Porträt von Louise Otto-Peters auf dem Giebel eines Hauses in der Altstadt von Meissen
1|2|3 Auf einer Seite lesen

15.2.2019 | Von:
Kerstin Wolff

Erinnerungswege. Über die Erinnerung an Louise Otto-Peters in der Frauenbewegung

Zwischen dem 22. und 24. Mai 1948 fand in Frankfurt am Main ein Interzonaler Frauenkongress statt. Direkt im Anschluss an die Gedenkfeierlichkeiten zur deutschen Revolution von 1848 gelegen, knüpften auch die Organisatorinnen des Frauenkongresses bewusst an die Tradition der Revolution an. Sie wollten mit dieser Veranstaltung, an diesem Ort und mit der Erinnerung an den gescheiterten demokratischen Aufbruch den Aufbau einer neuen Frauenbewegung vorantreiben und gezielt die Nachkriegsfrauenbewegung mit der Frauenbewegung um 1848 verknüpfen. Helli Knoll vom Frankfurter Frauenverband sprach deshalb in ihrem Festvortrag unter dem Titel "Unser Weg zur Freiheit" von der "Verpflichtung (…) die der Einsatz der Frauen von 1848 für uns mit sich bringe"[1] und von der Dankbarkeit, die die jüngeren Frauen den Vorkämpferinnen entgegenbringen sollten. Die Rednerin ging aber noch weiter und verband die Opfer der Revolution von 1848/49 mit den Opfern des Nationalsozialismus: "Wir wollen jener Freiheitskämpfer der Revolution von 1848 gedenken, unserer toten Kämpferinnen der Frauenbewegung und all jener Opfer, die die grausame Diktatur, die das Hitler-Regime forderte."[2] Auch dies geschah in der Absicht, durch das Knüpfen des langen Erinnerungsbandes an die demokratischen Strömungen in Deutschland anzuschließen und gleichzeitig zu verdeutlichen, dass auch Frauen an demokratischen Staatsstrukturen mitgearbeitet hatten. Daraus folgte für Knoll die Verpflichtung der deutschen Nachkriegsfrauenbewegung, sich einzumischen und den demokratischen Neubeginn zu begleiten.

Bei diesem Wiederanknüpfen an die Traditionen der Frauenbewegung des 19. Jahrhunderts wurde an eine Frau besonders erinnert, die wie keine zweite sowohl für die Revolution von 1848/49 als auch für den Beginn und den Ausbau der Frauenbewegung in Deutschland stand: Louise Otto-Peters. Für Knoll war sie die "Gründerin der deutschen Frauenbewegung", eine "leidenschaftliche Kämpferin für Recht und Freiheit", die "erste deutsche Frau, die es wagte, ihre Geschlechtsgenossinnen zum Kampf für das Selbstbestimmungsrecht der Frau, zum Kampf für die Freiheit der Frau, aufzurufen".[3] Mit dieser Erinnerung und mit der Bezeichnung als "Gründerin der Frauenbewegung" führte Helli Knoll in Frankfurt eine Tradition fort, die sich schon in der Frauenbewegung vor 1933 etabliert hatte, die Tradition, Louise Otto-Peters als Gründerin der Frauenbewegung in Deutschland zu erinnern und zu feiern.

Erinnerungen – Traditionsbildung für das heute

Susanne Kinnebrock hat darauf aufmerksam gemacht, dass neben "Wer erinnert sich wo an was?" immer auch gefragt werden muss: Und warum? Warum benötigt eine soziale Bewegung überhaupt ein Personengedenken? Welche Funktion erfüllt dieses?[4] Während sich Kinnebrock als Kommunikationswissenschaftlerin verschiedenen Öffentlichkeiten zuwendet, in denen ein solches Erinnern stattfindet, werde ich mich den Fragen nach dem Warum, dem Wie, dem Wann und dem Wer in Bezug auf die Erinnerung an Louise Otto-Peters widmen, deren 200. Geburtstag wir dieses Jahr erinnern.

Warum erinnern sich Gesellschaften – genauer gesagt: Menschen in Gesellschaften – der Vergangenheit? Was ist so wichtig daran, auf bereits Vergangenes zurückzugreifen? Geschichte beziehungsweise die Erzählungen über das Vergangene legitimieren auf der einen Seite Institutionen (wie den Staat) oder Gruppen (wie Parteien), auf der anderen Seite steuern sie auch Handlungen in der Gegenwart. "Die Bilder der Vergangenheit legitimieren die gegenwärtige Sozialordnung, in dem die Mitglieder ein gemeinsames Gedächtnis pflegen – tun sie dies nicht mehr, ist ein Verlust gemeinsamer Wirklichkeit die Folge."[5] Diese Definition des Kulturwissenschaftlers Mathias Berek macht deutlich, dass es beim Erinnern immer darum geht, Vergangenheit für die Gegenwart nutzbar zu machen. Es gibt keine "richtige" und keine "falsche" Erinnerung, vielmehr gibt es in der Gegenwart ein Ringen von verschiedenen Gruppen um die Anerkennung ihrer (kollektiven) Erinnerung, um ihren Gebrauch der Vergangenheit und damit um ihre aktuelle soziale Praxis. Für Gruppen, die nicht dem Mainstream der Gesellschaft angehören, ist das gemeinsame Erinnern ein Akt der Selbstbehauptung gegenüber einem Umfeld, das deren Existenz negiert. Dies ist von besonderer Bedeutung, weil das Erinnern das Handeln in der Gegenwart legitimiert. Hier wird deutlich, wie wichtig eine gemeinsame Vergangenheitskonstruktion für alle sozialen Bewegungen – auch die Frauenbewegung – ist. Diese Überlegungen zum Ausgangspunkt nehmend, stellt sich die Frage, zu welchen Zeitpunkten eine gemeinsame Erinnerung an Louise Otto-Peters von wem aufgerufen wurde und zu welchem Zweck diese erfolgte.

Erste Zeitungsberichte und ein würdigendes Lebensbild

Bereits im zweiten Heft einer der wichtigsten Frauenbewegungszeitschriften des ausgehenden 19. Jahrhunderts – "Die Frau", herausgegeben von Helene Lange – findet sich ein Artikel zu Louise Otto-Peters.[6] Hierin werden sie und Auguste Schmidt, langjährige Mitarbeiterin von Otto-Peters und Mitgründerin des Allgemeinen Deutschen Frauenvereins (ADF), als wichtige Triebfedern einer frühen Frauenbewegung vorgestellt und auf ihre historische Bedeutung eingegangen. Deutlicher wurde Lange anderthalb Jahre später, als sie zum Tod von Louise Otto-Peters eine Würdigung veröffentlichte. Hier werden nun zum ersten Mal verschiedene Diskursformationen aufgerufen, die das Bild der zu Ehrenden in den kommenden Jahren und Jahrzehnten prägen sollten. "[D]ie Veteranin der deutschen Frauenbewegung (…) unsere Bahnbrecherin (…) und am Anfang der Reihe stand (…) Louise Otto."[7] Louise Otto-Peters wird hier als Begründerin der Frauenbewegung dargestellt.

Besonders deutlich wird dies in der ersten großen Erinnerungsschrift für Otto-Peters, die von Auguste Schmidt sowie Hugo Rösch, der bereits eine Lebenserinnerung an August Peters verfasst hatte, drei Jahre nach ihrem Tod vorgelegt wurde. Hierin wird detailliert der Lebenslauf von Otto-Peters nachgezeichnet und vor allem ihr Engagement im ADF nacherzählt. Spannend ist, dass Auguste Schmidt sich darüber beklagt, dass es viele Frauen gibt "nicht nur im deutschen Reich, sondern selbst in Leipzig, welche fragen: ‚Wer war Louise Otto, ich habe diesen Namen nie gehört?‘" Sie fährt fort: "Viele Namen, die weit bekannter sind und selbst von den Fernstehenden unaufhörlich mit der Frauenbewegung in Verbindung gebracht werden, schwirren von Mund zu Mund, die eigentliche Schöpferin der Frauenbewegung ist in diesen Kreisen ebenso wenig bekannt wie die Urheber vieler wichtigen [sic!] Erfindungen."[8] Auch sie erinnert Louise Otto-Peters als ideellen Ausgangspunkt der Frauenbewegung, als diejenige, die die Idee der Frauenbewegung als erste formulierte und sich ihr Leben lang dafür einsetzte, diese Idee in die Tat umzusetzen. Das Denkmal, das ihr der ADF in Leipzig errichten ließ, trägt deswegen auch die Inschrift: "Der Führerin auf neuen Bahnen".[9]

Dieser Tradition folgte auch das "Handbuch der Frauenbewegung", dessen erster Band 1901, sechs Jahre nach dem Tod von Louise Otto-Peters, erschien. Mit diesem Handbuch, herausgegeben von Helene Lange und Gertrud Bäumer, unternahm die bürgerliche Frauenbewegung einen ersten Versuch, das Wissen, das in der eigenen Bewegung vorhanden war, zusammenzufassen und zu bewerten. Durch diesen Schritt bildete sich ein wichtiger Ausgangspunkt für spätere, auch wissenschaftliche Nacherzählungen. Die Verfasserin des grundlegenden Artikels zur Geschichte der Frauenbewegung in Deutschland, Gertrud Bäumer, stellt Louise Otto als 1848er Revolutionärin, als politische Schriftstellerin und sozial engagierte Redakteurin einer eigenen Frauenzeitung vor, die sich auch um die Belange der Arbeiterinnen kümmert. Für die Geschichte der Frauenbewegung wird sie – so Bäumer – bedeutungsvoll, weil sie "elementar, wahr und natürlich, ungewollt und ungekünstelt (…) der deutschen Volksseele" Bahn bricht, weil sie der deutschen Frau klar macht, dass sie "nicht an die Schranken der Familie" gebunden ist, sondern eine "persönliche Anteilnahme am Geschicke der Nation" hat. "In diesem Gefühl aber wurzelt die deutsche Frauenbewegung."[10] Auch in diesem Text wird Louise Otto-Peters als geistige Wegbereiterin der Frauenbewegung erzählt.

In all diesen Schriften steht Louise Otto-Peters als Person im Vordergrund; das Erinnern an sie wird dazu genutzt, der Frauenbewegung einen biografischen Ausgangspunkt zu geben und durch die gemeinsame Vergangenheit die Bewegung in der Gegenwart zu einen.

50 Jahre Frauenbewegung und die Zeit der Weimarer Republik

Mitten im Ersten Weltkrieg, 1915, beging der ADF seinen 50. Geburtstag. Anlässlich dieses Jubiläums hielt die Erste Vorsitzende, Helene Lange, einen Vortrag, der in der Oktoberausgabe ihrer Zeitschrift "Die Frau" abgedruckt wurde. In diesem Text wird nun zum ersten Mal – nach meinen Recherchen – die Argumentationsfigur, Louise Otto-Peters sei die Gründerin der deutschen Frauenbewegung, aufgerufen. So schrieb Lange über die Gründung des ADF: "Dem Tag des Jahres 1865, an dem die Begründerinnen unseres Vereins, Luise Otto und Auguste Schmidt, mit wenigen Gleichgesinnten den Allgemeinen Deutschen Frauenverein und damit die organisierte deutsche Frauenbewegung ins Leben riefen, geht eine Vorgeschichte voran."[11] Und auch in den "Neuen Bahnen", in denen der Vortrag in gekürzter Fassung erschien, wird in einer kurzen Zusammenfassung der Feierlichkeiten diese Diskursfigur aufgenommen: "Den stimmungsvollen Auftakt zu der Tagung bildete am Nachmittag des 26. September eine Feier an der Büste der Begründerin des Allgemeinen Deutschen Frauenvereins und mithin der deutschen Frauenbewegung, Louise Otto-Peters."[12] Schon alleine die Tatsache, dass 1915 das Jubiläum der Frauenbewegung begangen wurde, dieses also nicht an die Lebensdaten von Louise Otto-Peters geknüpft worden war, sondern an die Gründung des ADF, zeigt, dass sich hier der Akzent weg von der Person, hin zur Institution verschob. Louise Otto-Peters wurde zur Begründerin der Frauenbewegung insgesamt, und durch die Verschiebung der Erinnerung von der Person auf die Institution erreichte die Erinnerungsarbeit der Frauenbewegung, dass ein immer noch bestehender Frauenverein ins Zentrum rückte und dieser das Jubiläum für seine aktuelle Arbeit nutzen konnte.

Allerdings ließen die Protagonistinnen der Frauenbewegung an diesem Punkt die Erinnerung an Louise Otto-Peters nicht gänzlich fallen. Vielmehr knüpften sie ein enges Band zwischen ADF und ihrer Person. An diesem Punkt nun – so meine These – trat die Denkfigur von Louise Otto-Peters als Gründerin des ADF und somit als Gründerin der Frauenbewegung allgemein auf den Plan. Das Jubiläum des ADF wurde von der zu diesem Zeitpunkt den ersten Vorsitz innehabenden Helene Lange dafür genutzt, diese Verknüpfung herzustellen, und damit sich selbst als erste Vorsitzende des Verbandes zu legitimieren und zu stärken, denn in den Fußstapfen von Louise Otto-Peters zu stehen, bedeutete, die ruhmreiche Tradition der frühen Frauenbewegung und der liberalen Revolution von 1848/49 fortzuführen. Die ab den 1890er Jahren eingesetzten Flügelbildungen, Abspaltungen und Differenzierungen innerhalb der Frauenbewegung wurden mit dem Rückgriff auf die "Gründerin" und den Gründungsverein überspannt und die Einheit der Frauenbewegung betont – eine sinnvolle Vorgehensweise in einer Zeit, in der alle Meinungsverschiedenheiten innerhalb der Kriegsgesellschaft zu schweigen hatten.

In der Weimarer Republik, in der sich die staatliche Grundlage der Frauenbewegung stark veränderte, da durch die Einführung des Frauenwahlrechts die Frauen zu Staatsbürgerinnen geworden waren, schien die Zeit für Erinnerungen an den Bewegungsbeginn und an die ersten Protagonistinnen nicht sehr günstig zu sein. Neben eine bedrohliche Finanzsituation traten organisatorische Veränderungen der Vereinsarbeit der Frauenbewegung insgesamt. Trotzdem entstanden in dieser Situation ab 1927 die "Quellenhefte zum Frauenleben in der Geschichte", herausgegeben von Emmy Beckmann und Irma Stoß.[13] Das Heft zu den Anfängen der Frauenbewegung schrieb Helene Lange, die der einmal eingeschlagenen Argumentationsrichtung treu blieb und auch hier die ADF-Gründerin als Begründerin der Frauenbewegung insgesamt aufrief.

Die Frage stellt sich aber an dieser Stelle, ob diese Erzähltradition in anderen Werken aus der Frauenbewegung der damaligen Zeit ebenfalls auftaucht, also wie erfolgreich Helene Lange als Chronistin und Interpretin der Geschichte der Frauenbewegung gewesen ist. Exemplarisch möchte ich hier auf das Buch von Agnes von Zahn-Harnack – der letzten Vorsitzenden des Bundes Deutscher Frauenvereine – eingehen, die 1928 in Berlin das Buch "Die Frauenbewegung. Geschichte, Probleme, Ziele" veröffentlichte.[14] Da die Autorin nicht chronologisch vorgeht, sondern thematisch, findet sich der Absatz zum Beginn der Frauenbewegung im Kapitel zu den Frauenbildungs- und Frauenberufsvereinen. Zahn-Harnack schildert darin den Beginn der Frauenbewegung nicht so dezidiert wie Helene Lange – trotzdem geht die Erzählung in eine ähnliche Richtung: "Die 40er Jahre sind darum so unauflöslich mit dem Anfang der Frauenbewegung verbunden, weil die Stürme der Revolution auch vor dem eingeschreinten und eingesargten Frauenleben nicht haltmachten. Die Enge zu sprengen, das wurde die große Sehnsucht der Frau; sie suchte sich hierzu Bundesgenossen und so entstanden, (…) die ersten Frauenvereinsbildungen und die ersten Frauenbildungsvereine. (…) Louise Otto-Peters war es, die in Gemeinschaft mit Auguste Schmidt die Gründung plante und vollzog, und ihr Name gehört als erste in das goldene Buch der Frauenbewegung."[15]

Zusammenfassend kann hier festgestellt werden, dass die starke Verknüpfung zwischen der Gründung des ADF 1865 in Leipzig als Beginn der Frauenbewegung und der Person von Louise Otto-Peters sich ab 1915 durchzusetzen begann. Formuliert hatte diese Verknüpfung Helene Lange, die damit darauf verwies, in welcher Tradition sie sich selbst verstand. Die Funktion der Erinnerung an Louise Otto-Peters lag in der Idee einer Gründungsgeschichte, eines gemeinsamen Beginns der Frauenbewegung, die das Handeln in der Gegenwart legitimieren sollte.

In Nachkriegszeit und Zweiter Frauenbewegung

Wie und dass die sich wiedergründende Frauenbewegung an Louise Otto-Peters anknüpfte, wurde bereits für das Jahr 1948 beschrieben. Diese Erinnerungsspur wurde dann vor allem in den 1950er Jahren genutzt, um das scheinbar verloren gegangene Wissen um die Geschichte der Frauenbewegung zu erneuern und damit die Vergangenheit für Gegenwart und Zukunft der Bewegung zu nutzen. Eine besonders wichtige Erinnerungsschrift erschien Anfang der 1950er Jahre und trug den Titel "Hundert Jahre Frauenbewegung in Deutschland", Verfasserin war die CDU-Politikerin und Leiterin des Frauenfunks des Hessischen Rundfunks, Gabriele Strecker; Herausgeberin das Büro für Frauenfragen in der Gesellschaft zur Gestaltung öffentlichen Lebens, später Büro für staatsbürgerliche Frauenarbeit genannt.[16] Dieses Büro war eingebunden in die Reeducation-Politik der US-amerikanischen Besatzer und wurde durch Marshallplangelder in Wiesbaden gegründet und finanziert. Hauptaufgabe des Büros bestand darin, "Frauen für eine Teilnahme am öffentlichen Leben zu interessieren sowie bereits politisch partizipierende Frauen zu fördern und zu unterstützen".[17] Wenn dieses Büro nun eine Schrift zur historischen Entwicklung der Frauenbewegung in Deutschland herausgab, kann davon ausgegangen werden, dass hier ein Versuch gestartet wurde, ein offizielles beziehungsweise ein staatlich gewolltes Erzählmuster zu präsentieren.

Ideengeschichtlich lässt Gabriele Strecker die Frauenbewegung mit den Vorstellungen der Französischen Revolution beginnen, um dann aber bereits auf Louise Otto-Peters zu sprechen zu kommen, "die sich in der politischen Luft der 48er Jahre zu einer ungewöhnlichen Persönlichkeit entwickelt hatte (…) [und] im Jahr 1865 in Leipzig den ‚Allgemeinen Deutschen Frauenverein‘ [gründete]. Damit beginnt die Geschichte der organisierten deutschen Frauenbewegung."[18] Strecker nimmt damit exakt die Erzählweise auf, die von Helene Lange 1915 gesetzt wurde, und verknüpft damit lückenlos die Nachkriegsfrauenbewegung mit der bürgerlich (gemäßigten) Frauenbewegung um Lange.

Was wie eine persönliche Entscheidung dieser Autorin anmutet, wird bei genauerer Betrachtung allerdings zu einer hochgradig politisch aufgeladenen Erzählung. Denn die Frauenbewegung der Nachkriegszeit wurde ebenso wie das Land in zwei Hälften gespalten, die jeweils einen Teil der Geschichte für sich beanspruchten. Ging die Geschichte der proletarischen Frauenbewegung in die spätere DDR, um hier das Frauen- und Emanzipationsbild zu legitimieren, übernahm die Bundesrepublik die gemäßigt bürgerlichen Vorbilder, um ebenfalls die eigene Vorgehensweise argumentativ abzustützen. Damit wurde billigend in Kauf genommen, dass Arbeitsweisen und Themen "vergessen" beziehungsweise nicht tradiert wurden, die sich auf dem "linken" beziehungsweise sich als "radikal" verstehenden Flügel der bürgerlichen Frauenbewegung befunden hatten – auch die pazifistische Tradition in der Weimarer Republik wurde ignoriert. Die Wiedergründung der Frauenbewegung in der Bundesrepublik war damit bürgerlich-gemäßigt geprägt,[19] und dies blieb sie auch, bis Ende der 1960er Jahre die "neue" oder "zweite" Frauenbewegung startete, die sich "bewusst von der etablierten, traditionellen und zahm gewordenen Politik der Frauenverbände absetzte".[20] Die Erinnerung an Louise Otto-Peters hatte in der unmittelbaren Nachkriegszeit also die Funktion, an den "richtigen", sprich bürgerlich-gemäßigten Flügel der Frauenbewegung anzuknüpfen.

Die neue Welle der Frauenbewegung in Deutschland, die von jungen Frauen getragen wurde, die nichts mit den älteren Frauen in den Verbänden zu tun hatten, erlebte sich daher als "geschichtslos". So sprach zum Beispiel Silvia Bovenschen, ein aktives Mitglied der autonomen Frauenbewegung der 1970er Jahre, in einem Interview mit dem "Spiegel" im Februar 2011 vom Kampf der Geschlechter in der Vergangenheit und bekannte: "Wir wussten von alldem nichts, als wir 1968 an der Uni begannen, uns mit dem Phänomen zu beschäftigen, dass immer nur die Männer die großen Reden hielten und die Frauen die Flugblätter tippten."[21] Und auch Alice Schwarzer betont in ihrer Autobiografie, dass sie – und andere Frauen der autonomen Bewegung – 1972 fest davon überzeugt waren, die Ersten zu sein. "Ich weiß fast nichts über unsere Vorläuferinnen, die Historische Frauenbewegung." Lediglich ein paar Namen seien bekannt: "Die einzigen Namen, die ich kenne, sind die der Sozialistin Clara Zetkin (1857–1933) und der mit den Sozialisten zusammenarbeitenden Frauenrechtlerin Louise Otto-Peters (1819–1895). Sie haben in den Geschichtsbüchern überlebt."[22]

Hier zeigt sich, dass Louise Otto-Peters zu einer der wenigen historischen Frauen gehörte, die aus der Geschichte des Frauenemanzipationskampfes des 19. Jahrhunderts durchgängig erinnert wurden. Wie ist dies zu deuten? Es steht zu vermuten, dass die Erinnerung an Louise Otto-Peters sich aus der Erinnerungskultur der Frauenbewegung langsam herausgelöst hatte, da sie durch die Geschichtswissenschaft auch als 1848er Revolutionärin und frühe Sozialreformerin entdeckt worden war. Sie und ihre Texte zur sozialen Lage der Frauen in der Mitte des 19. Jahrhunderts waren nicht nur in der Literatur der Frauenbewegung selbst rezipiert worden, sondern wurden auch recht früh in der einsetzenden wissenschaftlichen Forschung zu Vormärz und Revolutionszeit wahrgenommen.[23]
Louise Otto-Peters gehört aber auch zu den ganz wenigen "gemäßigten" Protagonistinnen der bürgerlichen Frauenbewegung, die im Rahmen der neu entstehenden Frauengeschichte genannt wurden. Dies ist erstaunlich, denn die historische Frauenforschung verstand sich zu Beginn als Teil einer Identitätssuche, in deren "Mittelpunkt der dortigen Forschungspräsentationen zunächst jene ‚radikalen‘ Traditionen [standen], die mehr als vierzig Jahre verschollen waren, und zu deren Themen und Positionen sich eine – vermeintlich ungebrochene – Verbindung zur Gegenwart herstellen ließ".[24] Damit hatte sich die Erinnerung an Louise Otto-Peters endgültig aus der Eigengeschichte der bürgerlich-gemäßigten Frauenbewegung gelöst. Spannend ist, dass sie aber auch hier als Gründerin der Frauenbewegung beschrieben wurde und damit die Diskurstradition der Frauenbewegung fortgesetzt wurde. Die Funktion der Erinnerung bestand nun in einem wissenschaftlichen Erkenntnisinteresse, die den Ausgangspunkt der Frauenbewegung markieren wollte. Dass die historische Wissenschaft damit relativ unbekümmert und unreflektiert eine Tradition der bürgerlichen Frauenbewegung übernahm, steht auf einem anderen Blatt.

Nicht vergessen werden sollte an dieser Stelle, dass Louise Otto-Peters auch in der Forschungstradition der DDR ihren Platz fand. 1966/67 entstand am Lehrstuhl Geschichte des damaligen Pädagogischen Instituts Leipzig eine Forschungsgruppe zur Erforschung der Geschichte der proletarischen Frauenbewegung. Die Akademie der Wissenschaften hatte diesen Arbeitsschwerpunkt vorgeschlagen, als deutlich geworden war, dass bei der Aufarbeitung der Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung die Frauen fast gänzlich vernachlässigt worden waren. Hans-Jürgen Arendt, einer der Mitglieder dieser – übrigens zu Beginn lediglich aus Männern bestehenden – Forschungsgemeinschaft erinnerte sich 1991 folgendermaßen an die Situation: "Die SED besaß jedoch ein elementares Interesse, sich des ungehobenen Schatzes anzunehmen, seit die unter Walter Ulbrichts Leitung ausgearbeitete achtbändige ‚Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung‘ (1966) unter diesem Aspekt auf Kritik gestoßen war."[25] In der Folge entstanden zahlreiche Arbeiten, unter anderem eine Chronik, die mit "Zur Rolle der Frau in der Geschichte des Deutschen Volkes (1830–1945)" überschrieben war und 1984 publiziert wurde. Und auch hier wird – obwohl der Schwerpunkt auf der Geschichte der proletarischen Frauenbewegung liegt – auf Louise Otto-Peters verwiesen und auf ihre Rolle als ADF-Gründerin, mit dem "die gesamtnational organisierte bürgerliche Frauenbewegung in Deutschland" beginnt.[26] Die Idee der Gründung der bürgerlichen Frauenbewegung durch Louise Otto-Peters hatte sich damit auch in der proletarischen Geschichtsauffassung verfestigt.

Und heute?

Die Erinnerung an Louise Otto-Peters ist bis heute ungebrochen. Auf vielen digitalen Seiten[27] wie auch auf gedruckten findet sich Louise Otto-Peters als Ideengeberin, langjährige Erste Vorsitzende des Allgemeinen Deutschen Frauenvereins und damit als Gründerin der Frauenbewegung insgesamt. So formuliert beispielsweise Rosemarie Nave-Herz, die 1981 eine Geschichte der Frauenbewegung für die niedersächsische Landeszentrale für politische Bildung schrieb, gleich unter der Überschrift "Die Ausgangslage": "Als Gründerin der deutschen Frauenbewegung gilt Louise Otto-Peters (1819–1895), die von der politischen Begeisterung ihrer Zeit und den weltanschaulichen Ideen jener Epoche von Freiheit, Gleichheit, Selbständigkeit ganz erfaßt worden war und wegen ihrer politischen Poesie als ‚Lerche des Völkerfrühlings‘ gefeiert wurde" und packt in diesen einen Satz sowohl das Etikett der Gründerin als auch die Erinnerung an die Revolutionszeit.[28] Und auch in aktuelleren Werken findet sich der Zusammenhang von Gründung der Frauenbewegung und Louise Otto-Peters.[29]

Entscheidend für die Erinnerung an Louise Otto-Peters in der Zivilgesellschaft war die Gründung der Louise-Otto-Peters-Gesellschaft e.V. im Januar 1993 in Leipzig. Ziel des Vereins ist es, "Leben und Werk der Dichterin, Schriftstellerin, Journalistin, 1848er-Demokratin und Frauenpolitikerin Louise Otto-Peters (1819–1895) in der Öffentlichkeit bekanntzumachen und zu würdigen".[30] 1997 wurde das Louise-Otto-Peters-Archiv gegründet, und jährlich finden Louise-Otto-Peters-Tage und andere Veranstaltungen statt. Besonders hervorzuheben ist in diesem Zusammenhang das Engagement der mittlerweile verstorbenen Initiatorin, langjährigen Vorsitzenden und Ehrenvorsitzenden der Gesellschaft, Johanna Ludwig. Ihr ist es zu verdanken, dass die Erinnerung an Louise Otto-Peters in der Stadtgeschichtsschreibung Leipzigs verankert wurde.[31] Neben dem bereits erwähnten Denkmal gibt es heute in Leipzig einen Louise-Otto-Peters-Platz, die Louise-Otto-Peters-Allee, die Louise-Otto-Peters-Schule, und in der Kreuzstraße erinnert eine Gedenktafel an ihr Wohnhaus. Außerdem findet sich ihr Grabstein auf dem historischen Leipziger Alten Johannisfriedhof, der seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts nur noch als museale Parkanlage genutzt wird.[32] Einer breiteren Öffentlichkeit außerhalb Leipzigs und der Frauenbewegung mag sie bekannt(er) geworden sein durch die Gedenkbriefmarke der Deutschen Post 1974 anlässlich ihres 155. Geburtstages.

Heute gehört Louise Otto-Peters zum Kanon der wichtigen (Vor-)Kämpferinnen der Frauenbewegung in Deutschland. Sie wird als Gründerin der organisierten Frauenbewegung ebenso erinnert wie als 1848er Revolutionärin. Damit wird eine Tradition fortgesetzt, die von ihren Zeitgenossinnen bereits angestoßen, ausgearbeitet und verbreitet wurde. Als eine der ganz wenigen hat die Erinnerung an sie die verschiedenen Brüche der deutschen Geschichte überstanden, hat sie sich in den verschiedenen Wellen der Frauenbewegung immer behaupten können. Über die Gründe dafür kann an dieser Stelle nur spekuliert werden. Ich glaube, dass die Zwischenstellung von Otto-Peters zwischen früher Frauenbewegung und früher Arbeiterbewegung dazu geführt hat, dass sie in beiden Erinnerungskreisen rezipiert wurde. Und es kam ihr zugute, dass der bürgerlich-gemäßigte Flügel der Frauenbewegung, dem Helene Lange angehörte, sich schon recht früh einer eigenen Traditionsbildung annahm und Louise Otto-Peters darin einen prominenten Platz einnahm.[33] Ihr fiel die Aufgabe zu, als erinnerte Gründerin der Frauenbewegung die Bewegung zu einen und zu stärken, damit die Frauenbewegung der Gegenwart handlungsfähig für die Zukunft war.
1|2|3 Auf einer Seite lesen

Fußnoten

1.
Helli Knoll, Unser Weg zur Freiheit. Festvortrag von Frau Helli Knoll in der Frankfurter Paulskirche zum interzonalen Frauenkongress am 22. Mai 1948, Institut für Stadtgeschichte Frankfurt, PIA 111/IV; S. 5–6.
2.
Ebd., S. 7.
3.
Ebd., S. 6.
4.
Susanne Kinnebrock, Wer erinnert sich wo an was? Funktionen von personenbezogenen Gedenktagen in unterschiedlichen Öffentlichkeiten, in: Ariadne 50/2006, S. 8–15, hier S. 8.
5.
Mathias Berek, Kollektives Gedächtnis und die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit. Eine Theorie der Erinnerungskulturen, Wiesbaden 2009, S. 52.
6.
Helene Lange, Führerinnen des Allgemeinen Deutschen Frauenvereins, in: Die Frau 2/1893, S. 84–87.
7.
Dies., Luise Otto-Peters †, in: Die Frau 7/1895, S. 402f.
8.
Auguste Schmidt/Hugo Rösch, Louise Otto-Peters. Die Dichterin und Vorkämpferin für Frauenrecht. Ein Lebensbild, Leipzig 1898, S. 99.
9.
Ebd., S. 99.
10.
Gertrud Bäumer, Die Geschichte der Frauenbewegung in Deutschland, in: Helene Lange/dies. (Hrsg.), Handbuch der Frauenbewegung, Bd. 1, Berlin 1901, S. 1–166, hier S. 34f.
11.
Helene Lange, Fünfzig Jahre deutscher Frauenbewegung, in: Die Frau 1/1915, S. 2f.
12.
O.A., Die Jubiläumsversammlung des Allgemeinen Deutschen Frauenvereins, in: Neue Bahnen 20/1915, S. 161.
13.
Emmy Beckmann/Irma Stoß, Geleitwort, in: Quellenhefte zum Frauenleben in der Geschichte, Heft 17, Innenumschlag, Berlin 1927.
14.
Agnes von Zahn-Harnack, Die Frauenbewegung. Geschichte, Probleme, Ziele, Berlin 1928.
15.
Ebd., S. 162.
16.
Vgl. Tanja Roth, Gabriele Strecker – Leben und Werk einer frauenpolitischen Aktivistin in der Nachkriegszeit, Kassel 2016, S. 122.
17.
Ebd., S. 122.
18.
Gabriele Strecker, Hundert Jahre Frauenbewegung in Deutschland, Wiesbaden 1951, S. 9.
19.
Siehe Kerstin Wolff, Ein Traditionsbruch? Warum sich die autonome Frauenbewegung geschichtslos erlebte, in: Julia Paulus/Eva-Maria Silies/dies. (Hrsg.), Zeitgeschichte als Geschlechtergeschichte. Neue Perspektiven auf die Bundesrepublik, Frankfurt/M. 2012, S. 256–274.
20.
Ute Gerhard, Frauenbewegung in Deutschland – Gemeinsame und geteilte Geschichte, in: Ingrid Miethe/Silke Roth (Hrsg.), Europas Töchter. Traditionen, Erwartungen und Strategien von Frauenbewegungen in Europa, Opladen 2003, S. 81–100, hier S. 89.
21.
Silvia Bovenschen, Kinder sind die Falle, in: Der Spiegel, 10.1.2011, S. 108ff., hier S. 108.
22.
Alice Schwarzer, Lebenslauf, Köln 2011, S. 249.
23.
Vgl. beispielsweise Werner Thönnessen, Frauenemanzipation. Politik und Literatur der deutschen Sozialdemokratie zur Frauenbewegung 1863–1933, Frankfurt/M. 1969, S. 14, Anm. 4.; Margrit Twellmann, Die Deutsche Frauenbewegung. Ihre Anfänge und erste Entwicklung 1843–1889, Meisenheim/Gl. 1972; Ruth-Ellen Boetcher Joeres, Die Anfänge der deutschen Frauenbewegung: Louise Otto-Peters, Frankfurt/M. 1983.
24.
Julia Paulus/Kerstin Wolff, Selber schreiben – Beschrieben werden – Erforscht werden. 150 Jahre Frauenbewegung in Deutschland im Spiegel der (Selbst-)Erforschung, in: Ariadne 67–68/2015, S. 20–30, hier S. 24.
25.
Hans-Jürgen Arendt, Schwarze Wolken über dem Leipziger Forschungszentrum ‚Frauen in der Geschichte‘, in: Ariadne 20/1991, S. 70f., hier S. 70.
26.
Ders./Siegfried Scholze (Hrsg.), Zur Rolle der Frau in der Geschichte des Deutschen Volkes (1830 bis 1945) – Eine Chronik, Frankfurt/M. 1983, S. 21.
27.
Vgl. beispielsweise das bpb-Dossier zur Frauenbewegung, http://www.bpb.de/gesellschaft/gender/frauenbewegung«; die Geschichte der Frauenbewegung auf dem Blog Die Störenfriedas, https://diestoerenfriedas.de/die-geschichte-der-frauenbewegung-deutschland, oder auf Focus-online, die mit einem Bild von Louise Otto-Peters beginnt, http://www.focus.de/wissen/mensch/geschichte/frauenbewegung«.
28.
Rosemarie Nave-Herz, Geschichte der Frauenbewegung in Deutschland, Hannover 19975, S. 7.
29.
Vgl. beispielsweise Michaela Karl, Die Geschichte der Frauenbewegung, Stuttgart 2011; Angelika Schaser, Frauenbewegung in Deutschland 1848–1933, Darmstadt 2006.
30.
Siehe http://www.louiseottopeters-gesellschaft.de«.
31.
Vgl. ebd.; Johanna Ludwig, Eigner Wille und eigne Kraft. Der Lebensweg von Louise Otto-Peters bis zur Gründung des Allgemeinen Deutschen Frauenvereins 1865. Nach Selbstzeugnissen und Dokumenten, Leipzig 2014.
32.
Siehe http://www.leipzig.de/freizeit-kultur-und-tourismus/parks-waelder-und-friedhoefe/parks-und-gruenanlagen/alter-johannisfriedhof«.
33.
Kerstin Wolff, Eine eigene Geschichte schreiben. Frauenbewegungszeitschriften als vergessene Orte einer frühen Frauengeschichte, in: Feministische Studien 1/2017, S. 128–137.
Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. by-nc-nd/3.0/ Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/
Autor: Kerstin Wolff für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.