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5.1.2004 | Von:
Lucia A. Reisch
Michael Neuner
Gerhard Raab

Zur Entstehung und Verbreitung der "Kaufsucht" in Deutschland

Verbreitung und Entwicklung

Die im Oktober 1991 in Deutschland durchgeführte bevölkerungsrepräsentative Studie hatte gezeigt, dass ca. fünf Prozent der erwachsenen Bevölkerung in den westdeutschen und nur ca. ein Prozent der Bevölkerung in den ostdeutschen Bundesländern als "stark kaufsuchtgefährdet" bezeichnet werden mussten. Noch "deutlich kaufsuchtgefährdet" waren 20 Prozent (westdeutsche Bundesländer) bzw. 13 Prozent (ostdeutsche Bundesländer). Der Kaufsuchtindikator ersetzt keine psychologische Diagnose. In jedem Falle aber eignet sich das Messinstrument dazu, Tendenzen eines unkontrollierten und übermäßigen Kaufverhaltens, das sich vom Bedarf der Konsumenten weitgehend gelöst hat, aufzudecken und genauer einzuschätzen. Ein Jahrzehnt später, im Oktober 2001, hat sich die Situation deutlich verändert: Die Tendenz zum süchtigen Kaufen in Deutschland hat in den letzten zehn Jahren erheblich zugenommen. Dies gilt vor allem für die neuen Bundesländer, in denen sich die Situation der in den alten Ländern weitgehend angeglichen hat und sich die Anzahl der Kaufsuchtgefährdeten mehr als versechsfacht hat (vgl. Abbildung: s. PDF-Version).

Besonders betroffen sind die ostdeutschen Konsumentinnen. Offensichtlich haben die Konsumenten in den neuen Bundesländern mittlerweile die Konsummuster und Kompensationsstrategien von den Konsumenten der alten Bundesrepublik übernommen, die westliche Konsumkultur hat die östliche weitgehend verdrängt.

Die im Jahr 2001 durchgeführte Wiederholungsstudie bestätigte eine Reihe von Ergebnissen der ersten Studie von 1991 hinsichtlich des Zusammenhangs der Kaufsucht mit mehreren soziodemographischen Merkmalen. So scheinen grundsätzlich alle Einkommens- und Bildungsschichten von Kaufsucht betroffen zu sein. Allerdings zeichnete sich in der 2001 durchgeführten Studie ein interpretationsbedürftiger Trend ab, wonach die höchsten Kaufsuchtwerte bei Personen mit mittlerer bis guter Bildung sowie bei Personen mit niedrigem Einkommen liegen. Wie schon 1991 waren auch 2001 jüngere Konsumenten etwas stärker kaufsuchtgefährdet als ältere, Frauen stärker als Männer.

Gegenstand der Untersuchung war auch die Frage, inwieweit die Möglichkeiten des Internets die Verbreitung der Kaufsucht beeinflussen. Die Studie ergab, dass Internetnutzung und Kaufsuchttendenz zueinander in einem positiven Zusammenhang stehen. Aufgrund der geringen Fallzahl sollte dieser Befund jedoch als vorläufiger Hinweise betrachtet werden. Dasselbe gilt für die Tendenz kaufsuchtgefährdeter Investoren zu risikoreichen Geldanlagen.