Formen) nunmehr als obsolet galten. Da auch die ehemals oppositionellen Zusammenhänge von der (Bildungs-)Politik vernachlässigt und gesellschaftlich zunehmend marginalisiert wurden, kam es, wie durch den Beitritt insgesamt, auch im Bereich der politischen Bildung zu einem radikalen Bruch und Neuanfang.

Der Aufbau von pluralistischen Strukturen politischer Bildungsarbeit in den ostdeutschen Ländern folgte dem - auch gesamtgesellschaftlich vorherrschenden - Leitbild einer "nachholenden Modernisierung". Diesem anfangs im Osten wie im Westen dominanten Leitbild zufolge war die Situation in der DDR (und später in den neuen Bundesländern) von einer ökonomischen und gesellschaftspolitischen "Rückständigkeit" gegenüber den alten Bundesländern gekennzeichnet, die es durch eine rasche Modernisierung der Strukturen und "Mentalitätsbestände" auszugleichen bzw. (in eigenartiger Adaption einer SED-Doktrin) "aufzuholen" gelte. Nach dem Beitritt der DDR zur Bundesrepublik wurden deshalb im Westen erprobte Konzepte und Strukturen oft relativ undifferenziert auf die neuen Ländern ausgedehnt bzw. übertragen. Basis war die Übernahme der gesetzlichen Grundlagen der politischen Bildungsarbeit durch die meisten der neuen Landesregierungen (z.B. das Erwachsenenbildungsgesetz, das Bildungsurlaubsgesetz).

Die Ergebnisse dieser ersten Phase in den frühen neunziger Jahren bestechen durch ihre Ambivalenz. So kam es einerseits zur Verankerung der gesetzlichen Grundlagen, zur Finanzierung und zum Aufbau funktionstüchtiger pluralistischer Strukturen politischer Bildungsarbeit, die mitunter auch neuen Ansätzen Raum zur Entfaltung ließen. Andererseits dominierte die einfache Übertragung von Strukturen und Konzepten aus den alten Bundesländern die Szenerie: Die großen Träger politischer Bildungsarbeit "aus dem Westen" konzentrierten sich zuvörderst eigennützig auf die Ausdehnung ihrer eigenen Strukturen. Eine Förderung der unabhängigen, bereits in der DDR gewachsenen oder in der "Wende"-Zeit neu entstandenen Träger, deren Konzepte z. T. nicht in die engen Grundsätze der Förderrichtlinien passen wollten (und die u.a. wohl eine institutionelle Grundsicherung benötigt hätten), wurde demgegenüber vernachlässigt. Auch da, wo eine projektbezogene Förderung, oftmals über die Landeszentralen (mit Ausnahme Sachsens), in Ansätzen begonnen wurde, blieben Probleme nicht aus. Unter den Bedingungen finanzieller Kürzungen und sukzessive erhöhter Anforderungen konnte ein weiteres Absterben der (ohnehin schwach vertretenen) unabhängigen Träger nicht verhindert werden; so "ging ein großer Teil der enthusiastisch gegründeten Vereine und Initiativen nicht lange nach dem Beitritt wieder zu Grunde"[10]. Aus dieser Entwicklung resultierte auch die für die heutige Situation charakteristische einseitige Dominanz der großen Träger, die perspektivisch zu einer Gefahr für den pluralistischen Charakter der Bildungsarbeit werden könnte.

Im Kontext des Leitbildes einer "nachholenden Modernisierung" war zunächst wenig Raum für spezifisch ostdeutsche Erfahrungen und, wie es damals neudeutsch genannt wurde, "Befindlichkeiten", die jenseits bloß ländertypischer Folklore lagen. Die spezifische Form der Wiedervereinigung, d.h. des Beitritts der DDR zur Bundesrepublik, trug dazu bei, dass Geschichte nicht aufgearbeitet und als gemeinsame, verbindende Tradition rekonstruiert wurde. Stattdessen setzte sich eine Übertragung der für die alte Bundesrepublik typischen Interpretationen durch, deren Eindimensionalität sich in den medialisiert-plakativ strukturierten, die alten ideologischen Verkürzungen reproduzierenden öffentlichen Diskursen spiegelte.

Beginnend mit der ostdeutschen Biografie-Debatte wurde die vermeintliche Einheitlichkeit von Erfahrungen und Bewertungskriterien und damit auch das Leitbild einer bloß nachholenden Modernisierung aufgebrochen. Bald wurden die spezifisch westdeutschen Instrumentarien und Sichtweisen auch in der politischen Bildung nicht mehr einfach übernommen, sondern kritisch betrachtet und auf ihre Brauchbarkeit für die ostdeutschen Länder hin abgetastet. Dabei "gerieten auch die Defizite des Westens in den Blick, der ja ebenfalls seine eigenen geschichtspolitischen Interessen verfolgt hat"[11]. Die Linearität des Leitbildes, das besagte, dass der Osten nur rasch das nachzuholen brauche, was sich im Westen der Republik über Jahrzehnte entwickelt hatte, wurde hinterfragt und durch den Rekurs auf ostdeutsche Spezifika, die sich nicht umstandslos als "Modernisierungsrückstände" einstufen ließen,[12] in Frage gestellt. Aus dieser Verteidigung der eigenen Biografie entwickelten sich Vorbehalte gegenüber "besserwisserischen" Personen und Konzepten "aus dem Westen". Überhaupt wichen Begeisterung, Euphorie und Experimentierfreude einer wachsenden Resignation.


Fußnoten

6.
Hans-Werner Fuchs, Bildung und Wissenschaft in der SBZ/DDR 1945 bis 1989, Hamburg 1997, S. 123.
7.
Vgl. Herbert Schneider, Der Beutelsbacher Konsens, in: Wolfgang W. Mickel (Hrsg.), Handbuch zur politischen Bildung, Bonn 1999, S. 171 - 178.
8.
Josef Olbrich, Geschichte der Erwachsenenbildung in Deutschland, Bonn 2001, S. 291.
9.
Wolfgang Beer/Will Cremer, Die Träger außerschulischer politischer Bildung, in: Bundeszentrale für politische Bildung, Politische Erwachsenenbildung. Ein Handbuch zu Grundlagen und Praxisfeldern, Bonn 1999, S. 111 - 144, hier: S. 125f.
10.
Martin Klähn, Bildung macht das Leben kompliziert. Anmerkungen zur ostdeutschen Bildungsarbeit im gesellschaftlichen Wandel, in: Praxis Politische Bildung, (2000) 2, S. 97 - 102, hier: S. 97.
11.
Thomas Seidel, Demokratieentwicklung im "Beitrittsgebiet". Anmerkungen zur evangelischen Akademiearbeit in Thüringen, in: Praxis Politische Bildung, (2000) 4, S. 259 - 262, hier: S. 260. Vgl. auch exemplarisch: Gerhard Neuner, Objektivität in der Geschichtsdebatte? DDR-Geschichte in Lehrwerken der neuen Generation, in: Utopie kreativ. Sonderheft: Zehn Jahre nach dem Anschluss, Berlin, Oktober 2000, S. 67 - 79.
12.
Überhaupt greift eine schematische Gegenüberstellung von "moderner" Bundesrepublik und "unmoderner" DDR, gerade hinsichtlich des Bildungssystems, zu kurz; vgl. J. Olbrich (Anm. 8) sowie Hans-Werner Fuchs, Zur modernisierungstheoretischen Analyse der Transformation des ostdeutschen Bildungssystems, Hamburg 1996.