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30.1.2004 | Von:
Barbara Dietz

Ost-West-Migration nach Deutschland im Kontext der EU-Erweiterung

Wer ist gekommen?

Aus ökonomischer Sicht wäre zu vermuten, dass die jüngsten Ost-West-Wanderungen vor allem durch die großen Einkommens- und Wohlfahrtsunterschiede zwischen Deutschland und den osteuropäischen Staaten bedingt waren. Vor dem Hintergrund anhaltend hoher Einkommensdifferenzen in den neunziger Jahren ist es umso erstaunlicher, dass die Ost-West-Nettomigration nach Deutschland zwischen 1989 und 1993 drastisch zurückging. Während der Wanderungssaldo im Jahre 1989 über 400 000 Personen auswies, verließen im Jahre 1993 um 48 000 Personen mehr das Land, als zugewandert waren.[8]

Diese Bewegung lässt sich allein durch die Restriktionen der Aufnahmebestimmungen in Deutschland erklären. Festzuhalten ist, dass die Aussiedlerzuwanderung von Beginn der neunziger Jahre an zunehmend begrenzt und mit der Einführung des Kriegsfolgenbereinigungsgesetzes im Jahre 1993 für Personen aus Polen und Rumänien nahezu beendet wurde. Im Asylbereich markiert das Jahr 1993 die Änderung der Asylgesetzgebung, die eine Zuwanderung aus Osteuropa künftig ausschloss. Arbeitsmigrationen waren ohnehin nur in begrenzten Kontingenten zugelassen. Zwischen 1989 und 2002 umfasste die Nettomigration aus Osteuropa 1,23 Millionen Personen, 60 Prozent davon waren Aussiedler (vgl. Abbildung 1: s. PDF-Version). Allerdings zeigt der Migrationssaldo nur ein eingeschränktes Bild der Ost-West-Wanderungen. Während bei anerkannten Aussiedlern so gut wie keine Rückwanderung zu beobachten war, charakterisierten hohe Zu- und Abwanderungen die Migration von Osteuropäern (vgl. Abbildung 2: s. PDF-Version).

Insgesamt kamen zwischen 1989 und 2002 2,72 Millionen osteuropäische Staatsbürger (Aussiedler werden hier nicht berücksichtigt) nach Deutschland, von denen 2,18 Millionen das Land wieder verließen. Damit war die Bruttozuwanderung mehr als fünfmal so hoch wie die Nettowanderung, was typisch für kurzfristige, aber auch für Pendelmigrationen ist.

Aussiedler und Asylbewerber: Hintergrund und Herkunftsländer

Mit Blick auf die hier untersuchten Länder kamen Aussiedler im Wesentlichen aus Polen und Rumänien: Zwischen 1988 und 1992 verließen ca. 583 000 Aussiedler Polen, 195 000 emigrierten aus Rumänien. Damit reduzierte sich die deutsche Minderheit in diesen Staaten innerhalb kürzester Zeit. Während die Asylmigration aus Polen, der vormaligen Tschechoslowakei und Ungarn in den neunziger Jahren unbedeutend war, nahm sie aus Rumänien und Bulgarien erst im Jahre 1991 ihren Anfang (vgl. Abbildung 3: s. PDF-Version).

In Bulgarien trugen vor allem die politische Instabilität und die krisenhafte ökonomische Entwicklung zur Asylwanderung bei.[9] Diese Motive waren auch für die Asylwanderung aus Rumänien von grundlegender Bedeutung. Hinzu traten ethnische Migrationsgründe, die vor allem von der in Rumänien diskriminierten Gruppe der Roma vorgetragen wurden.[10]

Bereits vor der Veränderung des Asylrechtes lag die Anerkennungsquote der osteuropäischen Asylbewerber, die in den späten achtziger und frühen neunziger Jahren nach Deutschland gekommen waren, unter einem Prozent. Vor diesem Hintergrund führten bilaterale Abkommen zwischen Deutschland und Bulgarien sowie Rumänien bereits vor der fundamentalen Änderung des Asylrechtes im Jahre 1993 zur erzwungenen Rückkehr von abgewiesenen Asylbewerbern.[11] Die Asylwanderung, die zu Beginn der neunziger Jahre einen wesentlichen Anteil an Ost-West-Migrationen nach Deutschland gehabt hatte, wurde mit der Einführung des Asylkompromisses im Jahre 1993 nahezu bedeutungslos.

Die Dynamik der Roma-Migration weist allerdings darauf hin, dass die Rechtsstellung ethnischer Minderheiten in einer erweiterten EU von großer Bedeutung ist. Die Diskriminierung ethnischer Minderheiten könnte zu einer erheblichen - wenn auch nicht unbedingt rechtlich gesicherten - innereuropäischen Migration führen.

Arbeitsmigration: Herkunftsländer und sozialer Hintergrund

Seit Beginn der neuen Arbeitsmigrationen aus osteuropäischen Staaten spielt die Beschäftigung von Saisonarbeitern - bezogen auf die nachgefragte Personenzahl - die größte Rolle.[12] Auch stieg die Zahl der beschäftigten Saisonarbeiter im letzten Jahrzehnt um beinahe das Doppelte an, während die Zuwanderung von Werkvertrag- und Gastarbeitnehmern nahezu konstant blieb.

Ebenso wie bei Asylmigrationen fallen auch bei den Ost-West-Arbeitswanderungen deutliche Unterschiede im Hinblick auf die Entsendeländer auf. Während Polen das mit Abstand wichtigste Herkunftsland der osteuropäischen Arbeitsmigrationen ist, haben Rumänien, Tschechien, die Slowakei und Ungarn nur eine vergleichsweise geringe Bedeutung. Bulgarien wiederum spielt im Spektrum der osteuropäischen Arbeitskräftewanderung so gut wie gar keine Rolle.

Für diese Entwicklung sind wirtschaftliche, aber auch länderspezifische und migrationspolitische Faktoren verantwortlich. Aufgrund der Differenzen des Lohnes und Lebensstandards ist Deutschland zwar generell ein attraktives Zuwanderungsland für osteuropäische Arbeitskräfte, die Tradition der Arbeitsmigration ist jedoch in den jeweiligen Herkunftsländern unterschiedlich stark ausgeprägt. Zwischen Polen und westeuropäischen Staaten, vor allem Deutschland, bestehen seit Jahrzehnten stärkere Migrationsbeziehungen als beispielsweise zwischen Rumänien, Ungarn, Bulgarien und der Bundesrepublik.

Die von deutscher Seite aus stark reglementierte neue Arbeitskräftemigration aus Osteuropa erforderte zudem bestimmte Voraussetzungen, wie beispielsweise Firmenkooperationen im Falle von Werkvertragsarbeitnehmern, die nicht in allen osteuropäischen Staaten in gleicher Weise gegeben sind. Weiterhin entwickelten sich im Verlauf der Ost-West-Wanderungen zwischen Deutschland und Polen vielschichtige Migrationsnetzwerke, die weitere Migrationen begünstigten. Während sich zwischen Rumänien sowie Ungarn und Deutschland langsam Migrationsnetzwerke herausbildeten, existieren sie im Falle von Bulgarien erst in Ansätzen.

Wie bei zahlreichen beginnenden internationalen Arbeitskräftewanderungen handelte es sich bei den osteuropäischen Arbeitsmigranten um eine im Vergleich zur einheimischen Bevölkerung junge Population. Zudem ist die Ausbildung der osteuropäischen Arbeitnehmer auffallend hoch. Werden sozialversicherungspflichtig Beschäftigte betrachtet, dann lag das Ausbildungsniveau der osteuropäischen Arbeitnehmer deutlich über dem der anderen ausländischen Beschäftigten in Deutschland. Allerdings arbeiteten die Arbeitskräfte aus Osteuropa in den meisten Fällen nicht ihrer Qualifikation entsprechend.[13]

Die Beschäftigung der osteuropäischen Arbeitnehmer konzentriert sich in Deutschland gesetzesbedingt auf solche Wirtschaftssektoren, in denen der Ausländeranteil hoch ist: private Haushalte, das Baugewerbe sowie das Hotel- und Gaststättengewerbe. Eine Ausnahme stellt die Landwirtschaft dar, in der die meisten Saisonarbeitnehmer beschäftigt sind. In Bezug auf die regionale Verteilung haben Arbeitsmigranten aus Osteuropa überwiegend in Bayern, Baden-Württemberg, Berlin und in den industriellen Zentren Nordrhein-Westfalens eine Beschäftigung gefunden. Die Zahl der osteuropäischen Arbeitsmigranten in den neuen Ländern ist ungeachtet der geographischen Nähe zu den Sendeländern nur unterdurchschnittlich.[14]


Fußnoten

8.
Bezogen auf Bulgarien, Ungarn, Polen, die Slowakei, die Tschechische Republik und Rumänien.
9.
Vgl. Daniela Bobeva, Bulgaria, in: Tamas Frejka (Hrsg.), International Migration in Central and Eastern Europe and the Commonwealth of Independent States, New York-Geneva, in: Economic Studies, (1996) 8, S. 37 - 47.
10.
Vgl. Rainer Ohliger, Von der ethnischen zur "illegalen" Migration: Die Transition des rumänischen Migrationsregimes, in: Heinz Fassmann/Rainer Münz (Hrsg.), Ost-West-Wanderung in Europa, Wien 2000, S. 195 - 205.
11.
Statistisch trug dies zu den vergleichsweise hohen Abwanderungen der Jahre 1992 und 1993 bei (vgl. Abbildung 2).
12.
Im Vergleich zu anderen Arbeitsmigranten (Werkvertrags- und Gastarbeitnehmer) muss berücksichtigt werden, dass Saisonarbeitnehmer höchstens drei Monate in Deutschland arbeiten können.
13.
Vgl. Erika Schulz, Zuwanderung, temporäre Arbeitsmigranten und Ausländerbeschäftigung in Deutschland, in: Vierteljahreshefte zur Wirtschaftsforschung, 68 (1999) 3, S. 386 - 423.
14.
Vgl. Elmar Hönekopp, Central and East Europeans in the Member Countries of the European Union since 1990: Development and Structure of Migration, Population and Employment, Background Report, Institute for Employment Research, Nürnberg 1999.