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30.1.2004 | Von:
Barbara Dietz

Ost-West-Migration nach Deutschland im Kontext der EU-Erweiterung

Was geschieht nach der EU-Erweiterung?

Die Erweiterung der Europäischen Union wird am 1. Mai 2004 vollzogen und die Aufnahme von zehn neuen Mitgliedern zur Folge haben. Bezüglich der Freizügigkeit ist jedoch - bis auf Malta und Zypern - eine Übergangsregelung vorgesehen, die fünf, höchstens aber sieben Jahre lang eine Zuwanderungsbegrenzung nach den bisher geltenden nationalen Bestimmungen erlaubt.

Damit kommt die freie Wanderung osteuropäischer Arbeitskräfte erst im Jahre 2009 oder aber 2011 auf Deutschland zu. Dessen ungeachtet wird bereits seit Jahren darüber diskutiert, welche Wanderungen nach diesem Zeitpunkt zu erwarten sind. Aus der bislang stark reglementierten Ost-West-Wanderung lassen sich jedoch so gut wie keine Richtwerte für Migrationen bei Freizügigkeit ableiten.

Was sind die Hintergründe der zu erwartenden Ost-West-Migrationsbewegungen, und welche Motive liegen ihnen zugrunde? Eine Einschätzung dieser Fragen dürfte mit Rückgriff auf migrationstheoretische Überlegungen dazu beitragen, das künftige Wanderungspotential zu beurteilen. Ein in der ökonomischen Theorie traditionell vorgetragenes Argument für das Entstehen von Migrationsbewegungen sind Lohndifferenzen zwischen verschiedenen Regionen oder Ländern. Es wird davon ausgegangen, dass regionale Lohndifferenzen eine Wanderung von Arbeitskräften hervorrufen, die unter idealtypischen Bedingungen solange anhält, bis die Unterschiede ausgeglichen sind. Bei Berücksichtigung von relativen Arbeitslosigkeitswahrscheinlichkeiten sind es die erwarteten Lohnunterschiede, die zu Wanderungen führen.[15]

Aus individueller Sicht hängt die Migrationsentscheidung davon ab, ob die erwarteten Erträge auf das individuelle Humankapital abzüglich der Migrationskosten (Reise-, Informations- und psychische Kosten) im potentiellen Zuwanderungsland größer sind als im Herkunftsland. Die individuelle Ausstattung mit Humankapital (z.B. Bildung, Berufserfahrung, Sprachkenntnisse) erklärt in diesem Zusammenhang, warum bestimmte Personen unter bestimmten Ausgangsbedingungen ihr Herkunftsland verlassen, andere aber bleiben.

Während sich ökonomische Migrationstheorien in erster Linie auf den wirtschaftlichen Kontext von Wanderungen beziehen, zeigen soziologische Ansätze, dass ethnische und/oder politische Diskriminierung, kriegerische Konflikte, aber auch die Migrationspolitik der Sende- und Aufnahmeländer auslösende und verstärkende Faktoren internationaler Wanderungen sein können.

Weiterhin wird zur Erklärung anhaltender Wanderungsbewegungen auf die Theorie der Migrationsnetzwerke zurückgegriffen. Diese argumentiert, dass Migrationen aus verschiedensten Gründen beginnen können, z.B. aufgrund von ethnischen Diskriminierungen, von ökonomischen Motiven, von Vertreibungsprozessen oder einer Kombination aus mehreren dieser Ursachen. Wenn Wanderungsbewegungen aber eine gewisse Bedeutung erlangt haben, können sie eine eigene Dynamik entfalten und sich unabhängig von den ursprünglich auslösenden Faktoren entwickeln. Im Verlauf der Zeit entstehen Migrationsnetzwerke, die Kosten und Risiken der Wanderung senken und damit weitere Wanderungen wahrscheinlich machen.[16]

Damit identifizieren die vorgestellten theoretischen Ansätze, die sich trotz unterschiedlicher Ausgangspositionen vielfach ergänzen, eine Reihe von Faktoren, die für künftige Ost-West-Wanderungen von hoher Bedeutung sein werden. Dies sind die tatsächlichen oder die erwarteten Lohndifferenzen, die Kosten der Migration, das Humankapital der potentiellen Migranten, die politische und ethnische Situation im Herkunftsland und die Herausbildung von Migrationsnetzwerken.


Fußnoten

15.
Vgl. Thomas Bauer/Klaus F. Zimmermann, Causes of International Migration: A Survey, in: Cees Gorter/Peter Nijkamp/Jan Poot (Hrsg.), Crossing Borders: Regional and Urban Perspectives on International Migration, Aldershot 1998, S. 95 - 127.
16.
Vgl. Douglas S. Massey/Joaquin Arango/Graeme Hugo/Ali Kouaouci/Adela Pellegrino/J. Edward Taylor, Theories of International Migration: A Review and Appraisal, in: Population and Development Review, 19 (1993) 3, S. 431 - 466.