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5.1.2004 | Von:
Lucia A. Reisch
Michael Neuner
Gerhard Raab

Zur Entstehung und Verbreitung der "Kaufsucht" in Deutschland

Therapieansätze

Die vorliegende Selbsthilfeliteratur nennt eine Reihe von Maßnahmen, mit denen man kurzfristig den Kaufdrang bremsen kann, die jedoch keine therapeutische und damit längerfristige Wirkung haben.[15] Da auch die Formen, in denen Kaufsucht auftritt, sehr unterschiedlich sind, lassen sich hier nur allgemeine Hinweise formulieren. Zu diesen "Sofortmaßnahmen" gehören:

- Rückgabe von Kredit- und Kundenkarten und Bargeldzahlung;

- durch Selbstbeobachtung herausfinden, auf welche Reize bzw. Situationen man mit Kaufen reagiert, und sich diese bewusst machen;

- Zeiten des Schlussverkaufs oder des saisonalen Hochkonsums (z.B. Vorweihnachtszeit) sowie Ausverkäufe meiden;

- alle Bestände an Kleidung (oder je nach Fokussierung der Sucht auch Sportgeräte, Accessoires etc.) inventarisieren und diese Liste beim Einkaufen bei sich tragen;

- "Dekontextualisierung" der Güter, indem beispielsweise mehrere davon zur Auswahl mit nach Hause genommen werden und auf diese Weise außerhalb der verführerischen Kaufatmosphäre "entzaubert" werden;

- Formen regelmäßiger Haushaltsbuchführung einführen (z.B. selbstgestaltetes Haushaltsbuch, Einnahmen- und Ausgabenerfassung, Finanzbuchhaltung).[16]

Diese praktischen Maßnahmen ersetzen nicht ein langfristiges Bemühen, sich aktiv mit seiner Situation auseinander zu setzen. Wer sich seine Sucht eingesteht, der hat bereits den ersten Schritt getan. Weitere Schritte sind dann Gespräche mit einer Vertrauensperson, die Unterstützung bei der Überwindung der Sucht geben kann. Als hilfreich werden auch begleitende Selbsthilfegruppen und Betroffenen-Netzwerke empfunden, die sich in manchen größeren Städten gebildet haben. Zur Unterstützung finanzieller Konsequenzen der Kaufsucht stehen Schuldnerberatungen zur Verfügung. Mittelfristig geht es dann auch darum, die eigene Konsumkompetenz zu verbessern. Dazu gehört vor allem die Fähigkeit zur Reflexion des Bedarfs im Sinne der Frage: "Brauche ich dieses Produkt wirklich?"

Mittlerweile gibt es Erfahrungen mit unterschiedlichen Therapieansätzen.[17] Während in den USA die Pharmakotherapie eine wichtige Rolle spielt,[18] überwiegt in Deutschland die verhaltenstherapeutisch orientierte Behandlung von Kaufsucht.[19] Bei derzeit laufenden Studien an der Universitätsklinik Erlangen-Nürnberg sowie an der Universitätsklinik Hamburg-Eppendorf werden verhaltenstherapeutische Therapiekonzepte zur Kaufsuchtbehandlung entwickelt und getestet. Erste Ergebnisse werden für Herbst 2004 erwartet.



Fußnoten

15.
Vgl. Ellen M. Catalano/Nina Sonenberg, Consuming Passions. Help for Compulsive Shoppers, Oakland, Cal. 1993.
16.
Vgl. M. Neuner (Anm. 7).
17.
Vgl. April Lane Benson (Hrsg.), I Shop, Therefore I am: Compulsive Buying and the Search for Self, Northvale, N.J. 2000; Astrid Müller u.a., Pathologisches Kaufen - Eine Literaturübersicht, Erlangen (i.E.).
18.
Vgl. Donald W. Black/Patrick Monahan/Janelle Gabel, Fluvoxamine in the Treatment of Compulsive Buying, in: Journal of Clinical Psychiatry, 54 (1997) 4, S. 159 - 163; vgl. auch S. L. McElroy u.a. (Anm. 13).
19.
Vgl. Achim Bongers, Fallbeschreibung einer verhaltenstherapeutisch orientierten Behandlung von Kaufsucht, in: Stefan Poppelreuter/Werner Gross (Hrsg.), Nicht nur Drogen machen süchtig. Entstehung und Behandlung von stoffungebundenen Süchten, Weinheim 2000, S. 165 - 180.