Porträt von Louise Otto-Peters auf dem Giebel eines Hauses in der Altstadt von Meissen

15.2.2019 | Von:
Kerstin Wolff

Erinnerungswege. Über die Erinnerung an Louise Otto-Peters in der Frauenbewegung

Zwischen dem 22. und 24. Mai 1948 fand in Frankfurt am Main ein Interzonaler Frauenkongress statt. Direkt im Anschluss an die Gedenkfeierlichkeiten zur deutschen Revolution von 1848 gelegen, knüpften auch die Organisatorinnen des Frauenkongresses bewusst an die Tradition der Revolution an. Sie wollten mit dieser Veranstaltung, an diesem Ort und mit der Erinnerung an den gescheiterten demokratischen Aufbruch den Aufbau einer neuen Frauenbewegung vorantreiben und gezielt die Nachkriegsfrauenbewegung mit der Frauenbewegung um 1848 verknüpfen. Helli Knoll vom Frankfurter Frauenverband sprach deshalb in ihrem Festvortrag unter dem Titel "Unser Weg zur Freiheit" von der "Verpflichtung (…) die der Einsatz der Frauen von 1848 für uns mit sich bringe"[1] und von der Dankbarkeit, die die jüngeren Frauen den Vorkämpferinnen entgegenbringen sollten. Die Rednerin ging aber noch weiter und verband die Opfer der Revolution von 1848/49 mit den Opfern des Nationalsozialismus: "Wir wollen jener Freiheitskämpfer der Revolution von 1848 gedenken, unserer toten Kämpferinnen der Frauenbewegung und all jener Opfer, die die grausame Diktatur, die das Hitler-Regime forderte."[2] Auch dies geschah in der Absicht, durch das Knüpfen des langen Erinnerungsbandes an die demokratischen Strömungen in Deutschland anzuschließen und gleichzeitig zu verdeutlichen, dass auch Frauen an demokratischen Staatsstrukturen mitgearbeitet hatten. Daraus folgte für Knoll die Verpflichtung der deutschen Nachkriegsfrauenbewegung, sich einzumischen und den demokratischen Neubeginn zu begleiten.

Bei diesem Wiederanknüpfen an die Traditionen der Frauenbewegung des 19. Jahrhunderts wurde an eine Frau besonders erinnert, die wie keine zweite sowohl für die Revolution von 1848/49 als auch für den Beginn und den Ausbau der Frauenbewegung in Deutschland stand: Louise Otto-Peters. Für Knoll war sie die "Gründerin der deutschen Frauenbewegung", eine "leidenschaftliche Kämpferin für Recht und Freiheit", die "erste deutsche Frau, die es wagte, ihre Geschlechtsgenossinnen zum Kampf für das Selbstbestimmungsrecht der Frau, zum Kampf für die Freiheit der Frau, aufzurufen".[3] Mit dieser Erinnerung und mit der Bezeichnung als "Gründerin der Frauenbewegung" führte Helli Knoll in Frankfurt eine Tradition fort, die sich schon in der Frauenbewegung vor 1933 etabliert hatte, die Tradition, Louise Otto-Peters als Gründerin der Frauenbewegung in Deutschland zu erinnern und zu feiern.

Erinnerungen – Traditionsbildung für das heute

Susanne Kinnebrock hat darauf aufmerksam gemacht, dass neben "Wer erinnert sich wo an was?" immer auch gefragt werden muss: Und warum? Warum benötigt eine soziale Bewegung überhaupt ein Personengedenken? Welche Funktion erfüllt dieses?[4] Während sich Kinnebrock als Kommunikationswissenschaftlerin verschiedenen Öffentlichkeiten zuwendet, in denen ein solches Erinnern stattfindet, werde ich mich den Fragen nach dem Warum, dem Wie, dem Wann und dem Wer in Bezug auf die Erinnerung an Louise Otto-Peters widmen, deren 200. Geburtstag wir dieses Jahr erinnern.

Warum erinnern sich Gesellschaften – genauer gesagt: Menschen in Gesellschaften – der Vergangenheit? Was ist so wichtig daran, auf bereits Vergangenes zurückzugreifen? Geschichte beziehungsweise die Erzählungen über das Vergangene legitimieren auf der einen Seite Institutionen (wie den Staat) oder Gruppen (wie Parteien), auf der anderen Seite steuern sie auch Handlungen in der Gegenwart. "Die Bilder der Vergangenheit legitimieren die gegenwärtige Sozialordnung, in dem die Mitglieder ein gemeinsames Gedächtnis pflegen – tun sie dies nicht mehr, ist ein Verlust gemeinsamer Wirklichkeit die Folge."[5] Diese Definition des Kulturwissenschaftlers Mathias Berek macht deutlich, dass es beim Erinnern immer darum geht, Vergangenheit für die Gegenwart nutzbar zu machen. Es gibt keine "richtige" und keine "falsche" Erinnerung, vielmehr gibt es in der Gegenwart ein Ringen von verschiedenen Gruppen um die Anerkennung ihrer (kollektiven) Erinnerung, um ihren Gebrauch der Vergangenheit und damit um ihre aktuelle soziale Praxis. Für Gruppen, die nicht dem Mainstream der Gesellschaft angehören, ist das gemeinsame Erinnern ein Akt der Selbstbehauptung gegenüber einem Umfeld, das deren Existenz negiert. Dies ist von besonderer Bedeutung, weil das Erinnern das Handeln in der Gegenwart legitimiert. Hier wird deutlich, wie wichtig eine gemeinsame Vergangenheitskonstruktion für alle sozialen Bewegungen – auch die Frauenbewegung – ist. Diese Überlegungen zum Ausgangspunkt nehmend, stellt sich die Frage, zu welchen Zeitpunkten eine gemeinsame Erinnerung an Louise Otto-Peters von wem aufgerufen wurde und zu welchem Zweck diese erfolgte.

Erste Zeitungsberichte und ein würdigendes Lebensbild

Bereits im zweiten Heft einer der wichtigsten Frauenbewegungszeitschriften des ausgehenden 19. Jahrhunderts – "Die Frau", herausgegeben von Helene Lange – findet sich ein Artikel zu Louise Otto-Peters.[6] Hierin werden sie und Auguste Schmidt, langjährige Mitarbeiterin von Otto-Peters und Mitgründerin des Allgemeinen Deutschen Frauenvereins (ADF), als wichtige Triebfedern einer frühen Frauenbewegung vorgestellt und auf ihre historische Bedeutung eingegangen. Deutlicher wurde Lange anderthalb Jahre später, als sie zum Tod von Louise Otto-Peters eine Würdigung veröffentlichte. Hier werden nun zum ersten Mal verschiedene Diskursformationen aufgerufen, die das Bild der zu Ehrenden in den kommenden Jahren und Jahrzehnten prägen sollten. "[D]ie Veteranin der deutschen Frauenbewegung (…) unsere Bahnbrecherin (…) und am Anfang der Reihe stand (…) Louise Otto."[7] Louise Otto-Peters wird hier als Begründerin der Frauenbewegung dargestellt.

Besonders deutlich wird dies in der ersten großen Erinnerungsschrift für Otto-Peters, die von Auguste Schmidt sowie Hugo Rösch, der bereits eine Lebenserinnerung an August Peters verfasst hatte, drei Jahre nach ihrem Tod vorgelegt wurde. Hierin wird detailliert der Lebenslauf von Otto-Peters nachgezeichnet und vor allem ihr Engagement im ADF nacherzählt. Spannend ist, dass Auguste Schmidt sich darüber beklagt, dass es viele Frauen gibt "nicht nur im deutschen Reich, sondern selbst in Leipzig, welche fragen: ‚Wer war Louise Otto, ich habe diesen Namen nie gehört?‘" Sie fährt fort: "Viele Namen, die weit bekannter sind und selbst von den Fernstehenden unaufhörlich mit der Frauenbewegung in Verbindung gebracht werden, schwirren von Mund zu Mund, die eigentliche Schöpferin der Frauenbewegung ist in diesen Kreisen ebenso wenig bekannt wie die Urheber vieler wichtigen [sic!] Erfindungen."[8] Auch sie erinnert Louise Otto-Peters als ideellen Ausgangspunkt der Frauenbewegung, als diejenige, die die Idee der Frauenbewegung als erste formulierte und sich ihr Leben lang dafür einsetzte, diese Idee in die Tat umzusetzen. Das Denkmal, das ihr der ADF in Leipzig errichten ließ, trägt deswegen auch die Inschrift: "Der Führerin auf neuen Bahnen".[9]

Dieser Tradition folgte auch das "Handbuch der Frauenbewegung", dessen erster Band 1901, sechs Jahre nach dem Tod von Louise Otto-Peters, erschien. Mit diesem Handbuch, herausgegeben von Helene Lange und Gertrud Bäumer, unternahm die bürgerliche Frauenbewegung einen ersten Versuch, das Wissen, das in der eigenen Bewegung vorhanden war, zusammenzufassen und zu bewerten. Durch diesen Schritt bildete sich ein wichtiger Ausgangspunkt für spätere, auch wissenschaftliche Nacherzählungen. Die Verfasserin des grundlegenden Artikels zur Geschichte der Frauenbewegung in Deutschland, Gertrud Bäumer, stellt Louise Otto als 1848er Revolutionärin, als politische Schriftstellerin und sozial engagierte Redakteurin einer eigenen Frauenzeitung vor, die sich auch um die Belange der Arbeiterinnen kümmert. Für die Geschichte der Frauenbewegung wird sie – so Bäumer – bedeutungsvoll, weil sie "elementar, wahr und natürlich, ungewollt und ungekünstelt (…) der deutschen Volksseele" Bahn bricht, weil sie der deutschen Frau klar macht, dass sie "nicht an die Schranken der Familie" gebunden ist, sondern eine "persönliche Anteilnahme am Geschicke der Nation" hat. "In diesem Gefühl aber wurzelt die deutsche Frauenbewegung."[10] Auch in diesem Text wird Louise Otto-Peters als geistige Wegbereiterin der Frauenbewegung erzählt.

In all diesen Schriften steht Louise Otto-Peters als Person im Vordergrund; das Erinnern an sie wird dazu genutzt, der Frauenbewegung einen biografischen Ausgangspunkt zu geben und durch die gemeinsame Vergangenheit die Bewegung in der Gegenwart zu einen.

Fußnoten

1.
Helli Knoll, Unser Weg zur Freiheit. Festvortrag von Frau Helli Knoll in der Frankfurter Paulskirche zum interzonalen Frauenkongress am 22. Mai 1948, Institut für Stadtgeschichte Frankfurt, PIA 111/IV; S. 5–6.
2.
Ebd., S. 7.
3.
Ebd., S. 6.
4.
Susanne Kinnebrock, Wer erinnert sich wo an was? Funktionen von personenbezogenen Gedenktagen in unterschiedlichen Öffentlichkeiten, in: Ariadne 50/2006, S. 8–15, hier S. 8.
5.
Mathias Berek, Kollektives Gedächtnis und die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit. Eine Theorie der Erinnerungskulturen, Wiesbaden 2009, S. 52.
6.
Helene Lange, Führerinnen des Allgemeinen Deutschen Frauenvereins, in: Die Frau 2/1893, S. 84–87.
7.
Dies., Luise Otto-Peters †, in: Die Frau 7/1895, S. 402f.
8.
Auguste Schmidt/Hugo Rösch, Louise Otto-Peters. Die Dichterin und Vorkämpferin für Frauenrecht. Ein Lebensbild, Leipzig 1898, S. 99.
9.
Ebd., S. 99.
10.
Gertrud Bäumer, Die Geschichte der Frauenbewegung in Deutschland, in: Helene Lange/dies. (Hrsg.), Handbuch der Frauenbewegung, Bd. 1, Berlin 1901, S. 1–166, hier S. 34f.
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